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Papageien vor der Haustür
Halsbandsittiche in Wiesbaden

Fassung 5.2 (Juli 2002)
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Tagesablauf

Die Bundesrepublikanischen Halsbandsittiche zeigen einen deutlich gegliederten Tagesablauf. Nach dem Erwachen und dem Flug in den Park folgt eine Phase der Nahrungsaufnahme. Um die Mittagszeit bis hinein in den Nachmittag sind die Tiere vor allem mit Ruhen beschäftigt. Im Herbst und Winter sitzen sie dabei oft gut getarnt im Efeu. Wenn die Tiere nicht gerade mit Nahrungssuche, Brut, Dösen oder einer anderen wichtigen Tätigkeit beschäftigt sind - was oft der Fall ist -, können sie bei der Körperpflege oder dem Sonnenbaden beobachtet werden. Bei schlechtem Wetter zeigen die Vögel oft viel gößere Aktivität. Nachmittags bis Abends liegt eine zweite Phase vermehrter Nahrungssuche. Gegen Abend werden die Vögel unruhig. Sie versammeln sich zu Gruppen, um mit einbrechender Dämmerung zu den Schlafbäumen zu fliegen. Abflugbereite Gruppen sitzen oft auf den Kronen bestimmter Bäume. Die die Tiere erfassende Unruhe führt zu häufigem Auffliegen der Trupps, die kurz darauf wieder landen.
Brütende Weibchen und Nestlinge bzw. Jungvögel bleiben auch nachts in den Bruthöhlen. Nach Einbruch der Dunkelheit haben alle anderen Halsbandsittiche den Park verlassen und ihr Nachtquartier aufgesucht.
 Mittagspause

Schlafbaum

Alle Halsbandsittiche einer Population bis auf die mit dem Brutgeschäft beschäftigten und die noch flüggen Jungtiere fliegen jeden Abend zu ihrem Schlafbaum, dessen Standort über Jahre bei nur geringen Lageveränderungen gleich bleibt. Die Zählung der Halsbandsittiche am Schlafbaum ist daher der ideale Weg zur Ermittlung der Populationsgröße. Dabei ist eine Störung durch Beobachter - selbst wenn diese unmittelbar unter den Bäumen stehen - nicht gegeben. Alle bekannten deutschen Schlafplätze sind frei zugänglich und liegen ohnehin an vom Menschen stark frequentierten Orten (Parkplätze, Uferpromenaden, Parkanlagen). Die Zählung kann auf drei Wegen erfolgen:

  1. Truppweise Zählung und Schätzung der Tiere beim Einfliegen am Schlafbaum
  2. Auszählen von Fotos der einfliegenden Trupps
  3. Zählen der einzelnen Tiere auf dem Schlafbaum.

Letztere Methode ist nur in blattfreien Jahreszeiten realisierbar. Die erste und die dritte Methode haben in der Vergangenheit bei ungeübten Zählern zu Unterschätzungen der Populationen geführt, die z. T. um eine Zehnerpotenz von der realen Zahl abwichen. Die Ankunft am Schlafbaum richtet sich nach dem Sonnenstand und ist damit vom Datum abhängig (siehe Abb.). Als Näherung kann das Eintreffen des ersten großen Trupps am Schlafbaum mit Dämmerung plus 20 Minuten angegeben werden. Beobachtungen gemeinsam mit Tobias Krause an drei Schlafbäumen (Wiesbaden, Ludwigshafen, Neckerhausen) an drei aufeinanderfolgenden Tagen (27.1., 28.1., 29.1.2002) zeigten einen nahezu identischen Zeitpunkt des Eintreffens.

Variabel ist dagegen die Dauer des Einflugs. Diese ist vor allem von der Größe des Siedlungsgebietes und den damit sehr unterschiedlichen Flugstrecken abhängig. Während in Wiesbaden mit einem eher kleinen Einzugsgebiet und vermutlich maximalen Flugstecken von ca. 8 km, der Einflug recht kurz ist, er dauert im wesentlichen 15-20 Minuten, brauchen die Kölner Halsbandsittiche bei gleichem Beginn des Einfluges und Flugstrecken bis zu 30 km über eine Stunde, bis die gesamte Population den Schlafbaum erreicht hat. Für den Einflug und die Verteilung im Stadtgebiet benutzen die Papageien relativ feste Routen, die z. B. Grünanlagen folgen aber auch Bebauung, Verkehrsflächen und breite Flüsse (Rhein, Neckar) überqueren. Diese Flugrouten müssen nicht die kürzeste Verbindung zwischen zwei Orten sein, sondern folgen vielmehr den tradierten Wegen der Ausbreitung der Population. Die Benutzung der Routen an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen findet oft zur gleichen Uhrzeit statt. Das Flugverhalten von Einzeltieren und Trupps unterscheidet sich deutlich. Gruppen fliegen geradlinig und tief, in der Regel ohne Lautäußerungen, Einzeltiere dagegen hoch, in reißendem Zickzack und sie geben laute Warnrufe von sich. Dieses wird als Schutzverhalten gegenüber Greifvögeln interpretiert. Da der Gruppenflug nicht nur energetisch günstiger ist, sondern auch gerne vor dem Schlafengehen noch gemeinsam eine Nahrungsquelle angeflogen wird, existieren auf den wichtigeren Flugrouten regelrechte Sammelplätze an denen die Vögel aufeinander warten, gelegentliche Verspätungen können die Folge sein. Solche Sammelplätze können bei nicht ausreichender Beobachtung leicht mit Schlafplätzen verwechselt werden, an Schlafbäumen bleiben die Vögel aber bis zum Sonnenaufgang. Halsbandsittiche sind regelrechte Langschläfer, der Abflug vom Schlafbaum erfolgt sehr spät bei mehreren Beobachtungen erst über eine Stunde nach Sonnenaufgang. Auch hier fliegen sie wieder in Gruppen ab. Die Größe der Abends einfliegenden Trupps schwankt täglich. Sie reicht von Einzeltieren bis hin zu mehreren hundert Halsbandsittichen, liegt aber typischerweise zwischen 30 und 120 Vögeln. Die Schlafbäume stehen in der Regel in etwas Abstand zu den Brutplätzen, dieser kann mehrere Kilometer bis zum Hauptbrutplatz betragen. So werden territoriale Streitigkeiten - wie es sie an Brutbäumen gibt - vermieden. Schlafbäume sind im Gegensatz zu Brut- und Nahrungsbäumen nicht sehr hoch. Die Kronenspitze wird nur zum Anflug genutzt, die Tiere übernachten einzeln oder paarweise auf dünnen Ästen im inneren unteren Bereich der Bäume. Verschiedene Verhaltensweisen können am Schlafbaum vor dem Schlafen beobachtet werden: Fressen, solitäres Putzen, partnerschaftliches Füttern und Putzen, sogar Kopulationen. Streitigkeiten um die besten Plätze, lautes Gezeter und Umherfliegen sind die Regel. Meist erst im Dunkeln kommen alle Vögel zur Ruhe. Bei Windstille kann auch ein Knacken der Schnäbel gehört werden, das ein Zeichen des Wohlbefindens beim Einschlafen der Vögel ist, aber auch dem Schärfen des Schnabels dient. In der Mauser können Tiere mit unvollständigem Großgefieder ausgemacht werden. Morgens beginnen die Tiere zuerst mit einzelnen Rufen, an denen sich im Laufe des Erwachens der ganze Schwarm beteiligt. Es folgt eine ausgiebige Phase des Gefiederpflege, danach rücken die Tiere truppweise ab. Sicherlich dienen Schlafbäume auch als "Heiratsmarkt" für noch unverpaarte Jungvögel, die vermutlich noch im elterlichen Familienverband leben. Über 200 Tiere finden sich jeden Abend an einem Schlafbaum in Schierstein ein. Sie erreichen das Nachtquartier nicht einzeln, sondern nacheinander in Trupps, die von 4 bis zu über 100 Individuen reichen. Die häufigste Größe liegt zwischen 15 und 40 Tieren. Die Truppstärke schwankt von Tag zu Tag. Die Ankunft der allermeisten Tiere ist innerhalb von 5 bis 10 Minuten abgeschlossen und liegt etwa 20 Minuten nach Sonnenuntergang. Nachdem die Tiere sich niedergelassen haben, wechseln sie noch ein wenig auf den Bäumen hin und her, im Herbst nehmen sie auch noch einen kleinen Abendimbiss in Form von Platanenblattstilen zu sich. Hierbei kann auch partnerschaftliches Füttern beobachtet werden. Übernachtet wird von den Tieren auch bei großer Kälte auf Ästen sitzend.

Der morgendliche Abflug verlief in Wiesbaden am 5.2.2000 etwa in folgender Weise: 7.10 Uhr Ruhe, 7.15 Uhr Erwachen mit Geschrei, 7.35 schwillt das Geschrei erst an dann verläßt die erste große Gruppe (70-100 oder mehr Tiere) den Schlafbaum. Es wird deutlich leiser, dieses Anschwellen des Geschreis mit anschließendem Abfliegen einer Gruppe wiederholt sich mehrfach. Gegen 7.40 Uhr machen einige Tiere (ca. 10) einen Zwischenstop auf dem alten Schlafbaum, ihre Rufe locken weitere Tiere, kleine Trupps wechseln zwischen altem und neuem Schlafbaum. Einige Tiere werden auch vom Geschrei der abrückenden Vögel mitgerissen. Gegen 8.00 ist es am alten und neuen Schlafbaum wieder ruhig - alle Tiere, haben das Nachtquartier verlassen.

 Trupp von 70 Tieren
5.11.1999
70 Vögel beim Flug zum Schlafbaum
 
Eintreffen und Abflug vom Schlafbaum, Daten aus mehreren Jahren
Eintreffen am und Abflug vom Schlafbaum in Wiesbaden Schierstein
 
 
Übernachtende Halsbandsittiche
3.12.1998
Im Schnee übernachtende Halsbandsittiche
Kölner Halsbandsittiche
14.2.2001
Halsbandsittiche auf dem Schlafbaum in Köln
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