Vom Papagei, aus dem frühchristlichen Buch Physiologus

(58) Vom Papagei

Der Physiologus sagt von ihm, daß es einen Vogel namens Sittich gibt, klein wie ein Rebhuhn. Es kann die Stimmen des Menschen nachahmen, er spricht auch in gleicher Weise und unterhält sich wie ein Mensch.

Der Heilige Basilius sagt: Ahme auch du, Mensch die Stimme der Apostel nach, die Gott priesen, und preise auch selbst, ahme den Wandel der Gerechten nach, damit du gewürdigt werdest, ihre lichtglänzenden Sitze zu erreichen. (Aus: Physiologus, S.105f.)

Der "Physiologus" ist ein frühchristliches Werk, das Naturgeschichte mit einer theologischen Deutung versieht. Entstanden ist es zwischen 150-210 n.Chr. Der Abschnitt zum Papagei ist dabei durchaus typisch: nach der Naturgeschichte folgt eine christliche Deutung und Handlungsanweisung, die meist mit Bibelstellen belegt wird. Da der Papagei aber kein biblisches Tier ist, muss bei seiner Deutung etwas improvisiert werden. Daher wird seine Verhaltensweise als Vorbild für den Menschen dargestellt.

Bestiarien waren lange Zeit die Quelle des zoologischen Wissens, der Physiologus das Naturbuch des Christentums. Er enthält neben realen Tieren auch mythische Tierarten, sowie einige Abschnitte über Steine oder Menschen. Er wurde in viele Sprachen übersetzt, wobei er zahlreiche Ergänzungen und Überarbeitungen erfahren hat. Der Ursprungstext ist nicht mehr erhalten über den Autor der Urschrift und bzw. die Autoren der Überarbeitungen ist kaum etwas bekannt. Der Abschnitt Papageien entstammt nicht dem ursprünglichen Text, sondern einer späteren Erweiterung. In dieser Erweiterung wird der Kirchenvater Basilius (um 330 - 379) genannt, dessen Schriften der Bearbeiter kannte.

Die Wirkung der Beschreibungen von realen oder fiktiven Tieren im Physiologus reicht bis in die Gegenwart, auch wenn er heute als Quelle kaum mehr genannt wird. Einige Motive von Fabeln finden sich dort bereits. Und wenn Harry Potter Basilisk, Einhorn oder Phoenix begegnet, so verhalten sich diese auch wie im Physiologus geschildert.


Gläubige lauschen einem Papagei. Die antike Vorstellung der Gelehrsamkeit eines Papageis ist in der Moderne der Geschwätzigkeit gewichen. Antiklerikale Karikatur des spanischer Malers und Graphikers Goya (1746-1828) aus dem Jahr 1797. Que pico de oro! = Was für ein Goldschnabel (Caprichos, Blatt 53)

Verfügbare Ausgaben

Der Physiologus ist in mehreren billigen Ausgaben verfügbar. Unlängst wurde die von Ursula Treu im Hanauer Atria Verlag in dritter Auflage erschienene Übersetzung verramscht. Ihr entstammt der Text zum Papagei. Beigefügt ist eine Zeichnung einer antiken Kleinbronze, die einen Graupapagei darstellt, die Fußnote verweist aber auf die indische Herkunft der Papageien, somit auf den Halsbandsittich.

Auch Reclam (Bd. 18124) bietet eine Ausgabe, die zweisprachig Griechisch/Deutsch aufgebaut ist. Leider fehlt hier der Abschnitt zum Papageien, dafür bietet sie aber zahlreiche Quellen- und Literaturangaben sowie ein gutes Nachwort, das einiges zur Wirkungsgeschichte und zur Quellenlage des Physiologus z.B. in Bezug auf andere antike Tierbücher enthält.

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Text und Layout Detlev Franz
Arbeitsgemeinschaft Papageien- Netzwerk
 © 03/2008