Systematiken - das Ordnungsprinzip
Geschichte:
Im Laufe der geschriebenen Geschichte hat es viele Versuche
gegeben, Systeme zu erfinden, in denen sich eine Ordnung der
Natur abbilden liess. Der tatsächliche Durchbruch gelang
Carl von Linné (1707-1778) mit seinem grundlegenden Werk
"Systema Naturae", dessen Regeln in vielen Bereichen der
Pflanzen- und Tierwelt heute noch Gültigkeit haben. Er "erfand"
die Basiseinheit Art (Species) und führte das "Zwei Namen
Prinzip" zur Bezeichnung einer Art ein. Die Methodik der
Namensgebung ist weiter unten erklärt. Zu Linné selbst
und seinem Werk gibt es einen externen Link.
Definition
Taxonomie: "...Wissenschaft und Lehre von dem praktischen
Vorgehen bei der Klassifikation der Organismen in
systematische Kategorien. Die so gebildeten Organismengruppen
stellen Einheiten dar, deren Vertreter
in stammesgeschichtlicher Hinsicht unmittelbar miteinander
verwandt sind ..." (Meyers Enzyklopädisches Lexikon,
9. Aufl., Bd.23 "Sue - Tuo")
Das Prinzip:
Entsprechend der o.a. Definition werden also die Lebenwesen nach ihren
Eigenschaften (im weitesten Sinne) in ein vordefiniertes
hierarchisches System eingeordnet. Je mehr gemeinsame Eigenschaften
existieren, um so enger ist ihre Zusammengehörigkeit, und um so
genauer lassen sie sich als Gruppe gegenüber anderen abgrenzen. Als
"Basiseinheit" wird daher die Spezies (Art) verwendet. Diese ist
festgelegt als eine Gruppe von Lebewesen, die sich aus freiem Willen
untereinander vermehren, nicht aber mit anderen (auch wenn sie es
könnten!). Das bedeutet, dass "künstliche" Vermischungen zwischen den
Spezies u.U. möglich sind, ohne den Begriff Spezies an sich zu
verletzen.
Die weitere Einteilung in
übergeordnete (allgemeinere)
Kategorien, genannt Taxa (Einzahl Taxon),
ist mehr oder weniger subjektiv, d.h. sie ist abhängig vom jeweiligen
Gesichtspunkt, unter dem die gesamte Systematik vorgenommen wird.
Trotzdem folgt diese weitere Einteilung einem bestimmten Schema:
Taxon:
(absteigende Folge) |
Beispiel: (wiss. Bez.) |
Beispiel: (dt. Bezeichnung) |
Reich
Abteilung
Stamm
Klasse
Ordnung
Familie
Gattung
Spezies (Art)
Subspezies (Rasse) |
Aves
Psittaciformes
Psittaculidae
Agapornis
A. roseicollis
A. r. catumbella |
Tiere /Pflanzen
vielzellige Organismen
Wirbeltiere
Vögel
Papageienartige
Edelpapageien
Unzertrennliche
Rosenköpfchen
Angola-Rosenköpfchen
|
Je nach "Feinabstimmung" werden noch Zwischenstufen wie z.B.
Unterfamilien oder Supergenera eingeführt.
Grundlage für diese Einteilung ist unter anderem die durch
Carl Linné 1735 eingeführte
Norm, die Arten durch Doppelnamen (Gattung u. eigentliche Art) zu
bezeichnen.
Auch die Wortendungen für die einzelnen Taxa sind normiert,
damit man erkennen kann, auf welcher hierarchischen Stufe man
sich befindet.
So bezeichnet z.B.-formes die Ordnung, -idae die
Familie, -inae eine Unterfamilie und -ini
einen Tribus,die Supergattung.
Um nun ein Lebewesen in solch ein System einzuordnen müssen viele
Aspekte (Morphologie, Biochemie, Geographie, Physiologie um nur wenige
zu nennen) berücksichtigt werden. Je nachdem welchen Aspekt man
"vergisst" oder bewusst auslässt, kommt man zu einer anderen
Einteilung.
Klar ist aber, dass man innerhalb eines Systems immer die gleichen
Aspekte pro Individuum verwenden muss.
Wie verschieden die Ergebnisse trotz der o.a. Regel sein können, zeigt
folgende Aufstellung:
| - Salvadori (1891) |
ordnet 5 Familien und 5 Unterfamilien |
| - Beddard (1898) |
2 Familien in einer Unterordnung |
| - Peters (1937) |
eine einzige Familie mit 6 Unterfamilien und 330 Arten |
| - Mayr & Amadon (1951) |
eine Familie, keine Unterfamilien, 316 Arten |
| - Smith, G.A. (1971) |
eine Familie, 11 Supergattungen |
|
In den obigen Erläuterungen sind spezielle Abstufungen im Bezug auf
die Basiseinheit Art (Species) bisher ausgelassen. Gemeint ist hier
der spezielle Begriff Unterart oder Rasse, der für gewöhnlich für
geographisch/morphologisch unterscheidbare Mitglieder einer Art
angewendet wird. Das Linnésche Doppelnamenprinzip wird hier durch
Anhängung eines dritten Namensteiles ergänzt.
Probleme:
Mit dem bisher erläuterten Prinzip scheint eine Systematisierung der
Papageienvögel einfach. In der Tat findet man sie so in allen
gebräuchlichen Systematiken wieder. Aber was ist z.B. mit Arten
innerhalb eines Genus, die untereinander mal enger, mal weiter
miteinander verwandt sind? Als Beispiel mögen wieder die
Unzertrennlichen herhalten, die trotz ihrer geringen Artenzahl
(vergl. mit z.B. den Amazonen) dies schon deutlich zeigen:
Agapornis cana, A.pullaria und A.taranta grenzen sich zumindest
morphologisch deutlich ab von A.nigrigensis, A.fischeri, A.lilianae
und A.personatus. A.swinderniana und A.roseicollis können als
Übergangsformen angesehen werden, die der einen oder der anderen
Hauptgruppe nahestehen. Ähnliches findet man z.B. auch bei
Wolters, wo der "Sammeltopf" Aratinga als "Lösungsansatz"
in mehrere Genera aufgespalten wurde.
Einschränkung:
Man muss sich auch bewusst machen, dass diese Methode der Systematisierung
nur eine Momentaufnahme der Ordnung Papageienvögel darstellt, nämlich so,
wie sie sich gegenwärtig präsentiert. Die Evolution wird dabei ausser Acht
gelassen. Fossile Funde lassen sich hier nicht
nur wegen ihrer Seltenheit und Unvollständigkeit schlecht einordnen.
Gleiches würde für die aus DNA-Untersuchungen postulierten hypotetischen
Stammesväter gelten.
Systematik und Bezeichnungen
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Wissenschaftliche Bezeichnungen
Warum wiss. Bezeichnungen
Die Erklärung ist einfach: Sie sind notwendig. Ein Beispiel:
 |
 |
 |
 |
| Rotbugara |
Severe Macaw (schmuckloser Ara) |
Ara vert (Grüner Ara) |
Guacamayo de frente castano (Kastanien-Stirn Ara) |
Oftmals kommt es sogar innerhalb eines Landes oder einer "Sprachzone"
zu unterschiedlichen Bezeichnungen. Durch die Verwendung des
"einheitlichen" wissenschaftlichen Namen Ara severa weiss
jeder sofort, welcher Vogel gemeint ist, auch wenn in der
jeweiligen Landessprache der Name eben nicht Rotbugara bedeutet.
Es gibt noch einen Vorteil ...
Vor Linné ...
... wurde ein Tier wissenschaftlich häufig mit einem ganzen
beschreibenden Satz bezeichnet: "Psittacum auem, viridem toto corpore,
torque tatum miniato" (= Papageienvogel, am ganzem Körper grün, mit
rosa Halsband) oder wenn kurz, dann ungenau:
"Psittacus viridis" (= grüner Papagei) und "Psittacus viridis
alter" (= anderer grüner Papagei). - Ein wenig praktikables System,
trotz der sprachübergreifenden "Wissenschaftsprache" Latein.
Seit Linné ...
... benutzen wir das von ihm erfundene Doppelnamen-Prinzip, das
einerseits die systematische Basiseinheit "Art" oder "Species"
eindeutig bezeichnet, andererseits aber gleichzeitig eine
Gruppenzugehörigkeit zu einem Genus (dem übergeordneten Taxon)
liefert. Dieses Prinzip ist lediglich durch den dritten Namensteil
für die Rasse, resp. Unterart (Subspecies) erweitert worden.
Namensgebung
Im Normalfall hat der Entdecker der Species/Rasse das Recht, dieser
einen Namen zuzuteilen. U.U. ist es aber nicht der Entdecker, sondern
derjenige, der das Tier zum ersten mal wissenschaftlich beschreibt.
Durch "parallele" Entdeckungen, oder Beschreibungen, bei denen der
Verfasser von anderen schon erfolgten Veröffentlichungen nichts
wusste, kann es zu Konfusionen kommen.
Beispiel aus dem 19. Jahrh.: Chrysotis (Amazona) farinosa
wurde auch bezeichnet mit Psittacus pulverulentus
Deshalb muss die wissenschaftliche Beschreibung bei einer
"Kontrollinstanz" eingereicht, und von dritter Seite bestätigt werden.
Die ICZN ("International Commission on Zoological Nomenclature") ist
so eine Kontrollinstanz, die die Regeln für die Benamung aufstellt.
Entsprechende Beschreibungen werden hier im "Bulletin of Zoological
Nomenclature" veröffentlicht.
z.B.:Dorst, J.P. u.a.
Memorandum on proposal to validate Cacatua.
London
Bulletin of zoological nomenclature
22.1965,3 S. 156-161
Hier geht es um die Aufstellung der Gattung Cacatua (früher
Plyctolophus).
Vereinfachte Grundregel
Wie schon gesagt, ist die Namensbezeichnung einer Art zweiteilig.
Der erste Teil des Namens dient der Zugehörigkeit der Gattung - also
der systematischen Stellung des Tieres, und ist, soweit die Gattung an
sich schon existiert, nicht frei wählbar. Amazona z.B. weisst aus,
dass die beschriebene Species zu den Amazonen gehört. Damit ist auch
klar, dass es sich um einen papageienartigen Vogel handelt.
Der zweite Namensteil, der die eigentliche Art beschreibt, wird vom
Entdecker oder Erstbeschreiber mehr oder weniger willkürlich gewählt.
Dabei kommen oftmals lateinische, altgriechische, oder kombinierte
Bezeichnungen zum Einsatz, die die Art irgendwie beschreiben. Aratinga
acuticaudata (etwa "der spitzschwänzige") ist so ein Beispiel. Hier
sieht man auch gut, das wissenschaftliche und populäre Namen nichts
miteinander zu tun haben müssen. - Es handelt sich um den
Blaukopfsittich.
Andererseits werden aber auch oft "Widmungen" gebraucht. Cyanopsitta
spixii z.B. ist dem bekannten Ornithologen Spix gewidmet.
Bisher haben wir nur von der "Art" gesprochen, die im Prinzip nur ein
abstrakter Begriff ist. Was aber, wenn es sich um einen bestimmten
Vogel handelt? Der wiss. Name eines Vogels ist zwei- oder dreiteilig.
Zweiteilig ist er nur in dem Fall, wenn es sich um eine Vogelart
handelt, die nicht weiter unterteilt werden kann. In diesem Fall
entspricht der Name der Art genau dem Vogelnamen. (n.b. bezeichnet man
solche Arten als "monotypisch")
Kann man aber die Art weiter in Unterarten, salopp "Rassen" gesagt,
unterteilen, wird der einzelne Vogel mit einem dreiteiligen Namen
eindeutig gekennzeichnet. Analog der o.a. Abstufung kennzeichnet der
dritte Namensteil nun die Unterart.
Beispiel Amazona aestiva xanthopteryx - dabei handelt es sich um die
Unterart der Blaustirnamazone, die im Flügelbug und an der Schulter
auch gelbe Federn trägt. -
Um das ganze noch etwas komplizierter zu machen, gibt es den
Sonderfall der Nominatform. Dabei handelt es sich um die Unterart,
deren Name namensgebend für die Art war. Auch dreiteilig, jedoch sind
2. und 3. Namensteil gleich. Nicht wissenschaftlich exakt, aber der
Bequemlichkeit halber wird leider oft hier der dritte Namensteil
weggelassen, obwohl es Unterarten gibt.
Beispiel Amazona aestiva aestiva - die Blaustirnamazone mit rein rotem
Flügelbug und rein roter Schulter.
Zum überwiegenden Teil ist logischerweise die Nominatform die zuerst
entdeckte Unterart.
Wir merken uns: Besteht die Art nur aus einem Vogeltypus, so ist der
Artname identisch mit dem Vogelnamen. Besteht die Art aus mehreren
Vogeltypen (eben Unterarten) so ist die Artbezeichnung nur ein
Oberbegriff.
Zusätze
Zusätzlich zu diesen Regeln, wird zu den
einzelnen Taxa meist auch noch der Name des Erstbeschreibers sowie
das Veröffentlichungsjahr hinzugesetzt. Somit kann man auch in
entsprechenden Listen die Originalbeschreibung des Vogels
wiederfinden.
Beispiel Melopsittacus undulatus (Shaw, 1805) - der
allseitsbekannte
Wellensittich, monotypische Art. Die gültige Originalbeschreibung
findet sich demnach bei Shaw, 1805 in: The naturalists' miscellany: or
Coloured figures of natural objects; drawn and described immediately
from nature. 24 vols. 1790-1813
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Ausblick
Das oben erläuterte System beschreibt die Papageien so, wie sie sich
uns zur Zeit darstellen. An sich ist es praktikabel, was seine
Anwendung/Entwicklung seit Linné bewiesen hat. Aber es lässt einen
wichtigen Gesichtspunkt ausser Acht, nämlich den der Stammesgeschichte.
Im bisherigen System sind die der Art übergeordneten Taxa mehr oder
weniger theoretisch, sie werden von Verallgemeinerungsstufen abgeleitet.
Stammesgeschichtlich gesehen müssten die übergordneten Taxa den
jeweiligen (oft hypothetischen) gemeinsamen Vorfahren repräsentieren.
Damit sind diese systematischen Stufen aber davon abhängig, wie weit
man zurückgeht, und: zur Zeit der Existenz dieses Vorfahren war dieser
auch eine Art, und kein übergeordnetes Taxon. Das klassische System,
dass sich ja zum grossen Teil auf die Definition der Art und der
Art-Namensgebung stützt, lässt sich so nicht mehr aufrecht erhalten.
Eine rein stammesgeschichtliche (phylogenetische) Systematik bedarf
also auch einer neuen Nomenklatur. Entsprechende Entwicklungen sind
zur Zeit (2005) in Arbeit.
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Externe Links
Quellen:
- Benton, M.J.(2000): Stems, nodes, crown clades, and rank-free lists: is
Linnaeus dead? in: Biological Reviews, vol. 75, pp. 633-648; November, 2000
- Hennig, W. (1950): Grundzüge einer Theorie der phylogenetischen Systematik.
Berlin : Deutscher Zentralverl., 1950
- Peterson, A. (2004): World Birds Taxonomic List: Genera and species with
citations.
WWW: Zoonomen.net - Psittaciformes Version 5.04(2004.10.15) - 5.14(2004.12.05)
- Rowley, I., Collar, N.J. (1997): Order Psittaciformes,
in: del Hoyo et al. (eds.): Handbook of the Birds of the World, Vol. 4.
Sandgrouse to Cuckoos,
Barcelona: Lynx Editions, 1997, Pp. 245-477, ISBN 84-87334-22-9
- Willmann, R. (1985): Die Art in Raum und Zeit - Das Artkonzept in der
Biologie und Paläontologie. Berlin; Hamburg: Parey, 1985 (ISBN 3-489-62134-4)
- Wolters, H.E. (1982): Vogelarten der Erde, München: Parey, 1982
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