Das Orangeköpfchen auf Stillleben des 17. Jahrhunderts
Orangeköpfchen
Orangeköpfchen (Loro Park)

Stillleben nennt man "in der Malerei die Darstellung unbewegter ("stiller") Gegenstände wie Blumen, Früchte, Wildbret, Gefäße oder Musikinstrumente, die außerhalb ihres gewöhnlichen Zusammenhangs nach dekorativen, symbolischen oder formal kompositorischen Gesichtspunkten angeordnet werden. [...] Mit der fortschreitenden Neubewertung der empirisch erfahrenen Welt gewannen Stillleben zunächst als Bestandteil der abendländischen Malerei des 15. Jahrhunderts zunehmend an Gewicht. [...] Sie bilden den bevorzugten Prüfstein virtuoser Naturtreue und eignen sich ebenso zum Ausdruck diesseitiger Sinnesfreude wie emblematischen verschlüsselten Hinweisen [...]" (Mayers großes Taschenlexikon 1987, Bd. 21, S. 130). Nimmt man die Eckpunkte dieser lexikalischen Beschreibung (15. Jahrhundert, 'Prüfstein virtuoser Naturtreue') heraus, so sollten Stillleben nach 1550, also der Zeit in der sich der Fernhandel nach Europa von sporadischen Kontakten zu einer festen Größe entwickelte, ein lohnendes Objekt der Untersuchung von Papageiendarstellungen sein. Die Entschlüsselung symbolischer Dimensionen der Bilder überlasse ich Kunsthistorikern. Als Erstes sollen hier Abbildungen des Orangenköpfchen (Agapornis pullaria) betrachtet werden.
Aussehen und Verbreitung

Aussehen: Orangeköpfchen gehören zur Gruppe der Unzertrennlichen (Agaporniden). Sie sind ca. 15 cm lang und etwa 40 g. schwer. Ihr Gefieder ist überwiegend grün. Das Gesicht (Stirn, Kopfseiten und Kehlansatz) ist leuchtend orangerot, der Bürzel blau und die Unterflügelfedern schwarz, der Schnabel rot. Die Weibchen besitzen ein blasseres Rot am Kopf und grüne Unterflügelfedern. Jungtiere sind In allen Farben matter gefärbt. In der modernen Literatur werden die zwei Unterarten Agapornis pullarius pullarius und Agapornis pullarius ugandae unterschieden.
Verbreitung: Das Verbreitungsgebiet wird von einer Vielzahl afrikanischer Staaten durchschnitten: Guinea, Sierra Leone, Süd und Nordangola bis hin nach Zentralafrika, im Osten bis in den südlichen Sudan und Westuganda, Saotome, Bioko.

Verbreitung des Orangenköpfchen nach Robiller
Verbreitung des Orangenköpfchen
nach Robiller

Oragenköpfchen in Europa
Das Orangenköpfchen ist seit dem Jahre 1603 in Europa bekannt (Delpy S. 11). Die erste Erwähnung dieser Art in einem wissenschaftlichen Buch, dem "Exoticum Libri Decem" von 1605, verdanken wir dem niederländischen Botaniker Charles de l'Escluse (1526-1609), der unter dem lateinisierten Namen Carolus Clusius publizierte. L'Escluse bezeichnete den Papagei als "Psittacus minimus" (Strunden S. 53). Von 1588 bis 1593 lebte er in Frankfurt am Main. Anfang des 17. Jahrhunderts zählten Orangeköpfchen zu den Haustierlieblingen besonders bei englischen adligen Damen. Die Importtiere aus Afrika kamen mit beschnittenen Schwungfedern in Europa an und wurden hier in der Stube gehalten (ebd S. 96f.). Auf die Sitte, der Geliebten einen solchen Vogel zu schenken, geht die englische Bezeichnung "lovebird" zurück. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts ist die regelmäßige Käfighaltung in Europa sicher überliefert (Delpy S. 101). Die beim Transport auftretenden Verluste dürften erheblich gewesen sein, wie der niederländische Reisende Bosman 1705 berichtet: "Man nennt die Papageien guineische Sperlinge und bringt eine große Zahl dieser kleinen Geschöpfe nach Holland. Sie werden dort gut bezahlt, obgleich in Guinea das Dutzend nur einen Taler kostet, von welchem neun bis zehn auf der Reise sterben." (nach Strunden S. 72f) [1] Dieser Bericht liefert zusammen mit nebenstehender Karte den Beleg, dass es sich bei diesen Importen um Tiere der Nominatform gehandelt hat. Einen letzten Hinweis auf die Bekanntheit dieser Papageien in Europa bietet die wissenschaftliche Benennung durch Karl von Linné, dessen Artbezeichnung "pullarius" von 1758 heute noch gültig ist, wenn auch die Gattung revidiert wurde.
 Afrika
Das 1700 in Europa bekannte Afrika
unbekannt = dunkelgrau
(Karte aus: Debenham S. 293)
Peter Binoit und seine Zeitgenossen
Peter Binoit war ein in den spanischen Niederlanden geborener, auf Stillleben spezialisierter Maler. Er starb im nahe Frankfurt am Main gelegenen Hanau. Die Neustadt von Hanau wurde 1597 für niederländische Glaubensflüchtlinge gegründete, die aus ihrer Heimat städtische Lebensformen mitbrachten. Ihre Häuser errichteten sie nach dem Vorbild von Stadthäusern in Antwerpen, wozu eine große Eingangsdiele und Repräsentationsräume gehörten. Diese Repräsentationsräume wurden z.B. mit Stillleben geschmückt. Unter den Hanauer Glaubensflüchtlingen und ihrem Umfeld finden sich eine Reihe bekannter Maler, die z.T. durch Verwandtschaftsverhältnisse oder Zugehörigkeit zu Werkstätten in enger Beziehung standen. Zu nennen sind hier neben Peter Binoit Georg Flegel und Sebastian Stoßkopff sowie Franz Godin.
Peter Binoit: Stillleben mit Papageien

Ein Stillleben mit Blumen, das Binoit 1520/30 malte, ist in seiner Realitätsnähe so weit getrieben, dass die einzelnen Blumen in dem Strauß bestimmt werden können. Binoit hat allerdings keinen realen Blumenstrauß gemalt, sondern aus vielen Einzelbeobachtungen einen Strauß auf der Leinwand arrangiert: die Blumen blühen in unterschiedlichen Jahreszeiten. Ein Hinweis auf seine Heimat sind die im Strauß enthaltenen Tulpen, deren Zwiebeln zugleich aber auch eine sehr kostbare Handelsware darstellten. Am rechten unteren Bildrand sitzen zwei Papageien, die an einem Granatapfel picken. Auch dies ist sicher nicht im Sinne eines Fotos als Dokument der tatsächlichen Lebensweise der Papageien in den Wohnungen ihrer Halter zu verstehen: Granatäpfel als teure Importwahre dürften damals sicher nicht als Grundnahrung für Vögel eingesetzt worden sein. Aber es ist sicher richtig, dieses als Hinweis auf die damals bekannte Ernährung der Tiere mit Früchten bzw. Kernen zu deuten, das exotische Obst ist dann nur ein zusätzlicher Verweis auf die ferne Herkunft des Papageien.

Peter Binoit 1: Orangeköpfchen Peter Binoit 2: Orangeköpfchen
Das Mainzer Bild, links ein Ausschitt über die volle Bildbreite, rechts ein vergrößerter Ausschnitt.

Erstaunt war ich, dass dieses Bild gleich zweimal existiert: es hängt im Hessischen Landesmuseum Darmstadt und im Rheinland-Pfälzischen Landesmuseum in Mainz. In Darmstadt trägt das Bild die Beschreibung "Vase mit Blumen", um 1620, Inv. GK 312. Mainz führt sein Gemälde unter "Blumenstilleben", 1620/30, Inv. Nr. 83.

Georg Flegel Stillleben mit Papageien

Georg Flegel wurde 1566 in Olomouc geboren und starb 1638 in Frankfurt am Main, wo er ab 1597 Bürgerrechte besaß. Das erste Bildbeispiel zeigt ein Orangenköpfchen mit in einem Dessert-Stillleben, das viele kostbare und ferne Waren versammelt, z.B. weißen Kristallzucker, chinesisches Porzellan, getrocknete Feigen, Datteln, Mandeln, aber auch heimische Nüsse.

Die Darstellung des Papageis zusammen mit Früchten der Geschmacksrichtung süß und vegetabil ist sicher auch hier ein Hinweis auf die Ernährungsweise des Krummschnabels, bzw. auf seinen Status als wertvoller Exot. Papageien finden jedenfalls keinen Platz auf Jagdstillleben oder Stillleben die Zutaten die Zubereitung von für Speisen in einem Küchenumfeld zeigen. Dies verweist auf die Haltungspraxis: Papageien waren edler Besitz, der nicht gegessen wurde und auch sonst sicher eher in repräsentativen Räumen als in der Küche anzutreffen waren.

Georg Flegel 1: Orangeköpfchen Georg Flegel 2: Orangeköpfchen

Leider ist auch das Original des linken Bildes recht dunkel. Mehr Details zeigt, aufgrund des hellen Hintergrundes, das rechte Bild. Wenn man hier die Handschwingen betrachtet, scheinen sie vollständig zu sein. Der Schwanz ist leider zusammengefaltet gemalt, so dass die schöne Schwanzfärbung eines aufgefächerten Schwanzes nicht zu sehen ist.

Literatur und Quellen:

Die Bilder habe ich, bis auf das Aquarell von Flegel, im Orginal gesehen. Die Abbildungen der Bilder Flegels stammen von der Webseite: STRONY TE SA CZESCIA PAPUZIEGO PORTALU
Die Bilder von Binoit wurden in den Museen fotografiert.

Arndt, Th.: Agapornis pullarius (Linné 1758) im The complete LEXICON OF PARROTS http://www.arndt-verlag.com/projekt/parse.cgi?Desc=E170.htm&Pic=170_1.JPG

Bott, G. : Ein stück von allerlei blumenwerk - ein stück von früchten - zwei stück auf tuch mit hecht. Die Stillebenmaler Soreau, Binoit, Codino und Marrell in Hanau und Frankfurt 1600 - 1650 (Verlagsinformationen) http://www.cocon-verlag.de/sub_Buch.html

Debenham, F. (1970): 6000 Jahre mußten vergehen. Entdeckung und Erforschung unserer Erde von den Anfängen bis heute. Stuttgart

Delpy, K. H. (1983): Agaporniden Die Unzertrennlichen. Minden

Ochs, B.: Gattung Agapornides

Agaporniden

Strunden, H. (1984): Papageien einst und jetzt. Walsrode

Dessert Still-Life

Anmerkung

Gemeint ist wohl:
Willem Bosman (1705): Voyage de Guinée contenant une description nouvelle et très exacte de cette côte où l'on trouve et où l'on trafique l'or, les dents d'éléphants et les esclaves: de ses pays, royaumes et républiques, des moeurs des habitants, de leur religion, gouvernement, administration de la justice, de leurs guerres, mariages, sépultures, etc. Comme aussi de la nature et qualité du terroir, des arbres fruitiers et sauvages, de divers animaux, tant domestiques que sauvages, des bêtes à quatre pieds, des reptiles, des oiseaux, des poissons, et de plusieurs choses rares, inconnues jusques à présent aux Européens, par... Enrichie d'un grand nombre de figures. http://www.crlv.org/outils/viatique/afficher.php?viatique_id=980
Willem Bosman: A New and Accurate Description of the Coast of Guinea. London 1705
Über dieses Werk gibt es eine schöne Webseite.

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