Hapalospittaca fuertesi
Die Wiederentdeckung
Im Juli 2002 ging eine Sensationsmeldung durch die Presse: Die seit über 90 Jahren vermisste Chapmans Zwergamazone (Hapalopsittaca fuertesi, Chapman, 1912) ist wiederentdeckt worden.
Hier der Originalbericht der Fundacion ProAves in deutscher Übersetzung. Die Fotos wurden uns freundlicherweise von dem Entdecker Jorge Velasquez zur Veröffentlichung überlassen.
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Es klingt wie ein Wunder:
Chapmans Zergamazone wieder entdeckt!

Die kolumbianischen Ornithologen Jorge Velasquez und Alonso Quevedo rangen nach Atem in der Kälte. Sie waren am 28. Juli 2002 mehr als 3.000 Höhenmeter durch ein Mosaik von Viehweiden zu einem kleinen Areal des Nebelwaldes an Kolumbiens höchsten Anden-Vulkan aufgestiegen. Am Rande des Waldes, frierend im dichten Nebel, der vom Nachmittagswind durch die Baumwipfel gewirbelt wurde, waren sie von der Stille beeindruckt.

Plötzlich durchschnitt der schrille Schrei eines Papageis die Stille, dem sofort ein Chor weiterer Vögel aus dem Nebel antwortete. "Die geisterhaften Silhouetten von 14 Papageien lösten sich aus dem Nebel und kamen näher, wie wenn sie direkt aus dem Himmel kämen." sagte Jorge. Sie kreisten näher in engen Bögen, um sich auf den Bäumen über Jorge und Alonso niederzulassen. In diesen wenigen Sekunden, die wie eine Ewigkeit erschienen, leuchteten die Farben Smaragdgrün, Kobaltblau und Scharlachrot vor den Augen der beiden. Sie glaubten, sie würden ein Wunder erleben, da einer der seltensten Vögel der Welt, die Chapmans Zwergamazone (Hapalopsittaca fuertesi) sich dort vor ihren Augen niedergelassen hatte.
Neunzig Jahre zuvor hatten zwei Sammler (Leo Miller und Arthur Allen) des American Museum of Natural History in New York den gleichen Vulkan in der Zentral-Kordillere bestiegen, um die Vogelwelt dieser Berge zu erforschen. Sie verbrachten mehrere Monate in dieser abgelegenen hohen Bergwelt und der erstaunlichen Wildnis der Wälder und wurden mit der Entdeckung eines eigentümlichen und interessanten Papageis belohnt, der der Wissenschaft vorher noch unbekannt war. Die Vögel wurden im darauf folgenden Jahr von Chapman wissenschaftlich beschrieben und benannt: Hapalopsittaca fuertesi - Die Farmer nannten diese Vögel Loro Multicolor (Vielfarben-Papagei).
1989 beschrieb dann Gary Graves, ein Ornithologe des Smithsonian Museums eine weitere neue Papageienart aus einer Gegend nahe der, wo der Vielfaben-Papagei entdeckt worden war. Dieser neue Vogel, eine bis dahin unbeschriebene Unterart der Zwergamazone Hapalopsittaca amazonina (vorher bekannt aus der östlichen Anden Kordillere, von Kolumbien bis Venezuela) wurde Hapalopsittaca amazonina velezi (Velez-Zwergamazone) benannt und ähnelt als Mitglied derselben Gattung dem Vielfarben-Papagei.

H.a. velezi
Alarmierenderweise haben die fruchtbaren Böden und die üppige Vegetation dieses Vulkangebietes, wo die beiden Zwergamazonenarten in enger Nachbarschaft leben, von je her eine Menge Kolonisten angezogen, die die natürlichen Ressourcen ausbeuten, und die steilen Hänge des Vulkans abgeholzt haben. Die Einrichtung des Los Nevados National Park konnte die Kolonisierung kaum stoppen, und was an schützenswertem Nebelwald übriggeblieben ist, wird täglich zu Feuerholz verarbeitet, oder für Weideland und Kartoffelfelder gerodet.

Noch schlimmer war, dass der Vielfarben-Papagei nicht wieder gefunden wurde. Obwohl Miller und Allen detaillierte Angaben über den Fundort gemacht hatten, blieb dieser Papagei 90 Jahre lang unauffindbar. Traurigerweise konnte die Existenz dieser Papageienart nicht mehr bestätigt werden und diese Art blieb unbekannt,auch wenn man weiterhin annahm, dass sie noch in den letzten Resten des hohen Anden-Nebelwaldes von Zentral-Kolumbien existieren müsse.
Basierend auf seiner 12 jährigen Arbeit über bedrohte Vogelarten in Kolumbien sagte Dr. Paul Salaman vom Natural History Museum in London noch im April diesen Jahres (2002), dass die Hoffnung auf die Existenz des Vielfarben-Papagei schwindet und dass dieser Papagei angesichts der Zerstörung seines Habitats als ausgestorben angesehen werden muss. Die missliche Situation des Vielfarben-Papageis blieb nicht unbeachtet. Nationale und internationale Naturschutz- und Ornithologenorganisationen, wie z.B. Birdlife International haben diesen Vogel als "Besonders vom endgültigen Aussterben bedroht" eingestuft. Während diese schreckliche Situation die Internationalen Naturschutzgemeinschaften alarmierte, haben andrerseits die wilde Umgebung und die schlechte Erreichbarkeit des Verbreitungsgebietes vor weiteren Suchen nach dieser Papageienart abgeschreckt.
Dies war die Lage, bis Jorge Velasquez mit einem Team der Fundación ProAves entschied, dass in Bezug auf diesen sagenhaften Papagei etwas unternommen werden müsse. Mit der Unterstüzung von Paul Salaman sind Jorge (20), von der Cafetero City of Manizales und Student der Colombia National University in Bogotá und sein Team dabei den verschollenen Vielfarben-Papagei wieder zu entdecken. Mit anfänglicher Hilfe der American Bird Conservancy und dem World Parrot Trust wurde im Jahr 2000 eine Serie vorbereitender Suchen in den kolumbianischen Anden nach beiden Arten, dem Vielfarben-Papagei und der Velez-Zwergamazone gestartet. Sehr bald konnte Jorge mehrere neue Populationen der Velez-Zwergamazone entdecken und wichtige ökologische Daten für die Erhaltung dieser Vögel sammeln. Aber der Vielfarben-Papagei blieb verschollen, und allmählich wuchs die Überzeugung, dass dieser Vogel bereits ausgestorben sein könnte.

im Nebelwald
Im Mai 2002 konnten Jorge als Projektleiter des Vielfarben-Papagei-Projektes von Fundación ProAves in Zusammenarbeit mit Fundación Natura, Conservation International, The Natural History Museum, und dem Instituto de Ciencias Naturales der Universidad Nacional de Colombia das Unternehmen weiter aufwerten: Sie gewannen die Goldmedaille des BP International Conservation Awards. Am 19. April 2002 nahm Jorge diese Auszeichnung von Baroness Barbara Young, der Vize-Präsidentin von BirdLife International and Fauna & Flora International während einer Feierstunde in London in Empfang.
Diesen Preis zu gewinnen, bedeutete, dass das Team der 6 Studenten von 4 kolumbianischen Universitäten die Suche und Erhaltungsmassnahmen für den Vielfarben-Papagei und der Velez-Zwergamazone intensivieren konnte. Jorge sagte, ohne unsere Aktion im kolumbianischen Nebelwald sind zwei der seltensten Papageien der Welt vom endgültigen Aussterben bedroht. Die Unterstützung durch den BP Conservation Award hat das Team bei den Bemühungen um das Auffinden der Spezies und ihrer Rettung vor dem Ausserben weiter motiviert.
Nach Monaten der Suche, am 28. Juli 2002 machten Jorge und sein Teamkollege Alonso am trüben, kalten und nebligen Nachmittag eine kurze Rast am Rande eines Waldstückes. Wie als Herausforderung meinte Jorge skeptisch, warum sollte so eine seltene und rätselhafte Papageienart ausgerechnet so ein winziges Stück Wald besuchen? Nur Minuten später wurden die Schreie der Papageien hörbar. Das Projekt-Team war über den vielleicht letzten überlebenden Schwarm des Vielfarben-Papageis gestolpert. Eine der grössten Wiederentdeckungen der Zeit in Kolumbien.
Nach einer langen Nacht, in der die Entdeckung zusammen mit Einheimischen gefeiert wurde, verbrachten Jorge und Alonso mehrere Tage damit, den Papageienschwarm weiter zu studieren. Ausführliche Notizen, Tonaufnahmen, Fotos und Videos wurden aufgezeichnet um die Entdeckung zu dokumentieren und wichtige Informationen über die Öklogie und Biologie deieser Spezies zu erhalten. Es ist unglaublich, dass diese 14 Vögel (3 Jungvögel eingeschlossen) in diesen paar Dutzend Hektar Wald überleben. Die wichtigste Bedingung für diese Spezies scheinen hohe, ausgewachsene Bäume zu sein, in denen sie sich von Beeren aus den mit Epiphyten überladenen Baumwipfeln ernähren und wo sie die nötigen Nisthöhlen finden.
Tragischerweise wurde die Begeisterung über die Wiederentdeckung durch den Fund eines toten Jungvogels in der Nähe des Waldes gedämpft, der wahrscheinlich einem Greifvogel zum Opfer gefallen war. Ein unerfahrener Vogel, der keine Deckung findet, ist in dem fremden offenen Weideland, das die Greifvögel bevorzugen, eine willkommene Jagdbeute. Wie Alonso bemerkte, überlebt der Papageienschwarm auf einer kleinen Waldinsel inmitten eines Meeres von Weideland und Vieh. Es ist klar, dass die Papageien ums Überleben kämpfen, da sie sich verzweifelt an dieses letzte Waldfragment klammern. Obwohl es wundervoll ist, dass diese 14 Vögel existieren, ist es noch lange keine Garantie dafür, dass weitere Generationen überleben, und die Entdeckung des toten Vogels zeigt deutlich, wie ungewiss und gefährdet die Zukunft des Vielfarben-Papageis ist.
Jorge hat gesagt, dass die Arbeit des Team gerade erst begonnen habe, denn nun müsse man mit grösster Eile die nötige Arbeit zum Schutz der Art beginnen. Jetzt, wo die speziellen Habitat-Vorlieben und das Futterverhalten der Papageien bekannt sind, hofft man, dass man weitere Areale in der Umgebung findet, die möglicherweise weitere überlebende Papageienschwärme enthalten. Der Schutz der möglicherweise letzten Population des Vielfarben-Papageis ist von höchster Wichtigkeit, kann aber nur mit der vollen Unterstützung und Zugeständnissen der einheimischen Bevölkerung funktionieren, die unwissenderweise bisher die grösste Gefahr für den Papagei war. Alonsos Kenntnis der Region und speziell ihrer Bewohner war von entscheidender Bedeutung, um ihr Interesse an dem Projekt zu wecken, und Unterstützung bei der Rettung eines sehr speziellen Teiles ihrer natürlichen Umgebung zu erhalten. Die Fundación ProAves hofft nun auf amtliche Unterstüzung für den Schutz der Spezies. Wie Jorge deutlich sagt: Wir hoffen, dass wir die einheimischen Bewohner davon überzeugen können, die letzten Wälder zu beschützen. So liegt das ungewisse Schicksal des Vielfarben-Papageis in ihren Händen.
Für weitere Informationen kontaktieren Sie das Multicolored Parrot Project Team via email: fundacion@proaves.org und hapalopsittaca@proaves.org
Nachtrag (10/2002)
So sensationell die Wiederentdeckung von H. fuertesi im Juni 2002 auch erscheint, sie muss ein wenig relativiert werden. Diese Wiederentdeckung bezieht sich auf das ursprüngliche Entdeckungsgebiet. Allen und Miller sammelten in der Gegend um Laguneta und Santa Isabel der mittleren Andenkordillere 7 Belegexemplare, die von Chapman 1912 als H. fuertesi wissenschaftlich beschrieben wurde. "I have named this interesting bird in honor of Mr. Louis Agassiz Fuertes, in recognition of the service which, not alone as artist, but in many other capacities he rendered the Museum's Columbian expedition.".
Eine weitere, unbestätigte Sichtung soll 1980 durch Orejuela und Alberico erfolgt sein.
Zwischen 1987 und 1991 gibt es aber mehrere gesicherte Beobachtungen dieser Papageienart aus dem Naturreservat Acaim und dem Reservat Cañón del Quindío. (Proyecto Hapalospittaca, 2002)

Eine Übersicht über die Gattung Hapalopsittaca finden Sie hier

  Zur Homepage:

Fotos: Jorge Velasquez
Text: www.proaves.org
Übersetzung u. Zusammenstellung: H.-J. Pfeffer
Arbeitsgemeinschaft Papageien-Netzwerk
  © 09/2002