Der Tod meiner beiden Amazonen

von Ralf Beditsch

Lieber Leser,

am Mittag des 9. Februar '98 erfuhr ich vom Tod der zweiten meiner beiden Amazonen (Blaustirn und Venezuela). Meine Lebensgefährtin und ich sind sehr betroffen darüber, und deshalb möchte ich hier erläutern was uns widerfuhr.

Im Jahre 1986 bekam ich von einem Schulfreund die beiden Vögel geschenkt. Dieser wollte sie ins Tierheim stecken, da ein Kinderarzt die Vögel als mögliche Ursache für das Husten seines damals 6 Monate alten Babys feststellte. Dies galt es zu verhindern. Ich nahm die beiden, Rudi und Coco, zu mir baute ihnen eine große Voliere mit Naturgeäst, und wurde auch sogleich von den beiden als neues Herrchen akzeptiert. Eine große Freundschaft begann. Ich muß Ihnen nicht erzählen wieviel Freude ich über die Jahre mit den Vögeln hatte. Zwei richtig spaßige Gesellen, die sich trotz gleichen Geschlechts (beide männlich) gut miteinander verstanden (gegenseitiges Putzen, Kuscheln beim Schlafen etc.).

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Rudi die Venezuela-Amazone
(Amazona amazonica)
Nach einiger Zeit bemerkte ich bei Rudi, daß er beizeiten sehr schwer atmete. Der Vogel begann regelrecht nach Luft zu pumpen. Schnell erkannte ich, daß es nicht einfach ist, obwohl wir hier in einer Großstadt leben, einen Spezialisten für Papageien zu finden. Nach einigen Telefonaten wurde ich dann über den hiesigen Tiergarten an das Institut für Geflügelheilkunde in München-Oberschleißheim verwiesen, wohin ich mich mit Rudi sogleich begab.

Coco die Blaustirnamazone
(Amazona aestiva)
Pilzinfektion war die Diagnose. Aspergillose ausgelöst durch Aspergillus flavus, einer Pilzart, die sich wie mir mitgeteilt wurde in unserer Atemluft befindet. Ich mußte Rudi 14 Tage zur Kur in der Vogelklinik lassen, und bekam ihn danach etwas verstört aber in gutem gesundheitlichem Zustand zurück. Auf Anraten der Ärzte habe ich einen Luftbefeuchter angeschafft, und während der Wintermonate niemals wärmer als 21º C beheizt. Überhaupt waren Luftfeuchtigkeit und Raumtemperatur immer konstant. Coco und Rudi hatten auch über die letzten Jahre so ziemlich alles gefressen, was in den Büchern als gesund und nahrhaft angepriesen wird. Dennoch litten die beiden auch unter diesen Umständen immer wieder an Atemnot.
Im Oktober letzten Jahres, eines nachmittags, sah ich, daß Rudi mit geöffnetem Schnabel, nach Luft ringend auf der Stange taumelte, und beinahe herunterfiel. Aus heiterem Himmel, vormittags hatte er noch wild geschrien und gebalzt, wie ich es nannte, wenn er mit gespreizten Schwanzfedern gluckend und mit verengten Pupillen auf einer seiner Stangen hin und herlief. Ein Ausdruck von Glücksgefühl und Freude. Jedenfalls, es ging ihm ganz plötzlich sehr schlecht. Wir kontaktierten umgehend mehrere Tierärzte im Raum München, doch allen mangelte es an fundiertem Wissen über Papageien.
Inzwischen war Rudi schon einmal von der Stange gefallen, und konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten. Letzte Möglichkeit, wieder das Institut für Geflügelkrankheiten. Es war nun schon abend und dunkel geworden. Das Institut war nur noch per Notrufnummer zu erreichen. Der Arzt, den ich dann an der Leitung hatte (Gott bewahre vor solchen Ärzten) meinte nur, ob er jetzt nachts mit dem Vogel durch die Gegend fahren solle, und dieser würde das in seinem Zustand sowieso nicht überleben. Er kam also nicht.
So saßen wir nun da, ohne Hilfe. Mittlerweile hatte ich Rudi natürlich in einen anderen Käfig, ohne Stangen, auf den Boden in ein weiches Tuch gelegt. Mein kleiner Rudi japste nur noch, und lag auf der Seite. Ich dachte mir platzt das Herz. Unseren anderen süßen Grünen hatte ich schon zugedeckt, und in einem anderen Raum schlafen geschickt. Er sollte nicht die qualvollen Laute seines langjährigen Freundes im Todeskampf mit anhören müssen. Ewige Stunden des unendlichen Leidens vergingen, bis der Kleine dann endlich um vier Uhr morgens die Augen schloß. Und wir konnten ihn nur streicheln und weinen. So Mancher mag mir vorwerfen, daß ich ihn nicht von seinen Qualen erlöst habe, aber viele würden auch verstehen, daß es nicht leicht ist einen Gefährten nach zwölf Jahren Freundschaft zu töten.
Ich brachte Rudis toten Körper am nächsten Tag dennoch ins Institut, um ihn untersuchen zu lassen, schließlich hatten wir noch einen Papagei, dessen Gesundheit es zu schützen galt, und ich wollte wissen, was Rudis plötzlichen Tod verursachte. Nach einer Woche bekam ich den Befund. Vereinfacht ausgedrückt: Er hatte Krebs. Lunge, Nieren, Leber, nahezu alle Organe waren befallen. Der Tod ereilte ihn an dem Tag, als die Metastasen sein Gehirn erreichten, was die Gleichgewichtsstörungen auslöste. Das Interessanteste: Krebs, ausgelöst durch einen Pilz namens Aspergillus flavus, für Papageien ein Killerpilz. Ich zitiere kurz aus dem Bericht:

Es kann festgestellt werden, daß eine Pilzinfektion der Atemwege vorgelegen hat, die über die sekundäre Schädigung anderer Organsysteme zum Tod des Tieres geführt hat.

Grund genug für uns den anderen Vogel sofort untersuchen zu lassen, zumal auch Coco unmittelbar nach kurzen Flugeinlagen gelegentlich auffällig stark verschnaufen mußte. Dies ist übrigens ein ziemlich sicheres Zeichen für auftretende Aspergillose, wie sich die Pilzerkrankung nennt. Einer der leitenden Professoren des besagten Münchner Instituts versicherte uns, als wir Coco "einlieferten", daß die Wahrscheinlichkeit, daß auch dieser Vogel so wie Rudi an Aspergillose leiden würde mehr als gering sei. Wir mußten 1 Stunde spazierengehen, während Coco untersucht wurde. Als wir wiederkamen offenbarte sich, daß Coco doch auch an dieser Pilzerkrankung leidet, und er müsse jetzt 14 Tage zwecks Behandlung in der Klinik bleiben. Wir stimmten zu. rbcoco1.jpg
Als wir den Vogel wiederbekamen war er flugunfähig, und der linke Flügel hing seitdem weiter herunter als der rechte. Mindestens eine Woche dauerte es, bis Coco seine alte Form wieder erreichte, dann konnte er zwar wieder fliegen, doch der Flügel hing nach wie vor. Seine Laune war gut, auch die Trauer um seinen Freund hielt sich in Grenzen. Er war zwar etwas geselliger als vorher ansonsten änderte sich nichts. Er war mit uns zu Tisch, fraß auch alle wichtigen Sachen wie Obst und Gemüse verschiedener Art. Kurz, es ging ihm gut und er sah gut aus, genau wie Rudi, bis es letzten Sonntag soweit war.
Nachdem er mit dem üblichen Morgenkonzert gut gelaunt den Tag begann, saß er auf einmal am späten Vormittag mit geschlossenen Augen in sich zusammmengekauert im Häuschen (völlig unüblich). Ich begann mit ihm zu reden und er näherte sich mir. Als er mir seinen Fuß reichte bemerkte ich daß dieser ungewöhnlich kühl war, außerdem begann Coco sich zu übergeben; sehr beunruhigend. Danach öffnete er die Augen kaum mehr und wurde immer schwächer.
Wieder blieb mir nichts anderes als diese Notrufnummer; wie schon erwähnt: es war Sonntag. Diesmal hatte ich den Arzt an der Leitung, der Coco behandelte, als er in der Klinik war.-welch Zufall! Der Professor versicherte mir, es wäre das beste gleich mit Coco zu ihm in die Klinik zu kommen, er wäre sowieso auf dem Weg dorthin. Um nicht wieder tatenlos zusehen zu müssen, wie ein Tier leidet, begaben wir uns sofort dorthin, in der Hoffnung auf Hilfe. Der Professor erkannte uns gleich wieder und gab vor, sich an Coco erinnern zu können, und daß es in seinem Fall gar keinen Sinn hätte, ihn jetzt gleich anzuschauen, weil das einer gründlicheren Untersuchung bedürfe. Deshalb wäre es das beste, wir lassen den Vogel gleich hier. Morgen früh untersucht er ihn dann gründlich, wenn sein Team da ist. Er nahm die Vogeltransportkiste entgegen, sagte wir sollen ein Formular ausfüllen, und lies uns in einem Warteraum zurück während er mit Coco verschwand. 5 Minuten später kam er mit der leeren Kiste wieder, und sagte wir sollen am Dienstag nachmittag anrufen. Das war's.

Als ich am Montag Mittag das zweite Mal anrief, um nachzufragen, wie es ihm geht, teilte mir der Professor mit, daß es ihm Leid täte, der Vogel lag heute Früh tot im Käfig.

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rbrudi1.jpg Lieber Leser, vielleicht ist das eine Story wie tausend andere auch. Dennoch wollte ich meine Geschichte erzählen. Immerhin verlor ich in einem Vierteljahr meine beiden Lieblinge im Alter von 14 und 15 Jahren durch eine Pilzerkrankung, die im Zusammenhang mit Amazonen viel zu wenig erwähnt wird. Daher sollten die vielen Papageienbesitzer besonderes Augenmerk auf die Atmung Ihrer Tiere legen und zum frühestmöglichen Zeitpunkt eine Diagnose erstellen lassen, um rechtzeitig Maßnahmen ergreifen zu können. Ganz wichtig scheint es auch zu sein, noch solange den Tieren nichts fehlt, einen Experten ausfindig zu machen, der nicht nur Fähigkeiten als "Tiermechaniker" aufweist, sondern auch in der Lage ist gut zu beraten. Einen Mediziner, der wirkliches Interesse am Tier zeigt und nicht nur am Portemonnaie.
Mir konnte auch nie jemand anhand eines Beispiels sagen, wie alt eine Amazone werden kann. So konnte ich meine beiden altersmäßig nie richtig einschätzen. Klar wußte ich ihr Alter, aber nicht die Entwicklungsstufe.

Abschließend muß bei aller Liebe zu diesen Tieren doch unbedingt noch eines gesagt werden. Ein Vogel gehört in die Freiheit am besten dort wo er geboren wurde! Da wir nicht fliegen können, sind wir nicht in der Lage beurteilen zu können, was ein Käfig und sei er auch noch so groß für einen Vogel bedeutet.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Ralf Beditsch , München

© Text & Bilder
R. Beditsch

Anmerkung:

Die Aspergillose ist eine Atemwegsmykose, hervorgerufen durch Schimmelpilze und Schimmelpilzsporen. Am häufigsten infizieren sich die Vögel über das Futter. Dabei braucht dieses noch nicht einmal optische Spuren von Schimmelpilzen aufweisen. Es kann durchaus genügen, wenn sich Pilzsporen darauf befinden. Ein sehr hohes Risiko liegt hier bei den Nüssen. Besonders die Erdnüsse sind Träger von Pilzen und Sporen. Wenn der Papagei die Schalen mit dem Schnabel knackt, oder im Futternapf "gräbt", werden die Sporen aufgewirbelt, und gelangen so durch die Atmung in die Atemwege, wo es zu einer Besiedlung durch den Schimmelpilz kommen kann. Wenn Sie erste schützende Maßnahmen gegen die Aspergillose einleiten wollen, streichen Sie jedwede Nüsse vom Speisezettel Ihrer Papageien.


Umsetzung
© Stefan Seifert für die Arbeitsgemeinschaft Papageien-Netzwerk 08/'99

Arbeitsgemeinschaft Papageien-Netzwerk
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