Gattung Hapalopsittaca
Zwergamazonen/Braunohrpapageien
Allgemeines

angenäherte Verbreitung,
nach Chapman und Forshaw
Zwergamazonen
Bei den in dieser Art gruppierten Papageien handelt es sich um sehr seltene und wenig erforschte Vögel. Das Verbreitungsgebiet liegt in den Andenkordilleren von Venezuela, und Kolumbien. Der Lebensraum sind die Nebelwälder der Anden in Höhen von 2.000 bis über 3.000m über dem Meer. Diese Papageien leben in kleineren Gruppen und scheinen im Verlauf von Jahrzehnten ihren Aufenthaltsort zu wechseln. Graves (1989) vermutet, das z.B. das Vorkommen von Chapmans Zwergamazone H. fuertesi durch die Velezs Zwergamazone ersetzt worden ist. Die Begründung liegt in der noch relativ neuen Entdeckung der Velezs Zwergamazone, die als neue Subspecies des H. amazonina Komplexes zunächst an als H. fuertesi gesammelten Exemplaren des Museo de Historia Natural der Universidad Nacional de Colombia identifiziert werden konnte. Bis auf eine nicht bestätigte Sichtung von Orejuela und Alberico im Jahre 1980 (- nicht veröffentlichtes "research proposal" für das ICBP und den WWF -) blieb H. fuertesi seit der Entdeckung im Jahre 1911 bis zum Juli 2002 im ursprünglichen Entdeckungsgebiet verschollen. Neuere Untersuchungen, wie das Proyecto Hapalopsittaca (s.u.) sollen den Status und die Lebensweise der Zwergamazonen genauer erforschen.
Braunohrpapageien
Diese Papageien sind nicht ganz so selten wie die Zwergamazonen, aber ihre Lebensweise ist fast genauso unbekannt. Ihr Lebensraum liegt in den Regenwäldern der östlichen Anden zwischen 2.000 und 3.500m über Meereshöhe in Bolivien und Peru.
Syst. Übersicht
Die Gattung Hapalopsittaca umfasst nur wenige Papageiearten. Es handelt sich um Vögel mittlerer Grösse und kompaktem Körperbau. Die Schwänze sind amazonenartig kurz und gerundet. Die amazonentypische Kerbung im Oberschnabel fehlt. Es gibt keine sichtbaren Geschlechtsunterschiede. Insgesamt steht diese Gattung den Zierpapageien (Pionopsitta) verwandtschaftlich nahe.

Je nach verwendeter Systematik gehört diese Gattung zu den Psittacidae/Psittacinae oder zu den Aratingidae/Amazoninae. Innerhalb der Gattung gibt es ebenfalls mehrdeutige Zuordnungen, auf die nach der folgenden Tabelle eingegangen wird.

Hapalopsittaca (Ridgway, 1912)
amazoninaamazonina (De Murs 1845)
Zwergamazone
Rusty-faced Parrot
Verbreitung: Östliche Andenkordillere in Zentralkolumbien, von Cundimarca nördl. bis Norte de Santander.
Beschreibung: Grundfarbe grün, heller und gelblicher am unteren Körper. Kopf: Schnabel hornfarben mit bläulichem Ton an der Oberschnabelbasis. Stirn blassorange, zum Scheitel hin ins rötliche spielend. Hinterkopf olive mit rötlichem Schimmer. Zügel blassgelb, Unterschnabelregion und Wangenränder orange, verlängerte Ohrdeckfedern oliv mit gelben Stricheln. Hals und Brust oliv. Flügelbug und kurze Deckfedern rot. Mittlere und grosse Deckfedern blau Flügelbug rot, Flügel hauptsächlich blau, Flügelunterseite blaugrün. Schwanz braunrot, mit blauen Spitzen. Füsse dunkelgrau.
theresae (Hellmayr 1915)
Hellmayrs Zwergamazone
Hellmayr's Rusty-faced Parrot
Verbreitung: Nord-west Venezuela, beschränkt auf das Gebiet der Cordillera los Andes bei Tachira und Merida
Beschreibung wie amazonina, jedoch allg. dunkler gefärbt, Hals und Brust dunkles olivbraun.
velezi (Graves and Restrepo 1989)
Velezs Zwergamazone
Velez's Rusty-faced Parrot
Verbreitung: westliche Hänge der Quindio Anden
Beschreibung: Vorderkopf braunrot nach hinten in dunkles Gelborange übergehend. Brust dunkles Gelborange. Bauch, Rücken und Flügeldeckfedern überwiegend grün. Flügelbug orangerot, Daumenfittich und obere Deckfedern blau. Schwanzfedern braunrot mit blauer Spitze.
pyrrhops (Salvin 1876)
Salvins Zwergamazone
Salvin's Rusty-faced Parrot
Verbreitung: Andenregion in West Equador
Beschreibung: Vorderkopf, Stirn und Kehle dunkel Orangerot, Oberkopf von der Stirn aus zum Nacken gelblich in grün übergehend. Das Grün mit bläulichem Schimmer. Gelb gestrichelter Ohrdeckfederbeich. Flügelbug und kleiner Flügeldeckfedern rot. Schwanz grün bis blau an der Spitze.
fuertesi (Chapman 1912)
Chapmans Zwergamazone
Azure-winged Parrot
Verbreitung: Westliche Hänge des Ruiz-Tolima in der zentralen Andenkordillere.
Beschreibung: Grundfarbe des Gefieders grün, mit allgemein gelblicherer Unterseite. Kopfplatte blau. Schulter und Flügelbug rot, Schwungfedern blau, Schwanz rötlich.

melanotismelanotis (Lafresnaye 1847)
Braunohrpapagei, Schwarzflügelpapagei
Black-winged Parrot
Verbreitung: Westl. Zentralbolivien, Provinzen La Paz und Cochabamba
Beschreibung: Gefiedergrundfarbe Grün, an den Unterseiten blasser. Hals und Nacken mit mit bläulichem Schimmer. Zügel leicht bläulich. Deckfedern am Ohr bräunlich. Schwungfedern blau, Schwanz grün mit blauer Spitze.
peruviana (Carriker 1932)
Peru-Braunohrpapagei
Peruvian Black-winged Parrot
Verbreitung: Zentral-Peru, nur an zwei Stellen bekannt: Auquimarca und Chilpes.
Beschreibung: Ähnl. wie Nominatform, jedoch gelblichbraune Ohrdeckfedern. Bläulicher Schimmer nur am Hals.


H. pyrrhops und H. fuertesi wurden 1966 von Meyer de Schauensee als Subspecies von H. amazonina eingruppiert. Allerdings gab er keine ausreichende Begründung an. Forshaw und andere haben später diese Einteilung relativ kritiklos übernommen. Aus diesem Grund findet man heute noch in einigen Systematiken diese Einteilung.
Tatsächlich sind H. pyrrhops und H. fuertesi näher verwandt zu H. amazonina als zu H. melanotis, was de Schauensees Gruppierung rechtfertigen könnte, aber andrerseits sind die Unterschiede zu den Subspecies von amazonina gravierend genug für die Aufstellung als eigenständige Species. Es ergibt sich also eine Superspecies mit H. amazonina -ähnlichen Mitgliedern. (Graves, 1989)
Galerie

H. fuertesi

H.a. velezi
Von den Mitgliedern der Gattung Hapalopsittaca gibt es kaum Fotos lebender Vögel, die wir hier zeigen können und dürfen. Die Abb. von H.a. velezi und H. fuertesi (oben) wurden uns von Jorge Velasquez (Leiter des Proyecto Hapalopsittaca) zur Verfügung gestellt, die Bälger (unten) sind Belegexemplare des Senckenbergischen Museums in Frankfurt und wurden für uns von Detlev Franz fotografiert.
 

Lebensweise

Foto © Jorge Velasquez
Aufgrund ihrer Seltenheit und der wenigen Sichtungen dieser Papageien ist über ihre Lebensweise fast nichts bekannt. In den meisten Fällen handelt es sich bei solchen Berichten um Analogschlüsse aus dem Verhalten ähnlicher Papageienarten (spez. Pionopsitta) oder um marginale Berichte aus wenigen eher erfolglosen Gefangenschaftshaltungen bestimmter Subspecies.
Aus zur Zeit laufenden Feldforschungen weiss man, dass es sich bei den Hapalopsittaca-Arten um Wald- und Waldrandbewohner handelt, die in kleinen Gruppen umherstreifen, und sich vorzugsweise von Beeren und Früchten der Epiphyten in den Baumkronen ernähren. Die bevorzugten Wälder bestehen überwiegend aus einer Eichenart (Quercus humboldtii).
Artenschutz
Im Rahmen des "Proyecto Hapalopsittaca" werden zur Zeit die kolumbianischen Zwergamazonen näher erforscht. Dieses Projekt führte zu einer Wiederentdeckung von Chapmans Zwergamazone im Juni 2002. Leiter dieses Projektes ist Jorge Velasquez, die Studie ist angelegt für ein Jahr, vom 01.06.2002 bis 01.06.2003. Unterstützt wird dieses Projekt u.a. von der Fundacion ProAves und dem Conservation Programm der BP.

Ermittelt wird der Status der Populationen von H. fuertesi und H.a. velezi, um eine Einschätzung der Gefährdung dieser Papageien und ihres Habitats zu erhalten. Als Folge davon soll ein Arterhaltungsplan aufgestellt werden.
Das in freier Wildbahn eingesetzte Team besteht aus 4 Mitgliedern von verschiedenen Kolumbianischen Universitäten und wird anhand der Beobachtungen nach den Vorgaben des Kolumbianischen Vogelschutzes und dem "Global Parrot Action Plan" die notwendigen Strategien zum Schutz der Papageien und des Biotops erarbeiten.
Diese Studien werden zusammen mit der einheimischen Bevölkerung durchgeführt, begleitet von einer Aufklärungskampagne, um das Bewusstsein um die Gefährdung nicht nur der Papageien, sondern des gesamten Lebensraumes zu fördern.

Soviel steht jetzt schon fest:
Eines der Hauptprobleme ist die Landnahme der Bevölkerung, die durch die Rodung der Wälder (ungeachtet der Erklärung einiger Gebiete zum Nationalpark) den Zwergamazonen die Lebensgrundlage entzieht. Hierbei spielt besonders die soziale Armut der Region eine grosse Rolle.
Anmerkung
So sensationell die Wiederentdeckung von H. fuertesi im Juni 2002 auch erscheint, sie muss ein wenig relativiert werden. Diese Wiederentdeckung bezieht sich auf das ursprüngliche Entdeckungsgebiet. Allen und Miller sammelten in der Gegend um Laguneta und Santa Isabel der mittleren Andenkordillere 7 Belegexemplare einer Art, die von Chapman 1912 als H. fuertesi wissenschaftlich beschrieben wurde. "I have named this interesting bird in honor of Mr. Louis Agassiz Fuertes*), in recognition of the service which, not alone as artist, but in many other capacities he rendered the Museum's Columbian expedition.".
Eine weitere, nicht bestätigte Sichtung soll, wie anfangs erwähnt, 1980 durch Orejuela und Alberico erfolgt sein.
Zwischen 1987 und 1991 gibt es aber mehrere gesicherte Beobachtungen dieser Papageienart aus dem Naturreservat Acaim und dem Reservat Cañón del Quindío. (Proyecto Hapalospittaca, 2002)

*) Informationen über L.A. Fuertes: http://rmc.library.cornell.edu/Birds/
Quellennachweis
Literatur:
Chapman, F.M. (1912) Diagnosis of apparently new Columbian birds; Bulletin of the American Museum of Natural History 31.1912, pp. 139-167.
Graves, R.G. u. Uribe Restrepo, D. (1989) A new allopatric taxon in the Hapalopsittaca amazonina superspecies from Colombia; Wilson Bulletin 101.1989,3 pp. 369-376.
Forshaw, J.M. (1981) Parrots of the world; David&Charles; ISBN 0-7153-7698-5
Meyer de Schauensee, R.M. (1966) Species of birds in South America and their distribution; Narberth : Livingston, 1966
Ridgely, R.S. (1980) The current distribution and status of mainland neotropical parrots. in: Conservation of New World Parrots, Proc. of the ICBP Parrot Working Meeting, St. Lucia 1980.
Robiller, F. (1991) Handbuch der Vogelpflege, Papageien Bd.3; Ulmer; ISBN 3-8001-7228-3

Web:
(2002) Proyecto Hapalopsittaca: para la conservación y estudio de dos especies de loros amenazados en Colombia

  Zur Homepage:
Fotos: © Jorge Velasquez u. Detlev Franz
Zusammenstellung: © H.-J. Pfeffer
Arbeitsgemeinschaft Papageien-Netzwerk
  © 10/2002