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Papageien vor der Haustür
Halsbandsittiche in Wiesbaden

Fünfte Ausgabe (Sommer 2001)
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9. Historische Vorkommen in Deutschland

Erste Importe von Papageien nach Europa

Bei den Papageien des Altertums und des Mittelalters handelte es sich im wesentlichen um Alexandersittiche, nach der "Entdeckung" Amerikas und ihren Folgen standen erstmalig auch die Wege zu den amerikanischen, afrikanischen und australischen Vögeln offen. Dies läßt sich nicht nur aus historischen Berichten erschließen, sondern z.B. mit Beispielen aus der bildenden Kunst und dem Kunsthandwerk belegen.

Mit etwas Glück findet man auch schon mal einen historischen Fall eines entflogenen Papageis:

    "Es ist gestern Morgen aus einem Hause ohnweit der Petrikirche, das 4te Haus der Brüderstrassenecke nach der Wasserseite, ein kleiner Perroquet oder Papagey, welches ein Hahn ist, entflohen. Selbiger hat die Grösse einer Wachtel, vielleicht auch noch wohl ein wenig länger und grösser, ganz verd de pomme oder recht schön Apfelgrün, einen Ponceaurothen Kopf und dergleichen Federn unterm Schwanz, auch ganz krummen röthlichen Schnabel, übrigens wie ein Papagey gestaltet. Da nun dieser rare Vogel, sowohl in Ansehung der besondern Futterung als auch aus Mangel der Sie, da einer ohne den andern nicht das Leben behält, und also inseparable genannt werden, niemandem etwas Nutzen kann, so wird hiermit ergebenst gebeten, daß wenn jemand diesen Vogel aufgegriffen, denselben gegen einen guten Recompens in der Vossischen Buchhandlung abzugeben." Vossische Zeitung Nr. 80 (1774)

Die für eine erfolgreiche Ansiedlung im europäischen Freiland erforderlichen große Anzahl an Tieren in Gefangenschaft wurde aber erst nach der Herausbildung des Hobbys Vogelzucht und Vogelhaltung erreicht. Keine der heutigen Populationen stammt aus der Zeit vor 1970.

Die Zahl der in die Bundesrepublik eingeführten Wildpapageien hat seit zehn Jahren kontinuierlich von 39.900 im Jahr 1989 auf 5.500 im Jahr 1998, abgenommen (Bundesamt für Naturschutz). Dies bedeutet aber keine Abnahmen der Papageien in Menschenhand, da heute viele Arten in Gefangenschaft so erfolgreich nachgezüchtet werden, dass ihre Zucht zu Verkaufszwecken kaum noch lohnend ist. Da dieses zu 'überzähligen' Tieren in Gefangenschaft führt, bleibt abzuwarten, ob diese Entwicklung der Freilassung von Tieren Vorschub leistet. Eine offene Frage ist ob solche Tiere zum Leben in Freiheit überhaupt fähig sind.

weltweite Verbreitungskarte
Verbreitung der Papageien
in der biologischen Gegenwart

Vom Freiflugexperimente zur verwilderten Population

Obwohl folgende Informationen vor allem aus Berichten über Freiflugexperimente und Einbürgerungsversuche resultieren, bieten sie doch die Möglichkeit die Chanchen von Gefangenschaftsflüchtlingen abzuschätzen. Folgende Faktoren begünstigen und ermöglichen die Ansiedlung von Vögeln:

  • eine möglichst zahlreiche Ausgangsgruppe (d.h. besonders wahrscheinlich bei preiswerten Papageien, die in Gruppen gehalten werden) oder eine spätere Verstärkung der Gruppe. Es müssen beide Geschlechter vorhanden sein;
  • klimatische Eignung (Temperatur, aber auch Luftfeuchtigkeit);
  • geeignete und ganzjährig vorhandene Nahrung, unspezialisierte Arten haben es leichter;
  • geringe Spezialisierung in Bezug auf Nistmöglichkeiten u.ä.;
  • die Möglichkeit Feinden auszuweichen oder diese abzuwehren (größere, kräftige und farblich unauffällige Arten sind hier im Vorteil);
  • Stand- oder besser Strichvögel - Zugvögel sind problematisch da sie die Zugbewegungen nicht mehr richtig aufführen können, Standvögel haben Probleme bei Nahrungsmangel an einem Ort;
  • Bildung von Brutkolonien bzw. Schlafkolonien, fördert u.a. das Auffinden von geeigneten Partnervögeln bei ansonsten geringer Vogelzahl;
  • Lernfähigkeit.

Über Halsbandsittiche hinaus existieren einige Papageienarten, die diese Voraussetzungen erfüllen.

Die auffällige Färbung, der Lärm und die oft fehlende Scheu vor Menschen sind Faktoren, die die Entwicklung von Populationen oft verhindern. Schon bei den vermutlich ältesten Versuchen Papageien in Europa heimisch zu machen, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien stattfanden, hatte man damit zu kämpfen. Die Papageien haben sich zwar an das europäische Klima gewöhnt und auch im Freiland gebrütet aber man schiesse "die auffallenden Fremdlinge einfach tot, wo man sie bemerkt, und bereitet damit allen Einbürgerungsversuchen ein jähes Ende" (Brehm 1891, S. 179). Es gab einfach "so viele erbärmliche Flinten" (ebd.) wie ein zeitgenössischer Berichterstatter beklagte. Und nicht nur in den vereinigten Königreichen wurde geschossen:

  • 11 Graupapageien eines im Freiflug gehaltenen Trupps um 1870 in Northfoke (GB) (Niethammer S. 285),
  • ca. 20 Carolinasittiche eines im Freiflug gehaltenen Trupps um 1876 in Deutschland (Berlepsch S.28),
  • ca. 1885 Abschüsse einiger Mönchssittiche in Sohland unweit Görlitz (Niethammer S. 282),
  • ca. 1930 Abschüsse einiger Mönchssittiche in Berlin (Niethammer S. 282),
  • 3 Gelbhaubenkakadus eines Trupps vor 1955 bei Stadelau in Östereich, darunter auch echte Freilandbruten (Niethammer S. 281),
  • 1975 wurde in Köln eine Abschussaktionen durchgeführt die über 100 Halsbandsittichen das Leben kostete (Bezzel S.621)
  • 1989 gab es in wilde Abschussaktionen Wiesbaden Biebrich, ebenfalls bei Halsbandsittichen (Zingel 1990)
  • 1 Gelbscheitelamazone 1998 in Stuttgart
Die derzeit sehr restriktive Gesetzeslage bei der Herstellung und dem Besitz von Präparaten dürfte dazu führen, das Abschüsse nur noch in Ausnahmefällen bekannt werden, wohingegen solche Trophähen früher z.B. öffentlichen Sammlungen geschenkt wurden und somit eine größere Chance bestand, dass ein Abschuss auch bekannt wurde.

Noch etwas scheint bemerkenswert zu sein: die in Europa frei lebenden Papageien sind 'wildfarben'. Die z.B. bei Halsbandsittichen in Menschenhand sowohl an Vielfalt, als auch an Anzahl häufigen Farbmutationen scheinen kaum eine Überlebenschance zu besitzen. Zu Fragen wäre hier ob sie konstitutionell unterlegen sind oder ob Greifvögel sie innerhalb eines wildfarbenen Trupps herausselektieren.


Artenübersicht

Hier einige Beispiele für Papageien, die nicht auf anderen Seiten von 'Papageien vor der Haustür' behandelt werden, die aber immer wieder beobachtet werden und/oder von denen Freilandbruten (z.T. auch im Freiflug) nachgewiesen wurden. Die Aufnahme von Gruppen im Freiflug ist deshalb sinnvoll, da so deutlich wird, welche Arten in der Lage sein könnten, eigenständige und stabile Populationen aufzubauen und welche nicht.

ArtErsteinführungErstzucht
Einfuhrzahlen/
Bestandszahlen (Gefangenschaft)
Freilandvorkommen
(in Deutschland)
Wellensittich
(Melopsittacus undulatus)
18401855Bestand derzeit ca. 15 Mill. (BRD)Gefangenschaftsflüchtlinge
keine Population
Graupapagei
(Psittacus erithacus)
16. Jh.Erstzucht ca. 1770 (Frankreich)
vermehrte Zuchten nach 1970
Import BRD 1986-1995: 62059 TiereGefangenschaftsflüchtlinge
keine Population
Mohrenkopfpapagei
(Poicephalus senegalus)
Anfang 19. Jh.1956 (Dänemark)
1970 (Dt.)
Import BRD 1989-1993: 30880 TiereEinzeltiere
Mönchssittich
(Myiopsitta monachus)
-1869 (Berlin, Aquarium)
-mehrere Freiflughaltungen seit ca. 1890
Gefangenschaftsflüchtlinge derzeit keine Population in Dt.
Nymphensittich
(Nymphicus hollandicus)
ca. 18501850 (Dt.)
Große Einfuhren 1864-1914 (GB)
1978: ca. 100000 Vögel in Europa
Einzeltiere
Grünsperlingspapagei
(Nannopsittaca panychlora)
---Freiflugexperiment 1930
Bergpapagei
(Agapornis taranta)
---Freiflugexperiment zuletzt ??
Erdbeerköpfchen
(Agapornis lilianae)
---zuletzt 1969
Karolinasittich
(Conuropsis carolinensis)
--Mitte 19. Jh. billige ImporteFreiflugexperiment zuletzt 1876?

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