Haustier Blaustirnamazone
- ein Bericht von Thorsten Bönte -
Derzeit leben 3 Paare Blaustirnamazonen in unserem Haus, im Alter von 2 bis 5 Jahren. Angefangen hat es mit meinem ältesten Vogel, Mäxchen. Dieses Tier hat eine psychische Störung durch falsche Haltung, was sich in neurotischem Kopfverdrehen in Stress- oder Erregungszuständen äußert. Hinzu kam seine Partnerin Jeannie, alsdann die beiden Paare Merlin und Glöckchen sowie Kalli und Peggy.

Es war und ist faszinierend, zu beobachten, wie sich die Gruppe erweiterte und sich das Sozialverhalten der Tiere veränderte. Heute kann man die 6 Tiere als "eingeschworenen Schwarm" bezeichnen; die Gemeinschaft ist trotz aller Streitereien um Rangordnung oder Sitzplätze sehr ausgeprägt. Fehlt ein Schwarmmitglied (Zimmer verlassen), ruft der Rest "der Gang" dem Artgenossen hinterher, bis er Antwort gibt oder zurückkehrt. Anders wird es, wenn mal ein Tierarztbesuch ansteht. Dann kann man die berühmte Stecknadel fallen hören. Die Tiere "trauern". Nach Rückkehr des fehlenden Mitglieds ist dann auch erstmal Ruhe, aber wehe, wenn sie dann rausgelassen werden! Das artet dann in eine Fete aus! Es wird sich begrüßt, getobt, gestritten, sich gekrault und mindestens der ein oder andere (verbotene) Blödsinn gemacht. Womit wir beim "Boß" des Schwarms wären.

Auch der Halter sowie die Familie sind irgendwie Mitglieder der Gruppe. Nur einer muss eben halt der "Leader of Community" sein. Ist der nicht da, rückt sofort der "Stellvertreter" einen Rang nach oben. Natürlich wird immer wieder versucht, diese Rangordnung aufzubrechen, was sich gerade vor und in der Brutzeit mit einem sehr aggressiven Verhalten und durchaus auch Angriffen bemerkbar macht. Wir messen dem nur insofern Bedeutung bei, als dass wir die Amazonen liebevoll aber streng in ihre Schranken weisen. Das ist manchmal nicht einfach; erfordert das doch einen ziemlichen Zeitaufwand. Zudem ist die (Blaustirn-)Amazone ein sehr extrovertiertes Tier, das jede Art von Stimmungslage sofort äußert. So soll man sich nicht wundern, dass sie mit ihrer Stimme ohne Probleme verschlossene Türen und Fenster durchdringen kann.

In der Form der Haltung (eben 3 Paare im Haus) kann diese Lärmbelästigung durchaus schon einmal zu einer Nervenzerreissprobe werden. Aber die Tiere entschädigen doch sehr dafür mit einem absolut ehrlichen Verhalten. Die Liebe und Zuwendung, die es bekommt, erwidern sie immer. Hier muss sicher noch angemerkt werden, dass unsere Tiere (zumindest 3 davon) rechte Sprachkünstler sind, die ihren Wortschatz immer sehr situationsbezogen anbringen. Jedoch sollte man das nicht zum Masstab machen, denn es wird immer das Schwarmverhalten im Vordergrund stehen; der Mensch kommt nur an zweiter Stelle. Und das ist gut so; bietet man dann den Tieren doch annähernd ein Paar- und Gruppenleben, das ihrem Naturell entspricht.

Zwei Menschen jedoch "untergraben" auch das Verhalten: Unsere Töchter, derzeit 9+10 Jahre alt. Die gehen mit den Amazonen um, als seien es "Pets", also Schmusetiere. Und die Tiere mögen das! Sie erwidern die Zuwendung von den Kindern sofort. Da gibt es keine Agression, kein Gebeiße, nur Ruhe und intensive gegenseitige Zuwendung. Es wird auf dem Boden mit Tenisbällen gespielt, am Kletterbaum mit Baumwollspielzeug "gekämpft" und vieles mehr. Wir unterstützen das sehr, jedoch nicht, ohne die Gefahren ausser Acht zu lassen. Denn wenn eine Amazone erschrickt oder falsch angefasst wird, kann es zu ernsthaften Verletzungen kommen, wie ich am eigenen Leibe erfahren musste. Als ich Mäxchen noch allein hatte, haben wir auch auf die Art gespielt; er sollte aber in die Voliere. Gespielt, der Vogel dreht sich um und erwischt mit der Schnabelkrümmung mein Auge. Ergebnis: Fingernagelgroßes Stück Hornhaut herausgerissen. Das war nicht aggressiv von dem Vogel, es war insgesamt ein Unfall. Aber man sollte die Tiere immer scharf beobachten und einen gewissen Abstand wahren; gerade, wenn sie spielen oder etwas aufgeregt sind.

Unsere Amazonen leben über Tag in 1x1x2,25m (LxBxH) Volieren, jedes Paar in seiner eigenen. Dort angebracht sind Futterkarusselle, damit auch vertretungsmäßig jemand von aussen füttern kann. Die Tiere lassen nämlich keinen fremden Menschen mit der Hand in der Voliere zu! Da wird durchaus schon einmal zugebissen. Und der Biss einer Amazone kann sehr, sehr schmerzhaft mit tiefen Verletzungen sein. Also ist feststellbar, dass ein jedes Paar diese Voliere als sein Heim und Revier betrachtet und das mit allem verteidigt.

Zur Ernährung bleibt zu sagen, dass wir Obst/Gemüse in allen Variationen, Körnermischungen und auch Extrudate verfüttern, jeweils mit Beigabe von frischem Wasser. Dazu: Amazonen fressen wie die Schweine! Es wird angebissen, fallengelassen, zermatscht und was noch alles. es sei denn, es ist etwas besonders leckeres "auf dem Tisch". Dann können auch unsere Vögel manierlich "am Tisch sitzen".

Arbeit machen die Tiere, ja. Vor allem im Punkt der Hygiene (bitte aber nicht übertreiben). Wir reinigen die Volieren einmal die Woche und sind zu zweit damit locker 3-4 Stunden beschäftigt. Gut, es sind 4 Volieren (wir haben auch noch ein Paar Pennantsittiche), aber man muss die Zeit rechnen. Wo wir bei der Wohnungsausstattung wären: Wie oben gesagt, verstreuen die Tiere gern Futterreste, vor allem, wenn sie Freiflug haben und draussen "naschen" müssen. Daher haben wir uns von unserer Auslegware getrennt und haben Laminat verlegt, das einfach zu reinigen ist. Neuralgische Stellen an den Wänden sind mit Plexiglasfolie abgedeckt (transparent), so dass nicht mehr faustgrosse Löcher in die Wände genagt werden können. Von unserer Glastür haben wir uns gedanklich schon verabschiedet; der Holzrahmen ist nicht mehr zu retten. Trotzdem haben wir uns letztes Jahr kpl. neue Möbel angeschafft (wir konnten die alten Schrankwandschnipsel nicht mehr sehen) und haben uns Vitrine, Kommode und Eckvitrine aus Kirschholz angeschafft. 3 Tage mit den Tieren exerziert: "Da wird nix genagt", und: Es klappt!! Allerdings nach dem Clausthaler-Prinzip: "Nicht immer, aber immer öfter...."

Also: Die Tiere nie ohne Aufsicht rauslassen! Trotzdem genießen sie jeden Tag ihren 3-4 stündigen Freiflug, in den sie das ganze Haus mit einbeziehen. Ab in den ersten Stock, auf die Galerie, wieder runter ins Wohnzimmer; so wird locker 2 Stunden getobt. Und das brauchen sie auch! Zum Schluß bleibt nur zu sagen, dass unsere Blaustirnamazonen sehr liebe Hausgenossen sind (mit den o.a. Einschränkungen :-)), die wir nicht mehr missen möchten. Jedes Tier hat seinen eigenen Charakter, seine eigenen "Marotten" und seine ganz eigene Verhaltensweise. Jeder braucht auf seine Art und Weise seine Zuwendung, sein Maß an Strenge oder Beschäftigung. Man möge daher die Haltung von Amazonen nicht unterschätzen. Entscheidet man sich jedoch dafür (nach reiflicher Überlegung und vorhergehendem Erfahrungsaustausch, wird man sehr charaktervolle und liebe Hausgenossen haben.

Thorsten Bönte,
Jan. 2001

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Fotos und Text: © Thorsten Bönte
Arbeitsgemeinschaft Papageien-Netzwerk
  01/2001