Zum Status des Gelbohrsittichs
von Volker Würth
Der Gelbohrsittich (Ognorhynchus icterotis) ist durch Habitatverlust und Bejagung eine der
meistgefährdeten Papageienarten. Fast 20 Jahre lang galt die Art als womöglich ausgerottet. Die
Berichte über den Gelbohrsittich seit seiner “Wiederentdeckung” Anfang der 90er Jahre beschränkten
sich auf zwei Schwärme mit je maximal 24 Exemplaren. Die beiden Populationen fanden sich in einem
Wachspalmenwald in den “Central Cordillera” (Kolumbien) bzw. in einem großteils gerodeten Waldstück
in Ecuador. Neben einem in Ecuador laufenden Projekt wurde 1998 das “Proyecto Ognorhynchus” in
Kolumbien ins Leben gerufen.
Im April 1999 wurde ein Schwarm von 61 Gelbohrsittichen beobachtet,
fotografiert und auf Video dokumentiert. Die örtliche Guerilla sagte zu, die Kolonie zu schützen.
Der Bestand hat sich dank der Schutzmaßnahmen, finanziert von der Loro Parque Fundacion und dem
FONDS FÜR BEDROHTE PAGEIEN, auf knapp 100 Tiere erhöht. 2000 wurde nun in Kolumbien eine weitere
Population entdeckt (s. folgender Bericht). Es sind nun also zwei Populationen (die Population in
Ecuador, seit fünf Jahren nicht mehr gesichtet, ist wahrscheinlich verschwunden) mit insgesamt über
150 Individuen bekannt. Da wiederholt Brutaktivitäten dokumentiert wurden, bleibt zu hoffen, dass
sich der Weltbestand eines der seltensten Papageien weiter erholen kann.
Weitere Population des Gelbohrsittichs in Kolumbien entdeckt
von Paul Salaman, Alex Cortes und Juan Lazaro Toro übersetzt und bearbeitet von Franz Amberger
Im Dezember 2000 wurde in Kolumbien während einer Expedition in der „Cordillera Occidental“ eine
Gelbohrsittich-Population (Ognorhynchus icterotis) entdeckt. Alex Cortes und Juan Toro konnten
im Januar zwei Schwärme mit 39 bzw. 24 Individuen erfassen. Bis dahin waren nur Populationen in
Ecuador bzw. Kolumbien bekannt.
Lebensraum und Bedrohung
Die neu entdeckte Population lebt in einer Schlucht auf 2.200 – 2.600 m Höhe. Das Verbreitungsgebiet,
nur 580 ha, besteht aus aufgegebenen Viehweiden sowie Primär- und Sekundärwald. Die häufigsten Baumarten
sind Wettinia kalbreyeri (Macana-Wachspalme) und Cedrela montana (ein Mahagoni-Gewächs). Es gibt
nur wenige Wachspalmen (Ceroxylon quindiuense), von deren Nüssen die Gelbohrsittiche abhängen. Diesen
Lebensraum teilen sie sich mit Kolumbiasittichen (Aratinga wagleri), die Nahrungskonkurrenten sein
könnten. Wahrscheinlich bevorzugt Aratinga jedoch tiefer gelegenes Gebiet. Einheimische berichteten,
dass es vor zwei Jahren noch 100 Individuen gab. Überrascht stellte man fest, dass beide Schwärme nicht
in Gebieten rasten, in denen Wachspalmen häufiger sind. Mehrere Paare konnten beim Kopulieren, Fressen
von Sapium und an Baumhöhlen beobachtet werden.
Der Lebensraum dieser Gelbohrsittich-Population steht bereits unter Schutz, da er ein wichtiges Wasserreservoir
für die Kommunen ist. Trotzdem gibt es potentielle Gefahren für die Sittiche. So werden die Palmen stark genutzt
und dadurch Futter-, Rast-
und Nistbäume vernichtet. Fällen von Harthölzern vermindert den Baumbestand ständig. Weidewirtschaft mit
immer größeren Viehherden zerstört das Unterholz und dringt auch in das Reservat vor. Welche Auswirkung
Jagd auf die Papageien hat, ist derzeit unklar. Es besteht jedoch der starke Verdacht, dass Einheimische
den Vögeln nachstellen. Am meisten Sorge bereitet jedoch die intensive Nutzung der Palmen u. a. durch die
katholische Kirche, die Palmwedel für ihre Osterfeiern benötigt. Noch sind mehrere größere Waldstücke
intakt oder werden nur wenig durch Menschen gestört, da das Gebiet nach einer Regierungsanweisung als
Siedlungsraum aufgegeben wurde. In den vergangenen Jahren wurde es in der Region nach dem Rückzug der
Guerilla auch wieder sicherer.
Fazit und Schlussfolgerung
Die neu entdeckte Gelbohrsittich-Population ist, auch wenn sie offenbar abnimmt, relativ groß und deshalb
für den Bestand der Art von herausragender Bedeutung. Sie lebt über 150 km von der nächsten bekannten
Population entfernt. Ihre Überlebenschancen sind groß, da die Vögel in einem bereits geschützten Gebiet
leben, obwohl es keine spezifischen Schutzmaßnahmen gibt. Nun sollen Forschungs- und Erhaltungsmaßnahmen
eingeleitet werden. Sie sollten permanente Überwachung, Untersuchung der Wanderungsgewohnheiten, Aufzeichnung
der Futter-, Rast und Nistplätze sowie die Untersuchung der Palmen und Waldzusammensetzung beinhalten. Die lokale
Bevölkerung muss in die Bemühungen einbezogen werden. Das Verteilen von Postern, Gespräche etc. kann die
Sensibilisierung der Bevölkerung für die Palmen und Papageien steigern, vor allem zu Ostern.
Vorgehensweise und Kosten
Um diese Ziele zu realisieren, planen Cortes und Toro die Arbeit eines Feldbiologen (Populationserforschung)
sowie eines lokalen Mitarbeiters (Kooperation mit den Einheimischen, Assistenz bei Feldforschung und Schutzmaßnahmen)
für neun Monate. Die Schutzmaßnahmen sollen im Jahr 2001 beginnen. Die Kosten werden auf 13.500 US$ geschätzt.