Doppelt hält besser, Tierliebhaber nehmen zwei Papageien 
von Heike Mundt

Gut, daß Papageien Flügel haben und nicht lesen können - sonst würden sie wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen bei all dem Unsinn, der seit Jahrhunderten über sie verbreitet wird. Niedlich wie eine Barbie-Puppe sollen sie sein, anhänglich wie eine Halskette, bunt wie ein Farbkasten, treu wie ein Hund ... Schon zur Zeit der alten Römer wurden die Krummschnäbel als Haustiere gehalten. Vielleicht war es damals verzeihlich, über diese Tiere so gut wie nichts zu wissen - heute muß das nicht mehr sein. Ja, es gibt sie mittlerweile, und es werden immer mehr: die anderen Papageien-Freunde, die Tiere als Tiere sehen und nicht als Spielzeug, die verstanden haben, daß ein Vogel lieber fliegt als spricht, die stets nach Gleichgesinnten und Treffpunkten suchen. Diese Tier-Liebhaber wissen eine Menge über ihre Schützlinge. Einige grundlegende Tips haben wir zusammengetragen.

Kein Mensch möchte den Rest seines Lebens mit einem Gorilla verbringen - auch nicht, wenn es ein besonders netter Affe ist, der einen rund um die Uhr mit Bananen versorgt. Was das mit Papageien zu tun hat? Ganz einfach: Diesen Vögeln hat die Natur einen starken Partnerinstinkt gegeben. Ein Papagei sehnt sich nach dem Leben mit Artgenossen. Mag der menschliche Partner noch so liebevoll sein: Fliegen und Eier legen kann er nicht, er ist immer nur Notlösung, niemals Ersatz für den Artgenossen.

Damit ist der erste Teil der Frage, was man denn tun muß, damit der geliebte Krummschnabel sich wohl fühlt, schon beantwortet: "ihm" ein Weibchen oder "ihr" ein Männchen geben, am besten von vornherein, notfalls erst mit Eintritt der Geschlechtsreife. Was die Papageien-Freunde von heute natürlich auch wissen: Homosexualität gibt es nicht bei Tieren. Deshalb macht es wenig Sinn, Männchen oder Weibchen mit ihresgleichen zu "verpaaren". Außerdem wichtig: Jeder Papagei sucht einen Artgenossen, nicht irgendeinen Vogel. Wer schon einen Wellensittich hat, tut kein gutes Werk, wenn er einen Graupapagei dazu kauft. Sie erinnern sich an den Gorilla ...?

Sicher, es wird einige geben, die an dieser Stelle empört auf ihren Vogel verweisen, den sie schon soundsoviel Jahre lang allein halten und der doch so glücklich und zufrieden ist ... Ob sie wissen, daß die erzwungene Einsamkeit die durchschnittliche Lebenserwartung ihres Tieres um bis zu 50 Prozent verringert? Ob sie sich schon einmal gefragt haben, warum sich ihr Schützling manchmal Federn ausreißt? Nein, Flöhe hat er nicht, er ist verzweifelt und hat kaum Möglichkeiten, das auszudrücken. Daß dieses arme Tier auf Frauchens Arm kopuliert, kann peinlich werden, wenn Besuch da ist - dann wird er schnell wieder in seinen Käfig gesperrt.

Apropos Käfig: Kennen Sie jemanden, der den Rest seiner Tage in einer Gäste-Toilette verbringen möchte? Dabei wären das ziemlich genau die Proportionen, die viele Papageien-Halter ihren Tieren zubilligen - gerade genug Platz zum Auf-der-Stelle-Drehen. Dem Menschen in der Gäste-Toilette ginge es dabei noch vergleichsweise gut: Er hat keine Flügel, die er öfter mal ausbreiten muß - obwohl er sich irgendwann erinnern wird, wozu die Natur ihm Füße gegeben hat ... Im Ernst: Ein Käfig, den ein erwachsener Mensch ohne Mühe allein tragen kann, hat diese Bezeichnung nicht verdient. Braucht man zum Transport einen Kombi, zwei Träger und ein Tuch zum Schweiß-Abwischen, ist man einer akzeptablen Lösung schon ein gutes Stück nähergekommen.

Außerdem ist ein Käfig kein Gefängnis. Er hat Türen - und die sollten öfter mal offenstehen. Wer einmal ein Papageien-Pärchen beim Ausflug und beim gemeinsamen Spiel beobachtet hat, der wird seinen Fernseher nur noch einschalten, wenn ein besonders guter Film auf dem Programm steht. Das Repertoire dieser gefiederten Clowns an Lauten und artistischen Einlagen ist unerschöpflich - ja, sie sind niedlich und süß, aber auf eine ganz andere Weise, als das Klischee der küßchengebenden Lora uns einreden will. Zu gut sollte der Papageienhalter es dabei allerdings nicht meinen: Ist er nicht im Hause, gehören die Tiere tatsächlich in ihren Käfig. Durchgebissene Stromkabel und restlos zerfledderte Zimmerpflanzen zeugen nicht von Tierliebe.

Intelligenz wird meist definiert als die Fähigkeit, Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten, Schlüsse zu ziehen. Papageien gehören zu den intelligentesten Tieren, die es gibt. Forscher haben ihr geistiges Potential schon mit dem eines vierjährigen menschlichen Kindes verglichen. Auch das hat mit der richtigen Haltung dieser Tiere zu tun: Niemand wird einem Vierjährigen zumuten, wochenlang mit dem immer gleichen Bauklötzchen herumzuspielen. Ebenso selbstverständlich sollte ein wenig Abwechslung für unsere gefiederten Freunde sein. Eine Schaukel, ein Kletterring und dergleichen gehören zur Grundausstattung jedes Käfigs - wie gesagt: ein Käfig, in den all das nicht paßt, taugt vielleicht zur Hamsterzucht. Darüber hinaus braucht der Halter dieser verspielten Tiere nicht unbedingt ein dickes Portemonnaie, sondern vor allem ein paar Ideen, um seinen Schützlingen Freude zu bereiten: ein frischer Ast von einem Obstbaum, ein Stück Pappe, ein altes Handtuch - das sind Spielzeuge, die fast nichts kosten und von den Tieren mit Begeisterung angenommen werden.

Ganz nebenbei: Auch paarweise gehaltene Papageien sind sehr anhänglich, obwohl viele das Gegenteil glauben. Zu einer richtigen Spielstunde außerhalb des Käfigs gehören deshalb Streicheleinheiten von Herrchen oder Frauchen. Das Verhalten der Krummschnäbel ähnelt dem von Katzen: Sie entscheiden, wann die richtige Zeit zum Spielen ist. Anders als bei verhaltensgestörten Einzelvögeln kann der Besitzer keine Sympathie erzwingen. Die Zuneigung, die er auf diese Weise gewinnt, kommt dafür aus tiefstem Vogelherzen und hält ein Leben lang.

Sie lieben Tiere und möchten mit Ihnen alt werden? Dann haben sie mit Papageien genau die richtige Wahl getroffen. Ein Steinchen fehlt allerdings noch in unserem Mosaik: Zur Paarhaltung, zum großen Käfig, zum Ausflug und zur Zuwendung gehört - natürlich - das richtige Futter. "Kein Problem, mein Vogel mag am liebsten Sonnenblumenkerne", wird jetzt so mancher sagen. Das stimmt, und das ist trotzdem genau der falsche Weg. 

Bleiben wir bei dem Vergleich zum vierjährigen Kind: Stellen Sie Ihren Sprößling vor die Wahl zwischen einer Tafel Schokolade und einem frischen Salat. Keine Frage: Der kleine Feinschmecker wird nach der Schokolade greifen und das Grünzeug verächtlich zur Seite schieben. Bedeutet das nun, daß Schokolade die optimale Ernährung und Salat fehl am Platze ist? Gerade das Gegenteil ist richtig. Zurück zu den Papageien: Sonnenblumenkerne sind fettreich, sie entsprechen der Schokolade in unserem Vergleich. Andere Saaten ,vor allem aber frisches Obst und Gemüse, liefern dem Tier viel mehr an lebenswichtigen Nährstoffen, schützen es vor Übergewicht und Leberverfettung. Trotzdem verdrehen sich die kleine Dickköpfe nach jedem Sonnenblumenkern den Hals, das gesunde Futter landet meist im Sand. Dagegen anzukämpfen, ist so gut wie sinnlos - weil Papageien so intelligent sind. Die früher übliche Faustregel, erst neues Futter zu geben, wenn das alte restlos verbraucht ist, bleibt graue Theorie: Die Tiere lernen sehr schnell, daß ein vorzeitiger Futterwechsel etwa durch einen gezielten "Klecks" zu erzwingen ist. Zudem wird kaum ein Halter das Gejammer vor den halbleeren Futtertrögen lange aushalten.

Es gibt einen Ausweg: Papageien-Eintopf, im Fachjargon: Extrudat. Hier werden die Getreidesorten in einem optimalen Verhältnis gemischt, gemahlen, mit Vitaminen und Mineralien angereichert und zu kleinen Klumpen gepreßt. So können die Vögel ihre Knabberlust ausleben, doch sie haben keine Chance mehr, nur die fetten Brocken auszuwählen. So sehr sie auch im Futtertopf wühlen: Sie bekommen immer den gleichen, genau auf ihren Stoffwechsel abgestimmten Nährstoff-Mix.

Zum Abschluß noch ein Appell: Es sollte für jeden Tierliebhaber heute eine Selbstverständlichkeit sein, nachgezogene Papageien zu kaufen - Tiere, die in Zuchtanlagen zur Welt kommen, in Menschenhand und von Menschenhand aufwachsen, die gleich nach dem Kükenalter in ihr späteres Zuhause wechseln. Das ist gut für die Käufer: Sie bekommen gesunde Vögel mit einem unverkrampften Verhältnis zum menschlichen Gegenüber. Das ist vor allem gut für die Natur: Kaum eine Papageienart ist nicht vom Aussterben bedroht. Wer schon einmal Berichte über die grausamen Praktiken beim Fang und Transport wildlebender Papageien gesehen hat, wird nicht mehr ruhig schlafen. "Der Natur entnommene" Tiere, wie es im Behördendeutsch so verharmlosend heißt, sind häufig nicht gesund, noch häufiger völlig verängstigt und verhaltensgestört. Das ist nicht verwunderlich: Ein Wildfang, der Deutschland lebend erreicht, hat oft genug hautnah miterlebt, wie zehn oder mehr seiner Artgenossen unter unsäglichen Qualen verendeten.

Gewiß: Handaufgezogene Papageien gibt es nicht auf dem Wühltisch zu Preisen wie im Sommerschlußverkauf. Doch wer sich Hausgenossen für Jahrzehnte anschafft, sollte hier nicht sparen.

Wichtig beim Kauf sollte neben der guten Beratung auch die Qualität sein.  Neben der Endoskopie und der damit vorsorglichen Untersuchung der inneren Organe auf Krankheiten sollten eine negativer Test auf die Papageienkrankheit und  die gefürchtete Schnabel- und Federkrankheit zum Pflichtprogramm gehören.  Die elektronische Kennzeichnung mit einem Mikrochip hilft bei eventueller Identifikation durch Diebstahl oder wenn der muntere Geselle mal auf "Freiersfüßen " wandelt.

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Umsetzung
Stefan Seifert für die Arbeitsgemeinschaft Papageien-Netzwerk '99
© 1998  H. Mundt   http://www.zoo-mundt.de

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