Leben und Leiden eines Wildfanges

von Michaela Theiss

CURRICULUM VITAE

Micki, männlich
Gelbwangenamazone (Amazona autumnalis)
Wildfang Honduras, Import 1989

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Vorwort

Hätten wir uns vor Mickis Erwerb mit der Materie auseinandergesetzt und so über die notwendigen Informationen verfügt – dazu gehört unbedingt auch zu wissen, wer der beste „Vogeldoktor" ist – wäre unserem Sorgenkind Micki viel Leid erspart geblieben. Für sein Leiden fühlen wir uns verantwortlich.

Michaela Theiss

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Erwerb am 30.09.1989 vom Papageienhändler, wo alle Vögel in einem dunklen, kalten Raum in kleinen Käfigen zusammengepfercht gehalten wurden

  • Mattes Gefieder, das Federkleid zerzaust, Micki ist von Anfang an zahm.
  • Frißt sehr wenig (Gewicht: ca. 380g)
  • Am linken Fußgelenk, oberhalb des Plastikrings, entdecken wir eine Geschwulst.
  • Wir entfernen den Ring.

1. Arztbesuch (leider kein auf Vögel spezialisierter Tierarzt) Ende Oktober 1989.

Arzt faßt Vogel mit Lederhandschuhen und sehr brutal an und injiziert ein Narkosemittel, um ihn zu röntgen. Auf der Röntgenaufnahme ist die Geschwulst deutlich zu erkennen. Mehr kann aber der Tierarzt daraus nicht entnehmen. Er schmiert eine schwarze, übelriechende Salbe auf das Beinchen und verbindet es fest. Er gibt uns ein Pulver mit (auf der Verpackung steht etwas von Verwendung für Säue!?), das wir täglich in Mickis Trinkwasser auflösen sollen. Micki hat offensichtlich Schmerzen, da er das Beinchen überhaupt nicht mehr belastet. Sein Appetit läßt noch mehr nach und er trinkt viel Wasser.

2. Arztbesuch (Mitte November 1989)

  • Schwarze Salbe wird erneut geschmiert, Bandage erneuert.
  • Arzt teilt uns mit, daß Micki bald sterben wird, da er unheilbar krank ist.
  • Zuhause entfernen wir die Bandage und waschen die schwarze Salbe ab.
  • Beinchen fühlt sich furchtbar heiß an.

Ende November 1989

Wir suchen einen anderen Tierarzt auf, der leider auch kein Vogelspezialist ist. Wir zeigen ihm die Röntgenaufnahme. Der Tierarzt nimmt Gewebeprobe aus der Geschwulst und schickt sie zum Labor ein.

Nach 2 Wochen endlich das Ergebnis vom Labor: Salmonelleninfektion!

Arzt äußert die Vermutung, daß die Infektion bei der Beringung in unhygienischer Umgebung erfolgt ist. Er sagt, daß Mickis einzige Chance zu überleben eine operative Enfernung der Geschwulst ist. Arzt weist uns auf die geringen Erfolgschancen hin, da er, wie er selbst sagt, sich „mit Vögeln nicht so gut auskennt". Der Vollständigkeit halber möchte ich an dieser Stelle bemerken, daß der Tierarzt trotz besseren Wissens uns nicht an seinen Kollegen, den einzigen auf Vögel spezialiserten Tierarzt in unserer Gegend, verwiesen hat. Von dessen Existenz wußten wir selbst damals leider noch nichts.Da wir keine andere Wahl haben, stimmen wir der Operation zu.

Dezember 1989 wird Micki unter Narkose (wieder über Spritze!) operiert.

Arzt berichtet: "Operation hat länger gedauert als erwartet. Micki ist während der Operation aufgewacht und deshalb mußte Narkosemittel nachgespritzt werden. Nach 1,5 stündigen Operation hat Micki Schwierigkeiten, aus Narkose aufzuwachen. Schließlich klappt es: Micki lebt!"

Operierte Stelle wird nicht zugenäht, sondern ca. 4 Tage lang täglich vom Arzt ausgewaschen. Da vom Labor immer noch keine Mitteilung über das anzuwendende Antibiotikum vorliegt, verordnet der Arzt vorübergehend orale Eingabe von Chloramphenicol. 3 Wochen lang täglich verabreichen wir Micki oral Chloramphenicol (ein Gewaltakt!). Zwischendurch, damit Micki den Grind, der sich gebildet hat, nicht abbeißt, legt ihm der Arzt eine Halskrause (aus hartem Kunststoff) an, die wir jedoch nach 3 Tagen entfernen müssen, da Micki apathisch wird und keine Nahrung mehr aufnimmt. Ich verbringe die nächsten 4 Tage und Nächte mit ihm auf der Couch und versuche, ihn davon abzuhalten, sich den Grind aufzubeißen.

Januar 1990 (Testergebnis vom Labor ist eingetroffen!)

  • Micki bekommt ab sofort 2 Wochen lang täglich (wir fahren jeden Morgen zum Arzt) ein Antibiotikum gespritzt.

Anfang 1990

Micki ist total abgemagert, er frißt so gut wie nichts mehr! In meiner Verzweiflung „stopfe" ich ihm geschälte Sonnenblumekerne in den Schnabel, viele fallen wieder raus. Im Kot finden wir die unverdauten Sonnenblumenkerne wieder. Der Tierarzt sagt, er kann nicht helfen. Mickis Brust ist blau verfärbt und blutunterlaufen von den vielen Spritzen. Er ist so mager, daß sein Brustbein spürbar und sichtbar ist.

Nach und nach scheint sich sein Zustand doch etwas zu bessern: er frißt gelegentlich Weintrauben und Kiwis, etwas Banane aber kein handelsübliches Körnerfutter (damals dachten wir, Körnerfutter sei ein „Muß"!).Die Kiwikerne finden wir im Kot unverdaut wieder. Seine Haupt- und Lieblingsnahrung sind nach wie vor leider Sonnenblumekerne. (Angemachte) Nudeln und gekochte Kartoffeln frißt er auch gelegentlich (- aber leider nur von dem Teller, aus dem ich auch esse).

Mickis weitere Entwicklung 1990-1992

Nachhaltig wenig Appetit: wir sind froh, wenn er überhaupt etwas frißt. Seine Lieblings- und Hauptnahrung sind gekeimte Sonnenblumenkerne. Außerdem frißt er auch gern: Nüsse (Erdnüsse, Walnüsse, Zirbelnüsse), Weintrauben, Fruchtjoghurt. Mickis Gewicht beträgt ca. 420g.

Micki zittert zunehmend und fast ununterbrochen. Sein Kot ist dünnflüssig, breiig. Er scheut die Sonne. Er verträgt aber auch keine Kälte: Beim Lüften des Wohnzimmers zittert er noch mehr, zieht dabei seinen Kopf ein und die Schultern hoch und scheint zu husten. Seine grünen Federn werden ab 1991 nach und nach schwarz: zuerst der äußere Rand, dann die ganzen Federn. Zuerst sind die Schultern davon betroffen. Mit jeder Mauser kommen neue grüne Federn raus, die sich dann aber allmählich schwarz verfärben. Der Tierarzt (der ihn operiert hat) wird informiert, weiß aber keinen Rat micki3.jpg
Die schwarzen Federn sind gut zu erkennen.
Seine Beinchen sind (irgendwie) schwach, sie scheinen, den Körper nur schwer halten zu können. Micki „steht" nicht, sondern er „hockt" (oder liegt fast) auf seinen zitternden Beinchen.. Er sitzt sehr gern auf weichen Flächen (z. B. Couch). Mickis Krallen wachsen nach innen verkrümmt. Mickis Schnabel (oberer Teil) wächst ziemlich lang. (Aus Unwissenheit - besser gesagt: Dummheit! schneide ich ihm 1-2mm von der Schnabelspitze weg. Micki stößt dabei einen furchtbaren Schrei aus und hockt die nächsten 3 Tage regungslos mit dem Kopf nach hinten in den Federn und frißt während dieser Zeit gar nichts.)

August 1993

Wir erfahren, daß es die Zeitschrift „Papageien" gibt und abonnieren sie sofort. Wir lernen einen anderen Tierarzt kennen, der sich auch auf Vögel spezialisert hat. Micki wird von Kopf bis Fuß vom Tierarzt untersucht: Röntgen, Blut, Kot, Rachen und Kloake. Röntgen und Blutentnahme erfolgen unter Narkose mit Lachgas. Seit dieser Untersuchung ist Micki flugunfähig. Der Tierarzt ist sich keiner Schuld bewußt, streitet alles ab.Wir haben den Verdacht, daß beim Röntgen der „Unfall" passiert sein muß, als die beiden Flügel zur Seite gestreckt und fixiert wurden (wie am Kreuz) - denn auf dem Röntgenbild sind beide Flügel ausgestreckt zu sehen. Auf dem Röntgenbild erkennt der Arzt „Fettleibigkeit", außerdem sehr dünne Knochen. Ansonsten ist seiner Meinung nach alles in Ordnung. Die weiteren Untersuchungsergebnisse vom Labor lassen 3 Wochen auf sich warten.

Dann das Ergebnis: Hypocalcemie, d. h., Micki hat viel zuwenig Calcium im Blut.

Um das Blut mit Calcium zu versorgen, wird das Calcium aus den Knochen entzogen - daher also Mickis dünne Knochen! Micki bekommt vom Arzt zuerst eine Spritze (Inhalt?), danach soll er täglich Frubiase (Calcium in flüssiger Form) z. B. über das Trinkwasser täglich bekommen. Außerdem viel Sonne (Vitamin D) Laut Arzt ist die schwarze Verfärbung der Federn auf eine Stoffwechselfunktionsstörung zurückzuführen, die ihrerseits aber mit der Leber zusammenhängen müßte. Da er im Röntgenbild an der Leber nichts Ungewöhnliches erkennt, vermutet der Arzt die Ursache für einen evtl. Leberschaden in der starken antibiotischen Behandlung während der Quarantäne 1989 und anläßlich der Fußoperation (im selben Jahr)

Die Behandlung mit Frubiase (seit August 1993) erweist sich als sehr erfolgreich

  • Appetit wächst (Mickis Gewicht steigt auf über 500g)
  • Zittern läßt nach (nur der linke beschädigte Flügel zittert öfters)
  • Beinchen sind anscheinend kräftiger geworden (Micki steht aufrechter)

Ende 1995/Anfang 1996

Wir abonnieren die amerikanische Zeitschrift „Bird Talk", außerdem lesen wir alles zum Thema Papageien, was uns in die Hände fällt (z. B. Artikel aus dem amerikanischen Internet) und natürlich auch „WP Magazin". Via Internet wird uns von amerikanischen Papageienhaltern empfohlen, Micki mit Bacillus acidophilus zu behandeln (das Mittel gibt es in Amerika unter dem Namen „Lactulose" im Drugstore). Da ich hier nichts Entsprechendes finde, versuche ich mein Glück mit Joghurt LC1 (der lt. Verpackung den besagten Pilz enthält). Micki mag den Joghurt sehr und frißt ihn heute noch sehr gern.

Micki wiegt fast 600g! Auffallend sind die starken und rasanten Gewichtsschwankungen (50 bis 100 g rauf und runter)

Juli 1996 Untersuchung (Check-Up) durchgeführt von einer weiteren Tierärztin

Röntgen und Blutentnahme erfolgen ohne Narkose. Auf dem Röntgenbild zeigt uns die Tierärztin Mickis Fettleber (Leber stark vergrößert). Außerdem macht sie uns auf die anormale Flügelhaltung im Schulterbereich aufmerksam: (Sie sagt, daß diese unnatürliche Flügelhaltung (Schultern hochgezogen) vom Transport in engen (Papp)röhren oder Strümpfen – vielleicht wurde Micki geschmuggelt!? – herrühren könnte?!)

Sie macht uns darauf aufmerksam, daß Micki, während sie ihn festhält, schnauft. Anmerkung zum Thema „laut atmen": Gelegentlich spielt sich zu Hause folgendes (Dauer ca. 1 min.) ab: Micki sitzt regunglos, mit leicht geöffnetem Schnabel. Beim Ausatmen (?) ist aus der Halsgegend ein kaum hörbares knackendes, bubberndes Geräusch zu vernehmen.

Alle anderen Werte und Untersuchungsergebnisse liegen lt. Tierärztin „im normalen Bereich". Wir bekommen von ihr eine Flasche Amynin, wovon wir ab sofort 1 ml ins tägliche Trinkwasser geben. Sonnenblumenkerne (ungekeimt) und Nüsse sind ab sofort tabu. Schon nach wenigen Wochen hat sich Mickis Zustand um ein weiteres Stück gebessert. Sein Appetiti hat noch mehr zugenommen. Das Zittern ist vorbei. Nur die schwarze Verfärbung der Federn dauert fort. Und leider weist sein Kot immer noch nicht die ideale Konsistenz auf. Dieses mag aber auch daran liegen, daß Micki sehr viel Obst und somit viel Flüssigkeit aufnimmt. Micki wiegt 640g (u. E. zuviel)

Mai 1997, 2. Besuch bei der Tierärztin:

Micki wird erneut geröntgt, es wird aber keine Änderung festgestellt. Die Krallen werden gekürzt, dabei wird aus einer Kralle Blut entnommen und zum Labor nach England zur Untersuchung auf PBFD eingeschickt.

Testergebnis PBFD: negativ

Seit Anfang Juli 1997 haben wir mit der Umstellung auf Dr. Harrison's Pellets angefangen:

Umstellungsfutter wurde fast sofort (nach ca. 1-2 Tagen) angenommen, allerdings bleiben im Napf sehr viele Pellet-Brösel zurück. Wir wiegen die Brösel und stellen fest, daß (täglich) höchstens 10 g Pellets tatsächlich aufgenommen wurden. Mickis Kot ist fester geworden. Das Pelletfutter ersetzt für Micki in der Tat die bisher täglichen gekeimten Sonnenblumenkerne -- andere Körner (weder gekeimt noch ungekeimt) hat Micki auch voher niemals gefressen.

Mickis aktueller täglicher Speiseplan: Dr. Harrison's Pellets, Obst-, Beeren- und Gemüsesortiment: Trauben, Banane, Hagebutten, Äpfel, Kiwi, (thailändische scharfe) Pepperoni, Karotten, Rote Kolbenhirse ab und zu frische Küchenkräuter wie:Petersilie, Oregano, Zitronenmelisse, je nach Saison: Heidelbeeren, Brombeeren, Himbeeren, Erdbeeren. Bei Tisch (mit uns) ißt er auch gelegentlich mit: Nudeln oder gekochte Kartoffeln, Brot, gekochtes Gemüse (Zuchini, Brokkoli, Blumenkohl). Aus der Wassermelone pult er sehr gern die Kerne heraus.

Mickis Appetit wächst stetig, er scheint dauernd hungrig zu sein. Ob dies an den fehlenden gekeimten Sonnenblumenkernen (die er sehr gern gegessen hat) liegt? Das gleiche wie mit dem Umstellungsfutter passiert auch mit dem Dr. Harrison's Zuchtfutter, d. h. es werden höchstens 10g täglich tatsächlich gefressen, der Rest bleibt in Bröselform im Napf zurück. Micki wiegt heute (11.08.97): ca. 610g

Seit Juli 1997 mausert er und wir hoffen, daß die Federn diesmal grün bleiben, aber leider sind jetzt schon die ersten schwarzen Verfärbungen an den Federrändern zu erkennen.

Nachtrag

Seit 1991 haben wir immer wieder versucht, Micki einen Vogelpartner zuzuführen. Alle Versuche sind leider gescheitert, Micki hat alle Vögel attackiert und teilweise blutig gebissen. (Glücklicherweise durften wir die Vögel zurückgeben) Seit 1993 hat sich unsere Familie um ein weiteres Mitglied vergrößert: ein Gelbwangenamazonen-Weibchen. Auch „sie" wird von Micki nicht akzeptiert. Deshalb hat jeder Vogel seinen eigenen Käfig. Die beiden Käfige stehen ca. 30 cm voneinander entfernt im Wohnzimmer. Außerdem befinden sich im Wohnzimmer 3 Kletterbäume und ein weiterer Käfig, auf und in dem sich die beiden abwechselnd gern aufhalten. I. d. R. sind die Vögel morgens 1 Stunde und abends 5 Stunden frei, wobei wir ihnen Gesellschaft leisten.

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Fortsetzung folgt...

Buchtip:
Wer sich weiterführend über das Elend mit dem Handel von Wildvögeln beschäftigen möchte, dem sei folgendes Buch empfohlen. Die Angaben sind nicht mehr "topaktuell", geben aber einen hervorragenden Einblick in die Problematik.

Flieg Vogel oder stirb
Vom Elend des Handels mit Wildvögeln

von Peter Herkenrath und Werner Lantermann
Verlag Die Werkstatt GmbH 1994
ISBN 3-923478-98-4

Umsetzung
© Stefan Seifert für die Arbeitsgemeinschaft Papageien-Netzwerk 08/'99

Arbeitsgemeinschaft Papageien-Netzwerk
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Infos, Anregungen, Kritik

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