Am 2.6.2001 besuchten wir den Gnadenhof für notleidende Papageien eigentlich, um bei Baumaßnahmen zu helfen,
die im Rahmen des Umzugs notwendig wurden, aber auch zum Kennenlernen, denn es war unser erster Kontakt
mit Heidi und den Papageien.
1.Erste Eindrücke
Gerade, als wir den Hof betreten wollten, kam uns Achim im Auto entgegen: "Schön, daß Ihr da seid, geht
schon mal rein, ich fahr nur noch schnell zum Baumarkt." So standen wir denn Heidi gegenüber, von der
wir schon manches gehört hatten. Wir setzten uns erst mal zu einem Kaffe zusammen, und es ging ans
"beschnuppern". Das Gesprächsthema dürfte wohl klar sein. Wer jetzt aber an den Gnadenhof und seine
Situation denkt, liegt gründlich falsch. Es ging einfach um Papageien: um Arten und Individuen, ihr
Verhalten, um Ernährung, Medizin und Haltung - eben um alles, was Papageien-Fans bewegt. Auch wenn
wir in manche Ansichten nicht teilen, wurde Heidi uns mit jeder Minute sympathischer; sie diskutiert
mit einem verblüffenden Sachverstand offen, geradeheraus, und mit sehr viel Herz.
Bis Achim wieder zurück war, blieb noch Zeit für einen Rundgang.
Erster Eindruck: Die Volieren sind durch die Bank mustergültig und sehr liebevoll eingerichtet:
Luftreiniger in den Gängen, jede Voliere mit eigener Beleuchtung, fast alle mit Fenster, hell,
sehr geräumig, mit vielen Klettergelegenheiten, Spielzeug, und allem drum und dran. In jeder
Voliere Futter- und Wasserschalen, eine große Schale mit Obst/Gemüse, und auch das Schälchen
mit Grit fehlt nicht. Frische Einstreu, und oft noch Spielzeug oder Äste auf dem Boden, so daß
auch für die "Wühler" gut gesorgt ist. Und das alles so sauber, wie es bei Papageien nur irgend
möglich ist.
Zweiter Eindruck: Die Papageien werden nun nicht einfach nur nach dem Muster "Aras-Amazonen-Kakadus-Graue-Edels"
zusammengestopft, sondern Heidi besetzt die Volieren nach Platzbedarf und Verträglichkeit. Es können sich dabei
durchaus auch mal "Umbesetzungen" ergeben, wenn sich Tiere nicht oder nicht mehr vertragen. In einer Voliere
lebt ein ganzer Ara-Schwarm in friedlichem Miteinander, in einer anderen sitzt hingegen ein einzelnes Ara-Paar.
Heidi versucht mit sehr viel Einfühlungsvermögen, die Volieren so zu besetzen, wie es den Papageien gut tut.
So sitzt auch ein Amazonenpärchen in einer Kakadu-Voliere, in einer anderen Voliere leben einige kleine Kakadus
mit Edelpapageien zusammen, und so weiter. Es ist zwar ein seltsames Gefühl, zu sehen, wie ein riesengroßer voll
befiederter Papagei einen gerupften ganz Kleinen vorsichtig vom Futternapf wegschiebt, aber wir hatten nicht den
Eindruck, daß in den Volieren Stress herrscht. Gerade in den Volieren, wo verschiedene Arten miteinander leben
und sich das eine oder andere Paar gebildet hat, machen die Tiere einen entspannten Eindruck. Das liegt sicher
mit daran, daß die Volieren wirklich großzügig bemessen sind und auch in den volleren immer noch genug Raum ist,
daß sich die Tiere aus dem Weg gehen können, aber wir möchten nicht wissen, wieviel Tage oder Wochen intensiven
Beobachtens es gekostet hat, die Volieren so zu besetzen.
2.Die Papageien
Sehr auffällig ist der Zustand der Tiere. Jemand, der "normale" Papageien hält, kann es sich einfach nicht
vorstellen: Sehr viele Tiere sind gerupft, viele Tiere haben deutliche Verhaltensauffälligkeiten. Da springt
ein bis auf den Kopf nackter Goffin an das Volierengitter und ruft solange immer wieder "Hallo, Charly", bis
man sich endlich mit ihm beschäftigt. In derselben Voliere sitzt eine vollständig gerupfte beständig zitternde
kleine Gelbhaube und sieht einen nur groß an. Drei oder vier Aras sitzen nebeneinander auf dem Ast und erinnern
irgendwie an Brathähnchen dies ließe sich noch weiter fortsetzen. Ich habe mich im Stillen gefragt: "Heidi hat
doch einen ausgezeichneten Ruf, warum sehen dann aber viele Tiere hier so erbärmlich aus?"
Die Antwort auf diese Frage wurde eine ziemlich harte Lektion:
Wer glaubt, im Gnadenhof wären Papageien, denen vielleicht eine Zehe fehlt, oder denen hin und wieder eine
Feder ausfällt, ist im Irrtum (und diesem Irrtum waren wir auch erlegen). Hier gibt es keine prachtvollen
Vorzeige-Tiere wie in den Besucher-Vogelparks mit Touristenbussen und Cafeteria, es ist wirklich ein Gnadenhof,
und leider nur allzu oft auch eine Papageien-Psychiatrie.
Die Vorzeige-Tiere des Gnadenhofs sind Vögel, die in mühsamster monatelanger Arbeit so weit gebracht wurden, daß
sie sich wenigstens nur rupfen, anstatt sich blutig zu beißen. Bei manchen Papageien besteht der Erfolg einfach
nur darin, daß sie überhaupt am Leben bleiben: Wir sehen einen ziemlich gerupften Papagei mit einer scheinbar
nur sehr langsam heilenden, markstückgroßen Wunde auf der unteren Brust. Lange Gesichter ob des Elends und stumme,
dumpfe Wut. Heidi klärt uns stolz auf, daß der Vogel sich die Wunde selbst gerissen und diese immer wieder geöffnet
hätte, und daß vor einigen Monaten noch die ganze Brust verletzt und das blanke Brustbein zu sehen gewesen wäre. Aber
jetzt würde der Vogel sich nur noch rupfen und die Wunde weitgehend in Ruhe lassen; sie hätte sogar die Hoffnung, daß
die Wunde sich in den nächsten Monaten ganz schließen würde. Das sind die Vorzeigetiere des Gnadenhofs, die "lauten",
schlagzeilenträchtigen Erfolgsstories.
Manchen Papageien kann man die Leidensgeschichte förmlich am Körper ablesen, und wir haben uns mehrmals gefragt,
was die Vorbesitzer mit ihnen angestellt haben mögen, wie die Haltungsbedingungen gewesen sein mögen, kurz: wie
ein Papagei so zum Wrack gemacht werden kann. Heidi kennt die Vorgeschichte fast eines jeden ihrer Papageien. Sie
weigert sich aber, auch nur die geringste Andeutung darüber zu machen; sie gibt lediglich den pauschalen Hinweis,
daß die Tiere oft aus schlechten Haltungsbedingungen - vielfach schon unmittelbar vor der Einschläferung - zu ihr
kommen.
Und genau hier greift das Konzept des Gnadenhofs: Es geht um die Papageien, die wirklich niemand mehr haben will,
um hoffnungslose Fälle. Der Gnadenhof ist kein Tierpark, sondern oft genug die letzte Instanz vor der Einschläferung
oder der Regentonne im Hinterhof. Die meisten Tiere sind nicht einfach nur "Abgabevögel", sondern Papageien, die
medizinisch oder psychologisch aufgegeben wurden. Heidi päppelt die Vögel in mühevoller Arbeit wieder hoch, so weit
es irgend geht, und das so konsequent, daß sie selbst und auch ihre Familie auf sehr vieles verzichten. Auch Rückschläge
sind zu verzeichnen, denn manche Tiere schaffen es auch trotz Intensivpflege nicht mehr.
Manches mag sich negativ oder schockierend lesen, aber wir wollen kein romantisches Bauernhof-Idyll beschreiben, sondern
die Realität, und die ist hier steinhart. Wir können nur vermuten, daß die Papageien im Gnadenhof teilweise aus
Haltungsbedingungen kommen, die man sich nur in seinen übelsten Albträumen vorstellen kann. Oder in einem gesundheitlichen
Zustand, den man nicht einmal seinem ärgsten Feind an den Hals wünschen würde. Es ist Heidis Ziel, ohne Ausnahme allen Tieren
bis zu deren Ende wenigstens das Minimum an dem zu geben, was der Mensch dem gefangenen Tier schuldig ist: regelmäßig Futter
und Wasser, Platz und Licht, Sauberkeit, medizinische Versorgung, Zuwendung mit einem Wort: Respekt.
Dies ist die "leise" Erfolgsstory des Gnadenhofs, die wir gerne übersehen, weil sie nicht so schlagzeilenträchtig ist.
Sie mögen sich fragen: "Was soll denn das blöde Gejammer wegen Futter, Wasser, Platz, Licht, Sauberkeit und was denn noch?
Das ist doch selbstverständlich!" Eben nicht. Für manche Tiere dürfte bereits dies das Glückslos in ihrem Leben sein,
wenigstens die absolut elementaren Bedürfnisse befriedigen zu können, und manche mögen wohl das erste Mal in ihrem Leben
die Gnade erfahren, genug Platz zu haben, um die Flügel auszubreiten. Denken Sie mal darüber nach.
3. Arbeitstag
Nun war der Tag ja nicht den Diskussionen zur Papageienhaltung gewidmet, sondern ganz prosaisch der Arbeit. Heidi
hatte überlegt, daß in zwei Volierenräumen die Kopfseiten der Volieren zur Wand zeigten, und daß doch eigentlich
die Vögel nicht auf die nackte Wand sehen sollten. Also machten sich Carmen und Sebastian (der jüngere Sohn der
Hofstetters) daran, mit Farbe und Pinsel Leben auf die tristen Wände zu bringen: Bäume, Gras, Blumen eben etwas
Abwechslung, ohne daß es gleich zu hektisch wurde.
Heidi, Achim, Florian (der ältere Sohn) und ich nahmen die Gänge zwischen den Volieren in Angriff. Es sollten
Bodenplatten verlegt und auf die Bodenplatten dann Belag geklebt werden. Also Heizungen demontieren, den Boden
vorbereiten, und sich dabei nicht von den neugierigen Papageien an den Haaren ziehen lassen. Platten zuschneiden,
über den Hof reinschleppen, hinbugsieren, verlegen. Mist, paßt nicht, die Aussparung für die Zarge der Tür war
zu knapp geschnitten. Also Stichsäge holen, nachschneiden, hinlegen: paßt. Bodenbelag ausrollen, zuschneiden,
ausliegen lassen. Das liest sich alles sehr flott, aber damit ging ein Arbeitstag herum.