Derzeit leben 3 Paare Blaustirnamazonen in unserem Haus, im Alter von 2 bis 5
Jahren. Angefangen hat es mit meinem ältesten Vogel, Mäxchen. Dieses Tier hat
eine psychische Störung durch falsche Haltung, was sich in neurotischem
Kopfverdrehen in Stress- oder Erregungszuständen äußert. Hinzu kam seine
Partnerin Jeannie, alsdann die beiden Paare Merlin und Glöckchen sowie Kalli und
Peggy.
Es war und ist faszinierend, zu beobachten, wie sich die Gruppe
erweiterte und sich das Sozialverhalten der Tiere veränderte. Heute kann man die
6 Tiere als "eingeschworenen Schwarm" bezeichnen; die Gemeinschaft ist trotz
aller Streitereien um Rangordnung oder Sitzplätze sehr ausgeprägt. Fehlt ein
Schwarmmitglied (Zimmer verlassen), ruft der Rest "der Gang" dem Artgenossen
hinterher, bis er Antwort gibt oder zurückkehrt. Anders wird es, wenn mal ein
Tierarztbesuch ansteht. Dann kann man die berühmte Stecknadel fallen hören. Die
Tiere "trauern". Nach Rückkehr des fehlenden Mitglieds ist dann auch erstmal
Ruhe, aber wehe, wenn sie dann rausgelassen werden! Das artet dann in eine Fete
aus! Es wird sich begrüßt, getobt, gestritten, sich gekrault und mindestens der
ein oder andere (verbotene) Blödsinn gemacht. Womit wir beim "Boß" des Schwarms
wären.
Auch der Halter sowie die Familie sind irgendwie Mitglieder der Gruppe.
Nur einer muss eben halt der "Leader of Community" sein. Ist der nicht da,
rückt sofort der "Stellvertreter" einen Rang nach oben. Natürlich wird immer
wieder versucht, diese Rangordnung aufzubrechen, was sich gerade vor und in der
Brutzeit mit einem sehr aggressiven Verhalten und durchaus auch Angriffen
bemerkbar macht. Wir messen dem nur insofern Bedeutung bei, als dass wir die
Amazonen liebevoll aber streng in ihre Schranken weisen. Das ist manchmal nicht
einfach; erfordert das doch einen ziemlichen Zeitaufwand. Zudem ist die
(Blaustirn-)Amazone ein sehr extrovertiertes Tier, das jede Art von
Stimmungslage sofort äußert. So soll man sich nicht wundern, dass sie mit ihrer
Stimme ohne Probleme verschlossene Türen und Fenster durchdringen kann.
In der
Form der Haltung (eben 3 Paare im Haus) kann diese Lärmbelästigung durchaus
schon einmal zu einer Nervenzerreissprobe werden. Aber die Tiere entschädigen
doch sehr dafür mit einem absolut ehrlichen Verhalten. Die Liebe und Zuwendung,
die es bekommt, erwidern sie immer. Hier muss sicher noch angemerkt werden, dass
unsere Tiere (zumindest 3 davon) rechte Sprachkünstler sind, die ihren
Wortschatz immer sehr situationsbezogen anbringen. Jedoch sollte man das nicht
zum Masstab machen, denn es wird immer das Schwarmverhalten im Vordergrund
stehen; der Mensch kommt nur an zweiter Stelle. Und das ist gut so; bietet man
dann den Tieren doch annähernd ein Paar- und Gruppenleben, das ihrem Naturell
entspricht.
Zwei Menschen jedoch "untergraben" auch das Verhalten: Unsere
Töchter, derzeit 9+10 Jahre alt. Die gehen mit den Amazonen um, als seien es
"Pets", also Schmusetiere. Und die Tiere mögen das! Sie erwidern die Zuwendung
von den Kindern sofort. Da gibt es keine Agression, kein Gebeiße, nur Ruhe und
intensive gegenseitige Zuwendung. Es wird auf dem Boden mit Tenisbällen
gespielt, am Kletterbaum mit Baumwollspielzeug "gekämpft" und vieles mehr. Wir
unterstützen das sehr, jedoch nicht, ohne die Gefahren ausser Acht zu lassen.
Denn wenn eine Amazone erschrickt oder falsch angefasst wird, kann es zu
ernsthaften Verletzungen kommen, wie ich am eigenen Leibe erfahren musste. Als
ich Mäxchen noch allein hatte, haben wir auch auf die Art gespielt; er sollte
aber in die Voliere. Gespielt, der Vogel dreht sich um und erwischt mit der
Schnabelkrümmung mein Auge. Ergebnis: Fingernagelgroßes Stück Hornhaut
herausgerissen. Das war nicht aggressiv von dem Vogel, es war insgesamt ein
Unfall. Aber man sollte die Tiere immer scharf beobachten und einen gewissen
Abstand wahren; gerade, wenn sie spielen oder etwas aufgeregt sind.
Unsere
Amazonen leben über Tag in 1x1x2,25m (LxBxH) Volieren, jedes Paar in seiner eigenen.
Dort angebracht sind Futterkarusselle, damit auch vertretungsmäßig jemand von
aussen füttern kann. Die Tiere lassen nämlich keinen fremden Menschen mit der
Hand in der Voliere zu! Da wird durchaus schon einmal zugebissen. Und der Biss
einer Amazone kann sehr, sehr schmerzhaft mit tiefen Verletzungen sein. Also ist
feststellbar, dass ein jedes Paar diese Voliere als sein Heim und Revier
betrachtet und das mit allem verteidigt.
Zur Ernährung bleibt zu sagen, dass wir
Obst/Gemüse in allen Variationen, Körnermischungen und auch Extrudate
verfüttern, jeweils mit Beigabe von frischem Wasser. Dazu: Amazonen fressen wie
die Schweine! Es wird angebissen, fallengelassen, zermatscht und was noch alles.
es sei denn, es ist etwas besonders leckeres "auf dem Tisch". Dann können auch
unsere Vögel manierlich "am Tisch sitzen".
Arbeit machen die Tiere, ja. Vor
allem im Punkt der Hygiene (bitte aber nicht übertreiben). Wir reinigen die
Volieren einmal die Woche und sind zu zweit damit locker 3-4 Stunden
beschäftigt. Gut, es sind 4 Volieren (wir haben auch noch ein Paar
Pennantsittiche), aber man muss die Zeit rechnen. Wo wir bei der
Wohnungsausstattung wären: Wie oben gesagt, verstreuen die Tiere gern
Futterreste, vor allem, wenn sie Freiflug haben und draussen "naschen" müssen.
Daher haben wir uns von unserer Auslegware getrennt und haben Laminat verlegt,
das einfach zu reinigen ist. Neuralgische Stellen an den Wänden sind mit
Plexiglasfolie abgedeckt (transparent), so dass nicht mehr faustgrosse Löcher in
die Wände genagt werden können. Von unserer Glastür haben wir uns gedanklich
schon verabschiedet; der Holzrahmen ist nicht mehr zu retten. Trotzdem haben wir
uns letztes Jahr kpl. neue Möbel angeschafft (wir konnten die alten Schrankwandschnipsel
nicht mehr sehen) und haben uns Vitrine, Kommode und Eckvitrine aus Kirschholz
angeschafft. 3 Tage mit den Tieren exerziert: "Da wird nix genagt", und: Es
klappt!! Allerdings nach dem Clausthaler-Prinzip: "Nicht immer, aber immer
öfter...."
Also: Die Tiere nie ohne Aufsicht rauslassen! Trotzdem genießen sie
jeden Tag ihren 3-4 stündigen Freiflug, in den sie das ganze Haus mit
einbeziehen. Ab in den ersten Stock, auf die Galerie, wieder runter ins
Wohnzimmer; so wird locker 2 Stunden getobt. Und das brauchen sie auch! Zum
Schluß bleibt nur zu sagen, dass unsere Blaustirnamazonen sehr liebe
Hausgenossen sind (mit den o.a. Einschränkungen :-)), die wir nicht mehr missen
möchten. Jedes Tier hat seinen eigenen Charakter, seine eigenen "Marotten" und
seine ganz eigene Verhaltensweise. Jeder braucht auf seine Art und Weise seine
Zuwendung, sein Maß an Strenge oder Beschäftigung. Man möge daher die Haltung
von Amazonen nicht unterschätzen. Entscheidet man sich jedoch dafür (nach
reiflicher Überlegung und vorhergehendem Erfahrungsaustausch, wird man sehr
charaktervolle und liebe Hausgenossen haben.
Thorsten Bönte,
Jan. 2001
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