Hygienemanagement in der Ziervogelhaltung

Dr. Rüdiger Richter, Fachtierarzt, Öhringen

Zusammenfassung seines Vortrages gehalten auf dem X. Papageiensymposium in Detmold, April 2000

Hygiene ist eines der wichtigsten Themen der Papageienhaltung, und es kann garnicht oft genug darauf hingewiesen werden. An dieser Stelle möchte ich deshalb die Zusammenfassung des Vortrages von Dr. Rüdiger Richter veröffentlichen, die m. E. sehr gut als Leitfaden für das Hygienemanagement in der Papageienhaltung genutzt werden kann. - Stefan Seifert
Hygiene = Gesundheitslehre / vorbeugende Medizin
umfaßt alle Maßnahmen, die den Vogel und seine Umgebung vor Mikroorganismen schützen.

1. Verhütung der Keimverschleppung und Keimvermehrung
2. Reinigung und Desinfektion
3. Spezielle Krankheitsvorbeuge

1. Verhütung der Keimverschleppung und Keimvermehrung

Neuzugänge:
Vor Erwerb selbst anschauen oder vom Tierarzt untersuchen lassen
Selbst in eigenen Transportbehältnissen abholen
Nur gesunde, futterfeste Tiere erwerben (am besten Vorverkaufsuntersuchung)
Quarantäne 4-12 Wochen:
2 x Kotprobe, Vitamine, Bandwurm Bekämpfung
evtl. weiterführende Untersuchungen auch
zurückkehrende Vögel (Ausstellungen)
Größere Bestände:
Räumliche Trennung Zucht-, Quarantäne, Krankenabteil
Einhaltung der räumlichen Trennung
Jeweils eigene Gerätschaften und Futter
Hygieneschleuse (Reinigung/Desinfektion/bestandseigene Kleider und Schuhe)
Krankenabteil für ca. 5 % der Vögel
Plegemaßnahmen:
täglich:
Gesundheit überwachen; groben Schmutz entfernen
2 x frisches Wasser - Behälter ausspülen und austrocknen
Füttern (Futterreste entfernen); Temperatur und Feuchtigkeit überwachen
Nestkontrolle, frisches Badewasser
wöchentlich:
Reinigen und Spülen von Stangen, Futter-, Trink- und Badegefäßen
Käfig/Voliere: reinigen, Sand (Einstreu) erneuern/absprühen, Sand durchharken
monatlich:
Futter- und Wassernapf desinfizieren, Parasitenkontrolle
3 Monate:
Desinfektion von Käfig, Volieren und Stangen; Äste und Zweige erneuern
Naturboden 20 cm abtragen und ersetzen
6 Monate:
Kotprobenuntersuchung parasitologisch, evtl. bakteriologisch
Naturboden 20 cm abtragen und ersetzen
Weitere Maßnahmen:
Bekämpfung von Insekten und Nagern
Umweltgestaltung (Klima, Unterbringung, Nistmöglichkeiten)
Fütterungshygiene und artgerechte Ernährung
Bauliche Maßnahmen

2. Reinigung und Desinfektion

Reinigung:
was?
Käfige, Volieren, Einrichtungsgegenstände, Arbeitsgeräte
warum?

Vermeidung von Schadgasentstehung, bes. aus dem Kot
Ammoniak (NH3), Schwefelwasserstoff (HZS)

Entfernung von pathogenen Keimen
Pilzsporen, Bakterien, Viren

Entfernung von Parasiten und deren Dauerformen
Wurmeier, Kokzidienoozysten, Trichomonaden, Giardien

Reduzierung der Staubbildung
angetrockneter Kot, Federstäube

Reduzierung von Stoffen mit allergener Wirkung
eiweißhaltige Stäube (Vogelhalterlunge)

wie?
Vorarbeiten: mechanisch (Bürste, Spachtel, Besen)
Immer von oben nach unten
bis sämtlicher Schmutz von der Unterlage entfernt ist
Einweichen:
40°C, 1-1,5 I /qm, 3 Std, Seifenlösung 3%
Dampfstrahler: 10 bar, 1-2m Abstand
Abwaschen:
am besten mit Schlauch oder
Dampfstrahler: 50-80 bar, > 5 I /qm, bis 140° C
Abtrocknen lassen!
Schmutzwasser sammeln und desinfizieren
Desinfektion (Antisepsis)
"Gezielte Abtötung bestimmter Mikroorganismen zu einem bestimmten Zweck"
in der Regel um ca. 5 Zehnerpotenzen z. B. 1 Million Keime 10 Keime
was?
Siehe unter Reinigung und Ausscheidung der Vögel
warum?
Schutz der Vögel, Tierbestände + des Menschen vor übertragbaren Krankheiten
Tierseuchenrecht: Geflügelpest, Newcastle, Psittakose
Sonstige: Pocken, Salmonellen, Tuberkulose, Pacheco, PBFD, PDD u. a.
wie?
Physikalisch:
Kochendes Wasser + 0,5 % Soda
Feuer (Lötlampe)
Gespannter Dampf - Dampfstrahler s. o.
UV-Licht (265 nm) nicht im Tierbereich!
lonisatoren - nur unzureichende Wirkung (Sedimentation,Ozon)

Chemisch:
Proteinfällende Mittel:
Aldehyde (Formaldehyd, Acetaldehyd, Glutaraldehyd)
denaturieren Eiweiß und Nukleinsäuren (RNA)
Wirkungsverlust unter 15°C, ab 10°C schlechte Wirkung
gute Materialverträglichkeit
Allergien, Schleimhautreizung, potentiell karzinogen (MAK-Wert)

Säuren (Ameisen-, Essig, Zitronen-, Propionsäure) rückstandsfrei,
unwirksam gegen Sporen und Mykobakterien korrosiv bes. Beton
und Zement, Metalle
Laugen (Natronlauge, Kalilauge, Löschkalk,
Branntkalk) pH > 12, gute Flächendesinfektion, unwirksam bei Mykobakterien

Aliphatische Alkohole (Äthanol, Propanol, Isopropanol ca. 70%ig)
leicht flüchtig, wirken nur kurz und nicht gegen Sporen
greifen Gummi, Plastik und Kleber an
toxisch: Methanol

Aromatische Alkohole (Phenole: Karbol, Kresol, Thymol)
gut wirksam auch bei Kokzidien + Wurmeiern außer unbeh. Viren
ökotoxisch, lebertoxisch, Allergien

Oxidationsmittel:
Sauerstoffabspalter (Peroxide, Peressigsäure)
rückstandsfrei, Schleimhautreizung, Wirkungseinbuße bei Blut
korrosiv

Chlorabsspalter (Perchloräthylen, NA-Hypochlorid,
Ca-Hypochlorid weniger gebräuchlich = Chlorkalk)

Oberflächenaktive Substanzen mit Wirksamkeitsverstärkung
Anionische Netzmittel (Seifen, Detergenzien)
Kationische Netzmittel (Quartäre Ammoniumverb. "Qutas")
Amphotere Netzmittel (Tenside, Ampholytseifen)

Alternative Substanzen? Grapefruitkernextrakt
Ätherische Öle
Zur Beachtung!
Im Ziervogelbereich am besten geeignet: Aldehyde und Quats
Immer erst Reinigung, um glatte, saubere Oberflächen zu bekommen
Immer auf trockene Flächen aufbringen (Verdünnungseffekt!)
Auswahl der Desinfektionsmittel nach DVG-Liste je nach:
bakterizider, tuberkulozider, fungizider, viruzider, antiparsitärer Wirkung
Gebrauchskonzentration und Einwirkzeit beachten!
Hospitalismus nur möglich, wenn Konzentration und Einwirkzeit unterschritten!
Umgebungstemperatur beachten, evtl. Heizen!
Minimum 0,4 I Gebrauchslösung pro qm Fläche (Filmbildung)
Wisch- und Scheuerdesinfektion
Sprüh- und Feinsprühdesinfektion < 10 mm
Gas (Formaldehyd aus 35 ml 35 % Formalin + 17,5 g KMn04)

Nacharbeiten:
Desinfektionsmittelreste aus Tränken und Futterbehältern spülen

3. Spezielle Krankheitsvorbeuge

Unterstützung der unspezifischen angeborenen Infektabwehr:
Paramunitätsinducer
Lactobacillen
Vitamine, Mineralien, Spurenelemente, Grit
Unterstützung der spezifischen Infektionsabwehr:
Rekonvaleszenten- / Hyperimmunseren
Bestandsspezifische Impfstoffe
Herpesviren
Papillomaviren
Geprüfte und (für andere Vogelarten) zugelassene Impfstoffe
Salmonellen
Newcastle - PMV 1
Paramyxovirus 3 - PMV 3
Pacheco - Herpesvirus (USA)
PBFD - Keratodystrophie/Schnabel- und Federkrankheit (USA)
Polyomaviraus - Wellensittich-Nestlingskrankheit (USA)
Pocken
Gestorbene Vögel
Jeder (!) unklare Todesfall soll durch eine Sektion abgeklärt werden
Einsendung mit gutem Vorbericht in spezialisiertes Institut
Untersuchung von abgestorbenen Eiern, Parasiten im Nistmaterial und
Futterproben
Zur Beachtung!
Die vorgestellten Hygienemaßnahmen sollten der Art und Größe der
Vogelhaltung angepaßt werden.

Für größere Bestände empfiehlt sich die Erstellung von Hygiene-Checklisten
in Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Tierarzt.

Langfristig sollten spezifisch pathogenfreie Zuchtbestände definiert und
verwirklicht werden.


Umsetzung
© Stefan Seifert für die Arbeitsgemeinschaft Papageien-Netzwerk 08/2000

Arbeitsgemeinschaft Papageien-Netzwerk
www.papageien.org
Mit freundlicher Genehmigung von:
Dr. Rüdiger Richter
Haller Straße 142
74613 Öhringen
Tel: 07941-9272-25

Infos, Anregungen, Kritik

info@papageien.org