Gegen 18.00 Uhr ließen die beiden sich auf dem
Kletterbaum zum fressen nieder. Und von einer Sekunde auf die andere brachen die Symptome
aus. Wie bei einem epileptischen Anfall. Jack konnte sich kaum auf seinen Füßen halten.
Ich habe den Kleinen aufgefangen und unweigerlich schossen mir die Tränen in die Augen.
Man kommt sich so hilflos vor. Einen Menschen kann man fragen, wo es ihm weh tut. Aber
hier ? Ich bin schnurstracks in den Keller gerannt und habe den Transportkäfig geholt,
die Tierärztin telefonisch über mein Kommen informiert, Jack in den Käfig getan und in
einem Affenzahn zur Arztpraxis gefahren.
Wir kamen auch zum Glück schnell dran. Jack war
wieder putzmunter und legte sich erstmal mit der Tierärztin an. Was aus meinem Käfig
soll ich raus ? Was willst du eigentlich mit diesem übergroßen Handtuch ? Es nützte
alles nichts. Er wurde in das Handtuch gewickelt und untersucht. Dann mußte ich mir sagen
lassen, daß die entwickelten Symptome zu unspezifisch seien, um eine Diagnose zu stellen.
Sie verabreichte ihm erstmal zwei Spritzen mit
Vitaminen (B und E) und eine Ladung Bakterienkulturen zur allgemeinen Stärkung. Dann
teilte mir die Ärztin mit, daß ich zum einen die nächsten zwei Wochen zweimal am Tag zu
ihr kommen müßte (zum Glück war ich selber krankgeschrieben, sonst hätte ich nicht
gewußt, wie ich das ganze geschafft hätte), zum anderen wolle sie in zwei Tagen (es war
Samstag) diverse Abstriche und Untersuchungen vornehmen, um der Krankheit auf
den Grund zu gehen. Ferner schärfte sie mir ein, genau zu kontrollieren, daß Jack auch
genügend frißt. Denn wenn er das nicht mehr tut, müßte sie ihn bei sich behalten und
ihn zwangsernähren.
Ziemlich down, packte ich den Kleinen wieder ein.
Abgekämpft und müde sah er aus. Und das sollte jetzt jeden Tag zweimal mit ihm
angestellt werden? Zudem kamen Zweifel, die bei mir in Verbindung mit Ärzten immer
kommen. Wissen sie immer genau was sie tun? Bin ich bei der richtigen Ärztin? Kann ich
ihr vertrauen? Ich habe im Lauf der nächsten Woche noch mit anderen Tierärzten
gesprochen. Das Ergebnis war sehr mager. Aber was konnte ich auch anderes erwarten? Eine
Diagnose kann man nicht über das Telefon stellen. Und Jack von einem zum anderen Arzt
fahren wollte ich auch nicht. Das wäre ein zu hoher Streß für ihn geworden. Also mußte
ich meine Zweifel beiseite schieben und der Ärztin vertrauen.
Sonntag packte ich ihn wieder in seinen
Transportkäfig und fuhr morgens und abends in die Praxis. Die Kropfinjektionen vertrug er
am Anfang sehr schlecht und fing an zu brechen. Weinend stand ich daneben und versuchte
beruhigend auf ihn einzureden. Montags waren dann die Abstriche dran, die in der darauf
folgenden Woche wiederholt werden mußten, da das Labor bei der Untersuchung die Proben
durch einen Materialfehler vernichtet hatte. Als Jack dann gegen Ende der Woche auch noch
anfing das Fressen fast einzustellen, wurde die Verzweiflung immer größer. Mit dem Napf
voller Körner und diversen Obststücken rannte ich ihm hinterher und bekam ihn dann doch
noch dazu etwas zu fressen.
In der zweiten Woche fuhr ich dann nur noch alle
zwei Tage zur Tierärztin, da wir merkten, daß der Streß die Symptome nur noch
verschlimmerten. Die Medikamente verabreichte ich ihm daheim. Jery, die sie nicht bekommen
sollte, sperrte den Schnabel auf soweit sie konnte und Jack weigerte sich das Zeug zu
fressen. Aber mit List und Tücke habe ich ihn überzeugen können.
Am Ende der zweiten Woche kam das Ergebnis des
Labors. Keine feststellbaren Krankheiten (er wurde unter anderen auf Paramyxoviren
untersucht). Doch was hatte das Kerlchen nur ? Die Tierärztin teilte mir mit, daß
sie einen akuten Vitamin B Mangel vermutet. Entweder bekommt er nicht genügend Vitamin B
oder der Körper nimmt es nicht ausreichend auf. Sie versorgte mich mit Vitamin B
Tabletten, die ich jeden Abend den beiden verabreichen sollte. Bei Jery prophylaktisch und
aus Sympathie und bei Jack hoffentlich zur Eindämmung seiner Anfälle. Gleichzeitig
teilte sie mir mit, daß die Anfälle immer weniger werden würden aber eben nicht ganz
verschwinden.
Es wurde auch so langsam besser. Ende Januar war
von dem Zucken fast nichts mehr zu sehen. Hatten wir es geschafft ? Nein, denn Anfang
Februar ging das ganze wieder von vorne los. Jack bekam wieder seine Vitamin B Spritzen in
das Füßchen und so langsam wurde es wieder besser.
Mir fiel auf, daß er auf Streßsituationen sofort
wieder mit dem Zucken reagierte und auch heute noch reagiert. So halten wir jetzt jede Art
von Streß so weit wir können von ihm ab. Streß für ihn bedeutet aber nicht nur der
Transport zum Tierarzt. Letztes Wochenende hatten wir mal wieder Besuch gehabt. Sobald
etwas Unruhe in der Wohnung ist, fängt der ganze Mist wieder an. Seit drei Tagen sind die
Symptome wieder da.
In dem Buch Kompendium der
Ziervogelkrankheiten habe ich über den Vitamin B Mangel folgendes gelesen:
Vitamin B Mangel kommt als Ursache für Krämpfe
der Gliedmaßen und metabolisch bedingte zentralnervöse Störungen in Frage. Es kommt zu
leichten Koordinationsproblemen, die durch externe akustische und optische
Reizeinwirkungen verstärkt werden können.
In den nächsten Monaten habe ich die Ernährung
unserer zwei etwas umgekrempelt. Ich war der Meinung, alles richtig zu machen, mußte aber
dann doch feststellen, daß man es noch besser machen konnte. Zum Beispiel habe ich Obst
(wie z.B. Äpfel) geschält. Das lasse ich nun komplett sein, da ja dadurch die Vitamine
mit "weggeschnitten" werden. Es wird also nur abgewaschen und verarbeitet. Der
Futterplan unserer beiden sieht wie folgt aus: