Fonds für bedrohte Papageien
Fonds für bedrohte Papageien

Der Gelbohrsittich (Ognorhynchus icterotis)
in Kolumbien Jahresbericht 1998

von Paul Salaman, Bernabe Lopez-Lanus und Niels Krabbe
übersetzt und bearbeitet von Marcellus Bürkle und Roland Wirth

Der Gelbohrsittich (Ognorhynchus icterotis) ist durch großflächigen Habitatverlust und Bejagung in seinem ohnehin begrenzten Lebensraum in den Hochanden Kolumbiens und Ecuadors eine der am meisten gefährdeten Papageienarten der Erde. Er ist vom Vorkommen der Wachspalmen (Ceroxylon spp.) in seinem Lebensraum abhängig, da diese Nahrungsquellen, Brutmöglichkeiten wie auch Rastplätze für die Vögel bieten.

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Auf der Suche nach Nahrung unternimmt der Gelbohrsittich mitunter lange Wanderungen in den Wäldern der Hochanden. Sämtliche Berichte über sein Vorkommen seit 1990 beschränkten sich auf lediglich zwei Schwärme mit jeweils maximal 20-24 Exemplaren, der eine in einem Wachspalmenwald in den ”Central Cordillera” von Kolumbien, und der andere in einem zum großen Teil gerodeten Waldstück im Westen von Ecuador. Durch die nomadische Lebensweise dieser Vögel ist der genaue Aufenthaltsort nicht zu jeder Jahreszeit exakt zu bestimmen, und Schutzmaßnahmen werden hierdurch erschwert. Es gibt auch keine bekannte Haltung des Gelbohrsittichs in Menschenobhut. Die Option eines Zuchtprogramms oder gar einer Wiederauswilderung besteht somit nicht. Zusätzlich zu dem von Niels Krabbe in Ecuador durchgeführten Projekt wurde 1998 das ”Projekto Ognorhynchus” ins Leben gerufen, um die wohl letzte Population des Gelbohrsittichs in Kolumbien zu erhalten.

Sichtungen des Gelbohrsittichs

Die Feldarbeit wurde von Juni bis Dezember 1998 von Bernabe Lopez- Lanus durchgeführt. Ziel war es, das genaue Verbreitungsgebiet, Status und Biologie des Gelbohrsittichs zu erforschen, um darauf aufbauend eine Strategie zum Schutz der Vögel erarbeiten zu können. Das Untersuchungsgebiet umfaßte fragmentierte Flächen ungeschützten Waldes in den ”Central Cordillera” von Kolumbien, von wo seit der Jahrhundertwende immer wieder Meldungen über das Vorkommen dieser Papageienart vorlagen. Außerdem ist dort das größte bekannte Vorkommen von Wachspalmen in ganz Kolumbien anzutreffen. Bernabe führte in diesen Wäldern eine intensive Suche nach Gelbohrsittichpopulationen durch, bekam aber lange Zeit keine Vögel zu Gesicht. Schließlich konnte er im April 1999 einen Schwarm von nicht weniger als 62 Gelbohrsittichen beobachten. Bis September erhöhte sich der gezählte Bestand sogar auf 82 Tiere. Mehrere Paare konnten beim Brutgeschäft beobachtet werden. Zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Berichts flogen erfolgreich Jungtiere aus einem der beobachteten Nester aus.

Andere bedrohte Papageien im Gebiet

Im weiteren Untersuchungsgebiet konnten noch zwei weitere bedrohte Papageienarten beobachtet werden, der Rotstirnsittich (Bolborhynchus ferrugineifrons) und der Hochlandsittich (Leptosittaca branickii). Der Hochlandsittich ist im Untersuchungsgebiet relativ verbreitet und wurde in Schwärmen bis zu 200 Tieren beobachtet. Eine bevorzugte Nahrungsquelle dieser Vögel sind ebenfalls Wachspalmen (C. quiniuense) und Früchte. Im Juli konnten vermehrt Jungvögel in den Schwärmen beobachtet werden. Es kam jedoch zu keinen Brutaktivitäten, bis im Dezember die Brutsaison mit der Inspektion von potentiellen Nisthöhlen erneut begann. Das Untersuchungsgebiet scheint eines der letzten Vorkommensgebiete des Hochlandsittichs und für sein Überleben von entscheidender Bedeutung zu sein. Interessanterweise konnte die Art im unmittelbaren Vorkommensgebiet des neu entdeckten Schwarms der Gelbohrsittiche nicht beobachtet werden; beide Arten könnten um Bruthöhlen oder andere Ressourcen konkurrieren. Der Rotstirnsittich wurde in einer Höhe von 3.300-4.000 Metern ü. NN. in kleinen Schwärmen von durchschnittlich neun Tieren beobachtet. Es können aber gelegentlich auch Schwärme von bis zu 150 Vögeln gesichtet werden.

Informations-Kampagne

Die Bewohner der Region spielen eine entscheidende Rolle für das Überleben der Art. Zusätzlich zu den Freilanduntersuchungen von Bernabe hat das Projekt zum Ziel, die lokalen ”Campensinos” und kleine Dorfgemeinschaften mit in das Projekt einzubinden. Gespräche Bernarbes mit diesen Gruppen haben interessante Aufschlüsse über das Verhältnis der Bevölkerung zum ”Loro Orejiamarillo”, wie der Gelbohrsittich dort genannt wird, gebracht. Nur wenige ”Campensinos” nehmen Notiz von diesen Vögeln, da sie keine ”Maisfresser” sind, und der Hochlandsittich wird hin und wieder als Haustier gehalten. Durch zahlreiche Gespräche, die Poster des Projektes sowie durch Vorträge in Schulen ist der Großteil der Bevölkerung im Untersuchungsgebiet über die Arbeit des Projektes bestens informiert. Eine Kampagne zum Stopp der Jagd auf den Gelbohrsittich scheint überflüssig, da die lokale Guerilla bereits ein Jagdverbot für alle Papageienarten in diesem Gebiet erlassen hat und auch überwacht. Zudem hat die regionale Naturschutzorganisation ”Corporacion Regional del Quindio” ihre Kooperation angeboten und will das Projekt mit 1500 Informationspostern unterstützen.

Gründe für die Bedrohung

Momentan scheint es im Untersuchungsgebiet keinen Mangel an geeigneten Nistplätzen zu geben, und das saisonale Auftreten von Früchten liefert geeignete Nahrungsquellen. Auch die Jagd spielt, zumindest in den letzten zehn Jahren, keine Rolle bei der Bedrohung des Gelbohrsittichs. Sein Verschwinden in diesem Jahrhundert scheint demnach die Folge des beträchtlichen Verlustes von Bergwäldern zu sein. Von Untersuchungen in Ecuador ist bekannt, daß Podocarpus spp. eine wichtige Nahrungsquelle für verschiedene Vogelarten sind. Der dramatische Verlust der Bergwälder in den Nordanden hat anscheinend zum Ausfall einer saisonal sehr wichtigen Nahrungsquelle für den Gelbohrsittich geführt. Alleine in Kolumbien sind 90-93% der ursprünglichen Bergwälder verschwunden. Außerdem kommt es durch zunehmende Viehzucht zu einer Überalterung der Wachspalmenbestände, da Sämlinge von den Rindern zertreten und gefressen werden. Obwohl die Wachspalmen selbst nur selten den Sägen der Holzfäller zum Opfer fallen, kommt es aber zu Schäden am Stamm der Palmen, die hierdurch anfällig für Parasiten und Pilzbefall werden.

Das Vorkommen dreier global bedrohter Papageienarten im Untersuchungsgebiet zeigt dessen Wichtigkeit für den internationalen Artenschutz. Offensichtlich aber ist es für die Rettung der Gelbohrsittiche unerläßliche, sämtliche Gebiete ausfindig zu machen, in denen sie sich das Jahr über aufhalten. Es ist unmöglich, einem Schwarm durch die schwer begehbaren Berggebiete zu folgen. Deshalb wurde nun erfolgreich ein erster Gelbohrsittich mit einem Radiosender ausgestattet. Mit seiner Hilfe konnten wichtige Informationen über die Wanderungsbewegungen und Aufenthaltsorte dieser Papageienart gewonnen werden, von denen bisher noch sehr wenig bekannt ist.

Das Projekt 2000

Die Feldstudien sollen mit dem Ziel fortgesetzt werden, genauere Informationen über die Populationsgröße und das Verbreitungsgebiet des Gelbohrsittichs zu erhalten. Aber auch die beiden anderen Papageienarten sollen weiterhin beobachtet werden. Außerdem sollen Untersuchungen über Dichte, Altersstruktur und Verbreitung der Wachspalmen unternommen werden. Die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung und der örtlichen Naturschutzorganisation wird ausgebaut. Leider ist die Ausrottung des Gelbohrsittichs, seiner Spezialisierung und der anhaltenden Habitatzerstörung wegen, immer noch wahrscheinlicher als seine Rettung. Wir hoffen jedoch, daß es noch nicht zu spät ist!

Weitere Informationen: Marcellus Bürkle Ringstr. 24 D-85764 Oberschleißheim
E-Mail: mbirgl@cs.com

Das Projekt Proyeto Ognorhynchus wird von der Loro Parque Fundacion, vom Fonds für bedrohte Papageien, der American Bird Conservancy, der Barbara Delano Fondation und dem WORLD PARROT TRUST unterstützt. In Kolumbien hilft zudem die Sociedad Antioquena de Ornitologia das Projekt mittragen.


Weitere Berichte über das Projekt zur Rettung des Gelbohrsittichs sind hier und hier zu lesen.


Bearbeitet von:
© Stefan Seifert für die Arbeitsgemeinschaft Papageien-Netzwerk 02 / 2000

Arbeitsgemeinschaft Papageien-Netzwerk
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Quellennachweis:
  • Fonds für bedrohte Papageien


© Bilder WPT / FONDS und Haupttext: FONDS