Merlin & Kira - Liebe auf den ersten Blick?

Alles begann, als Ende 1998 unsere süße Lachtaube Francoise starb. Wir waren am Boden zerstört!
Für uns war aber klar, ein Haustier brauchen wir beide. Wir haben angefangen nach Lachtauben zu suchen, leider kein Erfolg. Irgendwann kam mein Freund (Stefan) auf die Idee, nach Papageien im Internet zu suchen.
Hhm, jetzt stellte sich die Frage, welche Rasse es denn sein sollte. Klar war für uns, daß es nicht so ein riesiges Kerlchen sein sollte, da wir beide mit Papageien keine Erfahrung hatten.

Also wurden Bücher gekauft (Na was wohl? Na klar GU und andere „Ratgeber“) und eine Entscheidung wurde gefällt:

„Timneh-Graupapgei“


Also, wieder ab ins Internet! Nach einigem Suchen und Telefonieren von Stefan und mir hatten wir einen Züchter in Dortmund gefunden. Frankfurt scheint sich eher auf das Züchten von Hochhäusern und Banken spezialisiert zu haben und nicht auf die Vogelzucht!
Im März war es soweit!!!!!

Wir sind nach Dortmund gefahren und, um es abzukürzen, Merlin aus sechs quirligen Timnehs herausgesucht und sofort verliebt.

Er war damals 3 Monate alt und, wie wir heute wissen,ein kleines Teufelchen!    

Die Eingewöhnungsphase bestand aus ca. einer Woche und verlief unproblematisch. Man merkte doch recht deutlich, daß er froh darüber  war nichts mehr teilen zu müssen. Merlin ließ sich stundenlang kraulen und wollte immer schmusen,    doch uns war klar, daß wir keinen Partnerersatz darstellen konnten. Also, ein Weibchen mußte her!

Und hier beginnt der Horrortrip!


Wir haben Zeitungen gewälzt, das Internet ausgequetscht, rumtelefoniert und ich habe mir überlegt, vielleicht eine Halbtagsstelle zu suchen um mehr Zeit für die Suche zu haben!
Im November (!) hatten wir dann schließlich Erfolg und eine Züchterin aus Wiesbaden hatte ein Weibchen. Wir haben uns dann Samstags ins Auto gesetzt und sind zu ihr hingefahren. Aufgeregt und gespannt. Als wir ankamen, mußten wir dann doch den einen oder anderen Schock überwinden. Das Haus, das Grundstück, die winzigen Käfige, alles in allem etwas seltsam.
In diesem Moment dachte ich an die APN und an das Theater um Ernährung, zwei mal am Tag Käfig säubern usw. (Grins)

Die Züchterin hatte aber, was Ernährung angeht, sehr viel Ahnung und das süße Tierchen sah auch sehr gesund aus (ob ich Laie das beurteilen könnte bezweifle ich zwar, doch bis jetzt habe ich glücklicherweise recht behalten). Leider waren die Federn aufgrund des zu kleinen Käfigs ziemlich ramponiert. Na ja, egal, Hauptsache sie ist gesund und ein Mädchen! Ein Mädchen? Ist sie denn eins?


Antwort der Züchterin: „Ja ja, des isse Medsche, des siehd merr doch an de Haarn uff de Naas!“ (hochdeutsch: Sicher handelt es sich hier um einen weiblichen Vogel. Dies kann man an den Haaren auf der Nase sehen :-)  Na Klasse! Auf einen solchen Humbug hatte ich ja nun so gar keine Lust, also bat ich die nette Dame, einen DNA-Test machen zu lassen. „...na klar bezahlen wir den!“

Nach ca. 3 Tagen war dann das Ergebnis des Test eingetrudelt, und... es ist ein Mädchen! Als echte Paranoiker sind wir dann natürlich sofort zum Tierarzt gefahren und haben die Kleine erst mal grob untersuchen lassen. Die Tierärztin verlieh unserer Kira denn auch das Prädikat „sehr guter Zustand“. Riesenfreude!


Also ab nach Hause, die Spannung und Neugierde nicht mehr in den Griff bekommend. Rein in’s Wohnzimmer, Merlin wieder mal am kreischen „aha, kommt da mal wieder jemand?“. Wir das Tuch vom Transportkäfig abgenommen, dann der Zeitpunkt des ersten visuellen Kontaktes. Merlin totenstill, fast von der Stange fallend mit „aschfahlem Gesicht“, Kira ließ einen imposanten Kreischer ab. Tja, daß in Merlin vieles vor sich ging war ersichtlich, nur wußten wir absolut nicht, was es war. Nachdem wir Merlin aus dem Käfig gelassen haben rannte der gleich wie von der Tarantel gestochen um den Transportkäfig. Dann wieder raubtierartig den Käfig samt Inhalt begutachten um sofort wieder den Käfig zu attackieren. Das hat er dann so lange gemacht, daß der Käfig vom Tisch zu fallen drohte. Oje, daß konnte ja heiter werden. Schock ohne Ende, bei uns allen Vieren. Wir waren schon leicht deprimiert über diese Reaktion und waren schon auf das Schlimmste gefaßt. Dann fielen uns die ganzen guten Ratschläge ein wie man sich verhalten sollte. Nach zwei Minuten „Kriegsrat“ entschieden wir uns für genau das, was man eben eher nicht machen sollte. „Lassen wir doch Kira mal aus dem Käfig, und schauen was passiert. Immerhin sind wir beide dabei, und können im Notfall eingreifen“. Sie stolperte dann auch gleich eifrig über den Tisch, und Merlin entpuppte sich auch gleich zum waschechten Bodyguard. Er hüpfte wie ein kleines Karnickel um sie herum, man konnte fast schon wie im Comic die kleinen Liebesherzchen um seinen Kopf schweben sehen. Kira war das alles dann doch etwas viel, und wehrte sich energisch gegen seine Beschützungen.
Das entsprach schon eher unserem Wunschbild! Testweise haben wir die Racker dann auch gleich mal zusammen in einen Käfig gesetzt, was sich aber als falsch erwies. Nicht das Merlin eifersüchtig gewesen wäre, und sein Revier verteidigt hätte. Nein, er hat sie dermaßen bedrängt, Füttern, Kraulen, Hinterherrennen, daß die Kleine fast von der Stange fiel :-). Also, Kira in einen leider recht kleinen „Ersatzkäfig“ mit Wasser, Futter, und Spielzeug gesetzt. Erst mal schlafen war die Devise! Nach wenigen Stunden wurde dann aber fleißig getrunken, gefressen, und natürlich gespielt.

Eigentlich hätten wir die Beiden in einem Käfig lassen können, doch Merlin war einfach zu aufdringlich. Nach ca. 3-4 Tagen Eingewöhnung waren sie beide in einem Käfig, der uns dann auch gleich zu klein erschien. Also gleich einen Neuen kaufen! Nach ca. 5 Stunden stand  er dann auch fertig eingerichtet in unserem Wohnzimmer. Merlin und Kira hatten sich aber entschieden, den alten Käfig nicht ganz kampflos aufzugeben. Jedes Spielzeug und jeder Napf wurden eisern festgehalten, und auch beim Herausrollen des alten Käfigs aus dem Wohnzimmer wollte keiner der Beiden diesen verlassen. „Hey, daß ist unser Käfig!“ Nachts um halb zwölf konnte ich die Beiden überzeugen, daß der neue Käfig doch gar nicht so schlecht ist. Die ersten Tage vergingen mit einigen grandiosen Stunts, bzw. echten Abstürzen, da die Beiden Schlauberger wohl noch die Einrichtung des alten Käfigs im Köpfchen hatten. „Hoppla, warum rausche ich jetzt in Richtung Käfigboden? Da war doch letzte Woche noch eine Stange?“

Das Fliegen klappte bei Kira am Anfang leider so gut wie gar nicht, da ihre Flugfedern ziemlich kaputt waren, doch dank Merlins Mithilfe war dieses Problem auch schon bald gelöst.

Mittlerweile, 3 Monate später, wird sich regelmäßig gezofft, gebissen, gekrault, gefüttert und geschmust. Doch die Initiative kommt hauptsächlich von Merlin. Leider hat sich Kiras Gegenwart negativ auf sein Sozialverhalten gegenüber anderen Menschen ausgewirkt (oh je, jetzt wird’s gesellschaftskritisch, ich weiß auch, daß Verstehen untereinander wichtiger ist, doch Stefan trauert seiner Schmusebacke Merlin schon hinterher). Wenn sich jemand vor Kira stellt (ob sie im Käfig ist oder nicht), setzt sich Merlin sofort dazwischen.


Kira wiederum beschwert sich lauthals, daß sie nichts mehr sieht und hackt nach ihm. So ist Merlin momentan unser Prügelknabe, sein Gentlemanverhalten hat er aber nicht abgelegt, es sei denn, es geht um Spielzeug. Da läßt er immer noch gerne den kleinen Rambo heraushängen. Futter, Obst, Leckereien und alles andere Eßbare wird immer noch sehr gerne geteilt. Merlin hält ihr dann eine Kralle mit Banane hin, dann darf Kira abbeißen, dann frißt er wieder ein Stück, usw. Leider muß man auch hinzufügen, daß aus einem Teufelchen nun gleich zwei  wurden. Doch auch wenn man manchmal verzweifelt und verkrampft den Fenstergriff in den Händen hält und sich ernsthaft (Grins) fragt: „Vielleicht fühlen sich die Beiden in der freien Natur doch viel wohler!? Außerdem ist es auch viel artgerechter! Oder wieder ab nach Afrika schicken? Vielleicht bekommt ihnen das Klima hier nicht!?“ Dann schaut man den Beiden wieder beim spielen und schmusen zu und denkt sich: „Neeeeee, die gebe ich nicht mehr her“! Es ist einfach nicht zu beschreiben, wie schön es ist Geier unter sich zu beobachten!

Fazit: Ich würde sagen, daß es Liebe auf den ersten Blick war! Der Horrortrip hat sich gelohnt! Ach ja, über die Halbtagsstelle denke ich in ca. 2-3 Jahre noch mal nach! (Grins). Leider kann keiner das Gesicht meines Freundes sehen, der nämlich darüber gar nicht grinsen kann! (Grins noch viel mehr)


Autor
© Isabell Schmidt mit Ergänzungen von Thorsten Bönte
für die Arbeitsgemeinschaft Papageien-Netzwerk 03/2000


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