Andere bedrohte Papageien im Gebiet
Im weiteren Untersuchungsgebiet konnten noch zwei weitere bedrohte Papageienarten beobachtet werden, der Rotstirnsittich
(Bolborhynchus ferrugineifrons) und der Hochlandsittich (Leptosittaca branickii). Der Hochlandsittich ist im
Untersuchungsgebiet relativ verbreitet und wurde in Schwärmen bis zu 200 Tieren beobachtet. Eine bevorzugte
Nahrungsquelle dieser Vögel sind ebenfalls Wachspalmen (C. quiniuense) und Früchte. Im Juli konnten vermehrt
Jungvögel in den Schwärmen beobachtet werden. Es kam jedoch zu keinen Brutaktivitäten, bis im Dezember die
Brutsaison mit der Inspektion von potentiellen Nisthöhlen erneut begann. Das Untersuchungsgebiet scheint eines
der letzten Vorkommensgebiete des Hochlandsittichs und für sein Überleben von entscheidender Bedeutung zu sein.
Interessanterweise konnte die Art im unmittelbaren Vorkommensgebiet des neu entdeckten Schwarms der Gelbohrsittiche
nicht beobachtet werden; beide Arten könnten um Bruthöhlen oder andere Ressourcen konkurrieren. Der Rotstirnsittich wurde
in einer Höhe von 3.300-4.000 Metern ü. NN. in kleinen Schwärmen von durchschnittlich neun Tieren beobachtet. Es können
aber gelegentlich auch Schwärme von bis zu 150 Vögeln gesichtet werden.
Informations-Kampagne
Die Bewohner der Region spielen eine entscheidende Rolle für das Überleben der Art. Zusätzlich zu den
Freilanduntersuchungen von Bernabe hat das Projekt zum Ziel, die lokalen ”Campensinos” und kleine
Dorfgemeinschaften mit in das Projekt einzubinden. Gespräche Bernarbes mit diesen Gruppen haben
interessante Aufschlüsse über das Verhältnis der Bevölkerung zum ”Loro Orejiamarillo”, wie der Gelbohrsittich
dort genannt wird, gebracht. Nur wenige ”Campensinos” nehmen Notiz von diesen Vögeln, da sie keine ”Maisfresser”
sind, und der Hochlandsittich wird hin und wieder als Haustier gehalten. Durch zahlreiche Gespräche, die Poster des
Projektes sowie durch Vorträge in Schulen ist der Großteil der Bevölkerung im Untersuchungsgebiet über die Arbeit
des Projektes bestens informiert. Eine Kampagne zum Stopp der Jagd auf den Gelbohrsittich scheint überflüssig, da
die lokale Guerilla bereits ein Jagdverbot für alle Papageienarten in diesem Gebiet erlassen hat und auch überwacht.
Zudem hat die regionale Naturschutzorganisation ”Corporacion Regional del Quindio” ihre Kooperation angeboten
und will das Projekt mit 1500 Informationspostern unterstützen.
Gründe für die Bedrohung
Momentan scheint es im Untersuchungsgebiet keinen Mangel an geeigneten Nistplätzen zu geben, und das saisonale
Auftreten von Früchten liefert geeignete Nahrungsquellen. Auch die Jagd spielt, zumindest in den letzten zehn Jahren,
keine Rolle bei der Bedrohung des Gelbohrsittichs. Sein Verschwinden in diesem Jahrhundert scheint demnach die Folge
des beträchtlichen Verlustes von Bergwäldern zu sein. Von Untersuchungen in Ecuador ist bekannt, daß Podocarpus spp.
eine wichtige Nahrungsquelle für verschiedene Vogelarten sind. Der dramatische Verlust der Bergwälder in den Nordanden
hat anscheinend zum Ausfall einer saisonal sehr wichtigen Nahrungsquelle für den Gelbohrsittich geführt. Alleine in Kolumbien
sind 90-93% der ursprünglichen Bergwälder verschwunden. Außerdem kommt es durch zunehmende Viehzucht zu einer
Überalterung der Wachspalmenbestände, da Sämlinge von den Rindern zertreten und gefressen werden. Obwohl die
Wachspalmen selbst nur selten den Sägen der Holzfäller zum Opfer fallen, kommt es aber zu Schäden am Stamm der
Palmen, die hierdurch anfällig für Parasiten und Pilzbefall werden.
Das Vorkommen dreier global bedrohter Papageienarten im Untersuchungsgebiet zeigt dessen Wichtigkeit für den
internationalen Artenschutz. Offensichtlich aber ist es für die Rettung der Gelbohrsittiche unerläßliche, sämtliche Gebiete
ausfindig zu machen, in denen sie sich das Jahr über aufhalten. Es ist unmöglich, einem Schwarm durch die schwer
begehbaren Berggebiete zu folgen. Deshalb wurde nun erfolgreich ein erster Gelbohrsittich mit einem Radiosender
ausgestattet. Mit seiner Hilfe konnten wichtige Informationen über die Wanderungsbewegungen und Aufenthaltsorte
dieser Papageienart gewonnen werden, von denen bisher noch sehr wenig bekannt ist.