Buchschmuck: Zwei Papageien auf Initialen der Reformationszeit

Initialen nennt man die vergrößerten Zierbuchstaben, die am Anfang von Textseiten oder Textabschnitten verwendet werden. Oft wurden (und seltener werden) solche Zierbuchstaben, die sich schon in mittelalterlichen Handschriften finden, nicht nur mit Mustern, Farben oder Blattgold verschönert, sondern auch z.B. durch Darstellungen von Tieren oder Menschen verfeinert. Mit dem Übergang von den Handschriften zum Druck mit beweglichen Lettern wurden solche Initialen z.B. in Holz geschnitten, was einerseits eine Qualitätseinbusse (Farbigkeit und Detailreichtum) bedeutet, im Gegenzug aber ein weiteren Verbreitung der Motive bewirkte. Die Holzschnitttechnik bedingt - etwa gegenüber den für Karten, Stadtansichten und Kunst verwendetem Kupferstichen - eine etwas einfache Darstellung ohne feine Linien und Graustufen, kann aber zusammen mit den aus beweglichen Holzlettern bestehenden Druckstöcken in einem Arbeitsgang gedruckt werden, was den Produktionsaufwand wiederum erheblich verringert. Da diese Holzstiche wie die einzelnen Buchstaben nach dem Gebrauch wieder verwendet werden können, können sich die gleichen Initiale in verschiedenen Druckwerken finden.

Es ist nicht unbedingt selten, dass zu den dargestellten Tieren auch Papageien gehören. In der Zeit vor der Begründung der modernen Zoologie, bzw. Ornithologie können solche Darstellungen vom Standpunkt der Papageienkunde interessant sein, wenn sie etwas über das papageienkundliche Wissen, z.B. in Bezug auf Arten, Anatomie, Verhalten, Nahrung ... einer Epoche verraten, auch wenn die Abbildungen selbst keinen biologischen Kontext besitzen.

Zwei solcher Initiale mit Papageiendarstellungen seien hier kurz vorgestellt. Bei beiden sind Papageien in Große Anfangsbuchen "B" und "O" eingeflochten und stammen einem Sammelband mit Flugschriften der Reformationszeit aus der Zeit um 1520, der in der Stadtbibliothek Mainz lagert (Signatur: XIIIn:4º-217) . Die Verwendung der Papageien als Buchstabenschmuck steht in keiner Beziehung zum Inhalt der Drucke, sondern hat nur dekorativen Charakter.

Offensichtlich handelt es sich bei allen vier Tieren um die selbe Art, die aufgrund des Habitus der Vögel und dem bei allen Papageien deutlich zu erkennenden Halsringes wohl als Halsbandsittiche (Psittacula krameri) anzusprechen sind. Ein genauerer Blick auf die Papageien zeigt das der untere rechte Papagei im Initial B und der große Papagei im Initial O im wesentlichen eine identische Körperhaltung besitzen, wobei der Vogel im O noch einen Zweig im Schnabel hält. Die Handschwingen des Vogels im O scheinen aufgrund des Bildaufbaus verkleinert, wohingegen der gleiche Vogel im B vollständige Handschwingen zeigt, also nicht beschnitten ist. Sonderbar fischartig mutet der Papageienschwanz dieses Vogels im B an: aus einem gefiederten oder geschuppten Teil, wachsen die langen Schwanzfedern hervor. Dieser B-Papagei zeigt auch einen eindeutigen Papageienfuß mit den zwei nach hinten gewendeten Zehen.

 

Fast interessanter ist der senkrechte Vogel im B-Initial, an ihm können die Proportionen von Schwanz und Körper gemessen werden. Leider sitzt der Vogel in der Luft, so dass sein Sitzen und Greifen nicht genauer zu erkennen ist. Besonders schön ist der fast anatomisch korrekte Ansatz des Schwanzes, der sich etwa auf Illustrationen zu Konrad Gessner nicht findet. Ein Hinweis auf später noch weiter reichendes "Abschleifen" des Motivs findet sich jedoch trotzdem: die kurzen Schwanzfedern erscheinen verdreht, dies Abweichung die bei bei späteren Darstellungen von Papageien als Schützenschmuck noch extremer werden kann, findet sich schon hier.

Darüber, ob der Holzschneider die Vögel selbst gesehen hat oder eine ältere Abbildung, b.z.w. ein Musterbuch zur Hilfe genommen hat, darüber lässt sich nur spekulieren. Mich erinnert jedenfalls die Art und Weise wie der Vogel im O den Zweig hält, mehr an eine Taube der christlichen Ikonographie als an eine Beobachtung eines lebenden Papageis: Die Nahrung wird nicht mit dem Fuß zum Schnabel geführt. Immerhin verrät dieses, dass man Papageien für Pflanzenfresser hielt, auch wenn der Grund sicher eher in der Gestaltung mit Pflanzenornamenten zu suchen ist. Jedenfalls würde sich so ein Zweig sicher nicht bei einem Adler oder Greifvogel finden.
Nicht nur deshalb erscheint mir eine Übernahme der Motive aus verschiedener Quelle wahrscheinlicher. Der unterschiedliche Abstraktionsgrad der einzelnen 4 Papageien scheint dieses zu bestätigen. Ein solches Verfahren führt zu einem immer weiter reichenden 'Abschleifen' der Motive, bis dieses kaum noch zu identifizieren sind. Der senkrechte Papagei im Buchstaben B erinnert mich an Dürers Kupferstich Adam und Eva aus dem Jahr 1504, bei dem allerdings die Sitzhaltung aufgrund des vorhandenen Astes stimmiger ist.

 
Zum Vergleich: Ausschnitt eines
Kupferstiches von Dürer (1504)
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