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Papageien vor der Haustür
Halsbandsittiche in Wiesbaden

Fassung 5.4 (November 2004)
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8. Gelbkopfamazone Amazona oratrix in Stuttgart

Biologischer Steckbrief

Systematik
Die Systematik der Art bzw. Unterartgruppe um Amazona ochrocephala , sowie A. oratrix und A. auropalliata ist ein wenig unübersichtlich. Arndt führt im etwas älteren LEXICON OF PARROTS 11 Unterarten der Art Amazona ochrocephala auf, deren Nominatform im Deutschen als Gelbscheitelamazone bezeichnet wird. Diese Bezeichnung hatte ich bis Ende 2002 als Kapitelüberschrift gewählt. Würth schreibt (Papageien 8/2002) "Gelbkopfamazone" bzw. Ochrocephala-Gruppe, Hoppe, (1999 im Falken) Gelbscheitelamazonen. In: "Die Vögel Baden-Würtembergs - Nicht-Singvögel 3" findet sich die Bezeichnung "Amazona ochrocephala oratrix - Große Gelbkopfamazone".
Die Unterarten verteilen sich nach einer neuern Systematik auf 3 Arten mit zusammen ebenfalls 11 Unterarten, die den alten Unterarten entsprechen. Eine Aufstellung dazu bietet H.-J. Pfeffers: Die Amazonenpapageien (Genus Amazona) .
Worin nun der taxonomische Vorteil liegen soll ist nicht ganz klar. Zwei Unterarten Gelbnackenamazone A. auropalliata auropalliata und Kleine Gelbnackenamazone A. auropalliata parvipes sind seit Ende 2002 in ihrem Schutzstatus (jetzt CITES 1) erhöht worden. Niemann vermutet hinter der Abspaltung dieser Art bzw. zwei Unterarten vor allem Gründe des Naturschutzes: "Bis heute ist keine klare Abgrenzung der beiden neu geschaffenen Arten [das meint: A. oratrix und A. auropalliata, der Verf.] und eine exakte Abgrenzung der Unterarten nicht möglich." (Papageien 12/2002) Eine unterartgenaue Benennung macht nach meiner Meinung bei einer gemischten Population, deren Herkunftsunterarten noch dazu zu einem etwas ungeklärten Art-Komplex gehören wenig Sinn. Denn bisher sind ja allenfalls Merkmale aus der Distanz beobachtet worden. In diesem Sinn - und trotz Bedenken gegen die neue Systematik -wäre es also am besten die Bezeichnung Gelbkopfamazone Amazona oratrix zu verwenden, wobei die größte Zahl der Tiere Merkmale von der Nominatform Grosse Gelbkopfamazone A. oratrix oratrix zeigt.

 

Größe: 35 - 40 cm.
Verbreitung: Süd- und Mittelamerika von Nord-Kolumbien bis West-Panama. Wie die zerstreute Verbreitung vermuten läßt besitzt Amazona ochrocephala in mehrere Unterarten.
Lebensraum: In der trockenen und feuchten tropischen und subtropischen Zone bis 750 m Höhe vor allem in Gebieten mit Baumbestand sowie Savanne mit hohen Büschen und landwirtschaftlichen Anbaugebieten. Die Tiere sind auch in und bei Dörfern anzutreffen.
Lebensweise: Paarweise, in kleinen Gruppen oder Schwärmen bis zu 250 Tieren.
Brutverhalten: Brutzeit von März bis Juni (Kolumbien/ Venezuela: April bis Juli; Brasilien: Juni bis Oktober). Die Nisthöhlen liegen in hohen, meist abgestorbenen Bäumen und Palmen. Die Nominatform brütet auch in Baumtermitenbauten. Brutzeit ca. 26 Tage, Nestlingszeit 2 Monate. Brütende Weibchen werden tagsüber außerhalb des Nestes von Männchen gefüttert.
Nahrung: Früchte, Samen, Nüsse, Blüten, Beeren und Knospen; besucht werden auch Barrei-ros (Aufschlüsse mineralhaltige Erde). Quelle 

 Amazona ochrocephala
Gelbstirnamazone Amazona ochrocephala (Volierenaufnahme)
Amazona oratrix oratrix
Doppelgelbkopfamazone Amazona oratrix oratrix (Volierenaufnahme)
Verbreitungskarte

Vorkommen in Stuttgart

1984 tauchte eine freilebende Gelbstirnamazone auf dem Gelände des Stuttgarter Zoos Wilhelma auf. Sie suchte Kontakt zu den in Käfigen gehaltenen Papageien. Die Tierpfleger begannen dieses Tier zu füttern und ließen im Frühsommer 1985 eine Gelbstirnamazone frei, damit der Vogel einen Kumpanen habe. Dieser Vogel hatte zufällig das richtige Geschlecht. 1986 fand die erste Brut statt und heute leben ca. 30 Tiere in Stuttgart. Anzutreffen sind sie besonders im Zoo und dem angrenzenden Rosensteinpark. Zwei Unterarten, Doppelgelbkopf Amazone (Amazona ochrocephala oratrix) und Gelbkopfamazone (Amazona ochrocephala belizensis), kommen im Park vor, wobei Amazona ochrocephala oratrix überwiegt (vgl. Hoppe).
Das Gelände des Zoos wird aber nicht so genutzt, dass man von Vögeln im Freiflug sprechen könnte. Der Zoo bietet mit seinem Baumbestand offensichtlich nur einen interessanten Aufenthaltsort für die Papageien.
Die Tiere besitzen den papageientypischen Tagesrythmus. Nach dem Flug vom Schlafbaum folgt intensives Komfortverhalten und Nahrungsaufnahme. Die Gruppe zeerfällt tagsüber in die Pärchen, die eventuell in Begleitung von Jungttieren sich über das umliegende Stadtgebiet verteilen. Um die Mittagszeit bis hinein in den Nachmittag ruhen sich die Vögel aus. Gegen Abend wird noch einmal gefressen, die Tiere versammeln sich und kehren zu den Schlafbäumen zurück.
Lautäußerungen sind dabei vor allem morgens zu höhren. Nachmittag und abends waren die Vögel still.

 8.1.2000: Doppelgelbkopfamazone auf einer Eibe

Eigene Beobachtungen (8.1.2000)

Wer den eleganten Flug der Halsbandsittiche gewohnt ist, den wird die Flugweise der Gelbstirnamazonen überraschen. Wenn die Vögel auf einen zufliegen, sind sie von Enten kaum zu unterscheiden. Beobachtet man die Vögel seitlich, so wirken ihre Flügel wie aus Gummi, ihr Flug erinnert mich an Fledermäuse. Dieser Effekt kommt dadurch zustande, daß sie ihre Flügel nicht wie andere Vögel über den Körper hinaus heben.

Im Sommer 1999 suchte ich die Tiere zum ersten mal. Leider konnte ich keine Gelbstirnamazonen sehen oder hören. Ein zweiter Besuch am 8.1.2000, bei dem ich von Dieter Hoppe geführt wurde war wesentlich erfolgreicher.
Beobachten konnten wir:

  • drei Tiere, vermutlich eine Paar mit einem letztjährigen Jungvogel in der Spitze einer Platane;
  • zwei Pärchen auf zwei nahe der Wilhelma, ein Pärchen wechselte zuerst in die Dachrinne eines anliegenden Hauses, davon landete ein Vogel dann auf dem Schornstein, der zweite benutzte die Antenne als Sitzgelegenheit;
  • ein Pärchen verteidigte die Umgebung seiner letztjährigen Bruthöhle in einer Platane gegen eine Rabenkrähe. Dieses schien eher ein Spiel zu sein als ein ernsthafter Kampf, das Papageienmännchen war bei diesem 'Kampf' offensiver als das Weibchen;
  • vor dem Flug zum Schlafbaum konnten wir noch die abendliche Vesper eines Pärchens auf einer Eibe beobachten, gefressen wurden dabei die Kerne der Früchte, das vertrocknete Fruchtfleisch selbst wurde ausgespuckt. Die Trennung von Samen und Fruchtfleisch erfolgte mit dem Schnabel, indem die Frucht mit dem Unterschnabel gegen die Innenseite der Spitze des Oberschnabels gedrückt wurde.
    Beide Vögel waren dabei absolut still und ließen sich durch die unter ihnen versammelten Menschen nicht beeindrucken.
 8.1.2000: Dachrinne

Abschuss zweier Tiere

Im Herbst 1998 wurden ein Tier von einem 69-Jährigen angeschossen, da die in seinem Garten rastenden Tiere nicht hierher gehören würden. In der Kühltruhe des Mannes fand man ein zweites Tier, das er bereits 1996 abgeschossen hatte. Der Rentner wurde zu einer Geldstrafe von 45 Tagessätzen à 50 DM verurteilt und seine Waffe eingezogen. Er gab zu Protokoll, "das Federkleid" der Papageien biete "die selbe Widerstandskraft wie eine kugelsichere Weste" - was natürlich ebenso echter Unsinn ist, wie seine Behauptung, die Vögel würden in Luftschächten brüten, was Tierquälerei sei (Schorndorfer Nachrichten vom 1.9.1999).
Tierschützer beklagten sich, dass die Tagessätze wesentlich zu niedrig angesetzt seien. Der Rentner sei nicht so mittellos wie er vor Gericht angegeben habe, sein Auto sei ein Ferrari. Immerhin durfte der Mann noch die Rechnung der Wilhelma über die Pflege und medizinische Behandlung von 7630,83 DM bezahlen, wie eine Zeitungsmeldung vom 23.10.99 berichtet.
Nach einem Bericht der Zeitung "Freitag" handelt es sich bei dem Täter um den Stuttgarter Multimillionär und Unternehmer Hans Herzinger. Er hatte 1991 den Rudolf-Eberle-Innovationspreis der Baden-Württembergischen Landesregierung erhalten.  
 
 
 
rechts : "Ein wahrer Kämpfer für den deutschen Spatz"
(Zeitungsausriss aus Schorndorfer Nachrichten vom 1.9.1999)

 Schorndorfer Nachrichten 1.9.1999

Nahrungsübersicht

Hoppe konnte die Amazonen beim Fressen folgender Pflanzen bzw. Pflanzenteile beobachten. Gegenüber der Nahrungsübersicht der Halsbandsittiche fällt das Fehlen von Blättern auf, das Fehlen krautiger Pflanzen ist allerdings eine zu erwartende Gemeinsamkeit. Die Amazonen scheinen deutlicher an die harten Fruchtbestandteile wie Kerne und Nüssen interessiert zu sein. Auch unter ihren Nahrungspflanzen sind einige Giftpflanzen zu finden. Hoppes Auflistung habe ich durch die Angaben von Schmolz und eigene Beobachtungen ergänzt. Link zur Zeichenlegende

Nahrung in Stuttgart
Deutscher NameWissenschaftlicher NameArt des Futters
AhornAcer sp.
KastanieAesculus hippocastanum
ErleAlnus sp.
TrompetenbaumCatalpa bignonioides
WaldrebeClematis vitalba
WeißdornCrataegus laevigata
HaselCorylus avellana
BucheFagus sylvatica
EscheFraxinus excelsior
WallnussJuglans regia
MaulbeereMorus sp.
KieferPinus sp.
PlatanePlatanus x hispanica
PappelPopulus sp
Kaukasische FlügelnussPterocarya fraxinifolia
KirschePrunus avium?
ZweschgenPrunus domestica
EicheQuercus robur
RobinieRobinia pseudoacacia **
HeckenroseRosa canina
WeideSalix sp.
Schwarzer HolunderSambucus nigra
MamutbaumSequoiadendron giganteum
EberescheSorbus aucuparia
EibeTaxus baccata
RiesenlebensbaumThuja plicata
WinterlindeTilia corata
UlmeUlmus sp.

(*) Vor allem vertrocknete Früchte/Kerne der vertrockneten Früchte
(**) Vertrocknete Blätter

Nahrung der Art im Herkunftsgebiet
PflanzePflanzenteil
Acacia sp. (Akazie)
Bumelia laetivirens
Ficus sp. (Feige)
Macuna sp.
Mangifera indica (Mango)
Musa sp. (Banane)
Mangifera indica (Mango)
Pithecellobium flexicaule
Solanum sp.
Zea mays (Mais)
Zuelania guidonia
Quelle:
Nahrungspflanzendatenbank D.Franz

Fotos von 2001

Alttier neben der Bruthöhle Alttier neben der Bruthöhle
Bruthöhle und Altvogel neben der Bruthöhle auf dem Freigelände der Wilhelma. Auch bei meinem ersten erfolgreichen Besuch am 8.1.2000 waren an dieser Höhle Amazonen zu beobachten.

Eine von 3 Amazonen, die eine Zwischenlandung und einen kleinen Imbiss zu sich nahmen, bevor sie Richtung Schlafbaum weiterflogen. Knospen einer Blutbuche

Eigene Beobachtungen 2004

Am 7.11.2004 konnte ich Flugrufe der Amazonen in der Wilhelma hören. Die Bruthöhle war nicht besetzt.

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