Der Gnadenhof für notleidende Papageien e.V.
Eindrücke vom 2. Juni 2001

Ein Bericht von Heinrich Horstmann und Carmen Greiner
Umsetzung für das World Wide Web von Stefan Seifert

Am 2.6.2001 besuchten wir den Gnadenhof für notleidende Papageien eigentlich, um bei Baumaßnahmen zu helfen, die im Rahmen des Umzugs notwendig wurden, aber auch zum Kennenlernen, denn es war unser erster Kontakt mit Heidi und den Papageien.

1.Erste Eindrücke
Gerade, als wir den Hof betreten wollten, kam uns Achim im Auto entgegen: "Schön, daß Ihr da seid, geht schon mal rein, ich fahr nur noch schnell zum Baumarkt." So standen wir denn Heidi gegenüber, von der wir schon manches gehört hatten. Wir setzten uns erst mal zu einem Kaffe zusammen, und es ging ans "beschnuppern". Das Gesprächsthema dürfte wohl klar sein. Wer jetzt aber an den Gnadenhof und seine Situation denkt, liegt gründlich falsch. Es ging einfach um Papageien: um Arten und Individuen, ihr Verhalten, um Ernährung, Medizin und Haltung - eben um alles, was Papageien-Fans bewegt. Auch wenn wir in manche Ansichten nicht teilen, wurde Heidi uns mit jeder Minute sympathischer; sie diskutiert mit einem verblüffenden Sachverstand offen, geradeheraus, und mit sehr viel Herz.

Bis Achim wieder zurück war, blieb noch Zeit für einen Rundgang.
Erster Eindruck: Die Volieren sind durch die Bank mustergültig und sehr liebevoll eingerichtet: Luftreiniger in den Gängen, jede Voliere mit eigener Beleuchtung, fast alle mit Fenster, hell, sehr geräumig, mit vielen Klettergelegenheiten, Spielzeug, und allem drum und dran. In jeder Voliere Futter- und Wasserschalen, eine große Schale mit Obst/Gemüse, und auch das Schälchen mit Grit fehlt nicht. Frische Einstreu, und oft noch Spielzeug oder Äste auf dem Boden, so daß auch für die "Wühler" gut gesorgt ist. Und das alles so sauber, wie es bei Papageien nur irgend möglich ist.

Zweiter Eindruck: Die Papageien werden nun nicht einfach nur nach dem Muster "Aras-Amazonen-Kakadus-Graue-Edels" zusammengestopft, sondern Heidi besetzt die Volieren nach Platzbedarf und Verträglichkeit. Es können sich dabei durchaus auch mal "Umbesetzungen" ergeben, wenn sich Tiere nicht oder nicht mehr vertragen. In einer Voliere lebt ein ganzer Ara-Schwarm in friedlichem Miteinander, in einer anderen sitzt hingegen ein einzelnes Ara-Paar. Heidi versucht mit sehr viel Einfühlungsvermögen, die Volieren so zu besetzen, wie es den Papageien gut tut. So sitzt auch ein Amazonenpärchen in einer Kakadu-Voliere, in einer anderen Voliere leben einige kleine Kakadus mit Edelpapageien zusammen, und so weiter. Es ist zwar ein seltsames Gefühl, zu sehen, wie ein riesengroßer voll befiederter Papagei einen gerupften ganz Kleinen vorsichtig vom Futternapf wegschiebt, aber wir hatten nicht den Eindruck, daß in den Volieren Stress herrscht. Gerade in den Volieren, wo verschiedene Arten miteinander leben und sich das eine oder andere Paar gebildet hat, machen die Tiere einen entspannten Eindruck. Das liegt sicher mit daran, daß die Volieren wirklich großzügig bemessen sind und auch in den volleren immer noch genug Raum ist, daß sich die Tiere aus dem Weg gehen können, aber wir möchten nicht wissen, wieviel Tage oder Wochen intensiven Beobachtens es gekostet hat, die Volieren so zu besetzen.

2.Die Papageien
Sehr auffällig ist der Zustand der Tiere. Jemand, der "normale" Papageien hält, kann es sich einfach nicht vorstellen: Sehr viele Tiere sind gerupft, viele Tiere haben deutliche Verhaltensauffälligkeiten. Da springt ein bis auf den Kopf nackter Goffin an das Volierengitter und ruft solange immer wieder "Hallo, Charly", bis man sich endlich mit ihm beschäftigt. In derselben Voliere sitzt eine vollständig gerupfte beständig zitternde kleine Gelbhaube und sieht einen nur groß an. Drei oder vier Aras sitzen nebeneinander auf dem Ast und erinnern irgendwie an Brathähnchen dies ließe sich noch weiter fortsetzen. Ich habe mich im Stillen gefragt: "Heidi hat doch einen ausgezeichneten Ruf, warum sehen dann aber viele Tiere hier so erbärmlich aus?"

Die Antwort auf diese Frage wurde eine ziemlich harte Lektion:

Wer glaubt, im Gnadenhof wären Papageien, denen vielleicht eine Zehe fehlt, oder denen hin und wieder eine Feder ausfällt, ist im Irrtum (und diesem Irrtum waren wir auch erlegen). Hier gibt es keine prachtvollen Vorzeige-Tiere wie in den Besucher-Vogelparks mit Touristenbussen und Cafeteria, es ist wirklich ein Gnadenhof, und leider nur allzu oft auch eine Papageien-Psychiatrie.

Die Vorzeige-Tiere des Gnadenhofs sind Vögel, die in mühsamster monatelanger Arbeit so weit gebracht wurden, daß sie sich wenigstens nur rupfen, anstatt sich blutig zu beißen. Bei manchen Papageien besteht der Erfolg einfach nur darin, daß sie überhaupt am Leben bleiben: Wir sehen einen ziemlich gerupften Papagei mit einer scheinbar nur sehr langsam heilenden, markstückgroßen Wunde auf der unteren Brust. Lange Gesichter ob des Elends und stumme, dumpfe Wut. Heidi klärt uns stolz auf, daß der Vogel sich die Wunde selbst gerissen und diese immer wieder geöffnet hätte, und daß vor einigen Monaten noch die ganze Brust verletzt und das blanke Brustbein zu sehen gewesen wäre. Aber jetzt würde der Vogel sich nur noch rupfen und die Wunde weitgehend in Ruhe lassen; sie hätte sogar die Hoffnung, daß die Wunde sich in den nächsten Monaten ganz schließen würde. Das sind die Vorzeigetiere des Gnadenhofs, die "lauten", schlagzeilenträchtigen Erfolgsstories.

Manchen Papageien kann man die Leidensgeschichte förmlich am Körper ablesen, und wir haben uns mehrmals gefragt, was die Vorbesitzer mit ihnen angestellt haben mögen, wie die Haltungsbedingungen gewesen sein mögen, kurz: wie ein Papagei so zum Wrack gemacht werden kann. Heidi kennt die Vorgeschichte fast eines jeden ihrer Papageien. Sie weigert sich aber, auch nur die geringste Andeutung darüber zu machen; sie gibt lediglich den pauschalen Hinweis, daß die Tiere oft aus schlechten Haltungsbedingungen - vielfach schon unmittelbar vor der Einschläferung - zu ihr kommen.

Und genau hier greift das Konzept des Gnadenhofs: Es geht um die Papageien, die wirklich niemand mehr haben will, um hoffnungslose Fälle. Der Gnadenhof ist kein Tierpark, sondern oft genug die letzte Instanz vor der Einschläferung oder der Regentonne im Hinterhof. Die meisten Tiere sind nicht einfach nur "Abgabevögel", sondern Papageien, die medizinisch oder psychologisch aufgegeben wurden. Heidi päppelt die Vögel in mühevoller Arbeit wieder hoch, so weit es irgend geht, und das so konsequent, daß sie selbst und auch ihre Familie auf sehr vieles verzichten. Auch Rückschläge sind zu verzeichnen, denn manche Tiere schaffen es auch trotz Intensivpflege nicht mehr.

Manches mag sich negativ oder schockierend lesen, aber wir wollen kein romantisches Bauernhof-Idyll beschreiben, sondern die Realität, und die ist hier steinhart. Wir können nur vermuten, daß die Papageien im Gnadenhof teilweise aus Haltungsbedingungen kommen, die man sich nur in seinen übelsten Albträumen vorstellen kann. Oder in einem gesundheitlichen Zustand, den man nicht einmal seinem ärgsten Feind an den Hals wünschen würde. Es ist Heidis Ziel, ohne Ausnahme allen Tieren bis zu deren Ende wenigstens das Minimum an dem zu geben, was der Mensch dem gefangenen Tier schuldig ist: regelmäßig Futter und Wasser, Platz und Licht, Sauberkeit, medizinische Versorgung, Zuwendung mit einem Wort: Respekt.

Dies ist die "leise" Erfolgsstory des Gnadenhofs, die wir gerne übersehen, weil sie nicht so schlagzeilenträchtig ist. Sie mögen sich fragen: "Was soll denn das blöde Gejammer wegen Futter, Wasser, Platz, Licht, Sauberkeit und was denn noch? Das ist doch selbstverständlich!" Eben nicht. Für manche Tiere dürfte bereits dies das Glückslos in ihrem Leben sein, wenigstens die absolut elementaren Bedürfnisse befriedigen zu können, und manche mögen wohl das erste Mal in ihrem Leben die Gnade erfahren, genug Platz zu haben, um die Flügel auszubreiten. Denken Sie mal darüber nach.

3. Arbeitstag
Nun war der Tag ja nicht den Diskussionen zur Papageienhaltung gewidmet, sondern ganz prosaisch der Arbeit. Heidi hatte überlegt, daß in zwei Volierenräumen die Kopfseiten der Volieren zur Wand zeigten, und daß doch eigentlich die Vögel nicht auf die nackte Wand sehen sollten. Also machten sich Carmen und Sebastian (der jüngere Sohn der Hofstetters) daran, mit Farbe und Pinsel Leben auf die tristen Wände zu bringen: Bäume, Gras, Blumen eben etwas Abwechslung, ohne daß es gleich zu hektisch wurde.

Heidi, Achim, Florian (der ältere Sohn) und ich nahmen die Gänge zwischen den Volieren in Angriff. Es sollten Bodenplatten verlegt und auf die Bodenplatten dann Belag geklebt werden. Also Heizungen demontieren, den Boden vorbereiten, und sich dabei nicht von den neugierigen Papageien an den Haaren ziehen lassen. Platten zuschneiden, über den Hof reinschleppen, hinbugsieren, verlegen. Mist, paßt nicht, die Aussparung für die Zarge der Tür war zu knapp geschnitten. Also Stichsäge holen, nachschneiden, hinlegen: paßt. Bodenbelag ausrollen, zuschneiden, ausliegen lassen. Das liest sich alles sehr flott, aber damit ging ein Arbeitstag herum.


die Verlegung des Bodenbelages

vorher...

...mittendrin...

...fertig zum Verkleben!

und auch bei den Wänden hat sich einiges getan

vorher, mit Bodenplatten

nachher, mit Bodenbelag und Wand-Deko

Es sieht nicht nach viel aus, was wir geschafft haben, aber zwei Räume sehen nun schon freundlicher aus, und mit den wischbaren Bodenbelägen wird es auch etwas leichter, das Ganze sauber zu halten. Eigentlich wollten wir den Boden noch verkleben, aber Achim, der sowieso die Hauptarbeit geleistet und sich meiner zwei linken Hände mit Engelsgeduld angenommen hatte, wollte gegen 21 Uhr nichts mehr machen. Auch Heidi war der lange Tag anzumerken, über Haushalt, Papageien, der Baustelle und uns zwei Neugierigen war der lange Tag eigentlich (wieder mal?) viel zu kurz.

4. Das blieb hängen
Was uns beeindruckt hat, ist der enorme logistische Aufwand, den Heidi und Familie neben der Pflege und Therapie betreiben. Von den Mengen, die allein bei einer Fütterung gemischt und frisch zubereitet werden, kann man zwei Wellensittiche schon bald ein Jahr lang verköstigen. Wir haben spaßeshalber angefangen, die Gemüsemengen hochzurechnen, und allein das, was bei einer einzigen Fütterung an Obst und Grünzeug angeboten wurde, hätte bei uns für eine ausgewachsene Salatparty für 8-10 Personen gereicht. Futtermengen werden nicht in Pfund gerechnet, sondern in Zentnern.
Ein weiteres Detail: Näpfe reinigen. Es handelt sich nicht um die kleinen mit einem viertel oder achtel Liter Inhalt, sondern um die großen Schalen. Davon mindestens drei in jeder Voliere, oft auch mehr macht geschätzt mindestens 60 Schalen. Abwaschen, abtrocknen...
Rechnet man äußerst knapp je Voliere und Tag im Durchschnitt einen Arbeitsaufwand von 15 Minuten, ist schon mit der Grundversorgung ein halber Arbeitstag zugebracht. An die Reinigung der Volieren mochten wir gar nicht erst denken.

Unterbrochen werden diese Arbeiten immer wieder durch die individuelle Pflege einzelner, besonders problematische Tiere. Da es dann nicht nur bei der Wundversorgung bleibt, sondern auch die nötigen "Streicheleinheiten" verteilt werden, kann auch schon mal eine Stunde für einen Papagei aufgewendet werden. In schlimmen Fällen auch noch mehr, und wenn es ganz dick kommt, ist Heidi Tag und Nacht für das Tier da.

Über die Familie Hofstetter und Heidi insbesondere brauchen wir nichts weiter zu erzählen sie sind normale Menschen und keine Heiligen. Mit den ganz gewöhnlichen Stärken und Schwächen, mit Abneigungen und Vorlieben, mit "Hat Achim etwa schon wieder meinen Kaffee ausgetrunken?" (und Achims wirklich gut gespielter Unschuldsmiene daraufhin) und mit "Mama, ich mag jetzt aber Fernsehen". Außergewöhnlich sind Tatkraft, Energie und Konsequenz, mit der Heidi sich für "Ihre" Papageien einsetzt.


Warum dies so ist, haben wir geahnt, aber das wirkliche Verstehen hat überhaupt erst angefangen, als wir die Papageien selbst gesehen haben:


Wir kommen wieder ... versprochen!

Wenn Sie mehr über den Gnadenhof erfahren möchten, schicken Sie bitte eine E-Mail mit Ihrer Postanschrift an papageien-gnadenhof@gmx.de.
Links zum Gnadenhof für notleidende Papageien e.V.:
  • Gnadenhof für notleidende Papageien e.V.
  • Homepage des Gnadenhof für notleidende Papageien e.V.

  • Bearbeitet von:
    © Heinrich Horstmann, Carmen Greiner und Stefan Seifert
    für die Arbeitsgemeinschaft Papageien-Netzwerk 07 / 2001

    Arbeitsgemeinschaft Papageien-Netzwerk
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    Quellennachweis:
    © Text und Bilder Heinrich Horstmann und Carmen Greiner dr.horstmann@web.de