Beitrag in APN 10/1998 veröffentlicht mit frdl. Genehmigung von Dr. Gerald Mayr,
Senckenberg. Zentrum für Biodiversitätsforschung - Zoologie I / Ornithologie
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Eozäner Papagei aus Messel

Die Paläornithologie, also die Erforschung fossiler Vögel, erlebt in letzter Zeit einen ungeahnten Aufschwung. Mehr als die Hälfte aller bekannten Arten wurde in den vergangenen zwanzig Jahren beschrieben. An einigen Fundstellen sind Vögel keineswegs selten, in Messel zählen sie sogar zu den am häufigsten gefundenen Landwirbeltieren überhaupt - bisher ist allerdings nur ein Bruchteil der Arten wissenschaftlich untersucht worden. Da die Sedimente des Messel-Sees vor etwa 49 Millionen Jahren (im Mittel-Eozän) abgelagert wurden - in einer Zeit, in der sich nach unserer derzeitigen Kenntnis viele der heute lebenden Vogelordnungen bildeten - ist diese Fundstelle für Paläornithologen überaus interessant. Im Zusammenhang mit der kürzlich erfolgten Bearbeitung der racken- und spechtartigen Kleinvögel von Messel erweckte unser Exponat des Monats Januar besonderes Interesse. Es handelt sich hier um das Skelett eines kleinen papageienartigen Vogels.



Ein papageienartiger Vogel aus Messel.. – Aufn.: S. Tränkner.

Die 358 lebenden Arten der Papageien gehören zu einer einzigen Ordnung (Psittaciformes) und unterscheiden sich untereinander weitaus weniger, als die Vertreter der meisten anderen Vogelordnungen. Sie sind heute in ihrer Verbreitung auf die Tropen und Subtropen der Alten und Neuen Welt beschränkt. Erst in diesem Jahrhundert wurde die einzige nordamerikanische Art, der Karolinasittich, vom Menschen ausgerottet. Daß die Verbreitung dieser Ordnung früher einmal anders war, zeigen uns die wenigen Fossilfunde, denn bereits vor mehr als hundert Jahren wurden fossile Papageien, welche sehr stark einigen lebenden Arten ähneln, in miozänen (etwa 25 Millionen Jahren alten) Ablagerungen Frankreichs gefunden. Darüber hinaus liegen unbeschriebene Reste auch aus dem Miozän von Deutschland vor. Ältere, frühtertiäre Papageien waren jedoch bis vor kurzem noch unbekannt, und die Zuordnung der wenigen bisher gefundenen Knochen ist zum Teil sehr fraglich.

Der hier vorgestellte Vogel (dessen Beschreibung in diesem Jahr in den "Senckenbergiana lethaea" erscheint) ist nicht nur der erste papageienartige Vogel aus Messel, sondern auch einer der ältesten bekannten Vertreter der Psittaciformes überhaupt. Er ist etwas kleiner als ein Wellensittich und entspricht in der Größe den kleinsten unter den lebenden Papageien. Das in drei Teile zerfallene Skelett ist nahezu vollständig, nur das rechte Bein fehlt.

Charakteristisch für alle Papageienvögel ist, daß nicht nur - wie bei den meisten übrigen Vögeln - die erste, sondern auch die vierte (äußere) Zehe nach hinten gerichtet ist. Diese Zehenstellung findet sich unter den lebenden Vögeln nur noch bei den Kuckucksvögeln und bei den Spechtartigen - Gruppen, die sich klar gegen den Vogel aus Messel abgrenzen lassen. Bei dem ausgestellten Exemplar ist dieser sehr spezielle Bau des Fußes daran zu erkennen, daß die zweite und dritte Zehe von ihrer Unterseite, die vierte dagegen von der Oberseite zu sehen sind. Zudem liegt die aus insgesamt fünf Gliedern bestehende vierte Zehe zwischen zweiter und dritter Zehe. In einigen anderen Details seines Knochenbaus weicht der Papagei aus Messel aber zum Teil deutlich von seinen lebenden Verwandten ab, was von Vögeln dieses Alters natürlich zu erwarten ist. Der wohl interessanteste Unterschied betrifft den Bau des Schnabels.

Der charakteristische Schnabel der lebenden Papageien stellt ursprünglich wohl eine Anpassung an das Zernagen harter Samenschalen dar. Er ermöglicht es auch ornithologischen Laien, auf Anhieb sagen, ob einer der rezenten Vögel zu den Papageien gehört oder nicht (bei den meisten übrigen Vogelordnungen ist eine solche Zuordnung bedeutend schwieriger). Bemerkenswerterweise ist der Schnabel des Papageienvogels aus Messel aber eher finkenähnlich und unterscheidet sich damit deutlich von dem der lebenden Arten. Er bestätigt Untersuchungen am Verdauungstrakt der rezenten Papageien, die nahelegen, daß sich die Psittaciformes aus ursprünglich unspezialisierten körnerfressenden Vögeln entwickelt haben. In der Schauvitrine ist der Schädel eines Hyazintharas (Anodorhynchus hyacinthinus) ausgestellt, an dem zum Beispiel das kurze und sehr hohe Unterkiefer mit dem viel schlankeren des Messel-Papageis verglichen werden kann.

Insgesamt entspricht der Vogel aus Messel in seinem Erscheinungsbild mehr dem Typus, der durch viele sittichartige Papageien (vor allem dem Wellensittich und den Grassittichen) vertreten wird, als dem stärker spezialisierten Habitus der großen südamerikanischen Papageien (Amazonen und Aras), bei welchen etwa der Lauf deutlich kürzer und gedrungener ist.

Etwas ältere bisher unbeschriebene Vögel, die zu der gleichen Gruppe gehören, sind auch aus dem Unter-Eozän des London Clay in England bekannt. Diese Fundstelle weist bezüglich ihrer Vogelreste viele Parallelen zu Messel auf. Die dort gefundenen Knochen ergänzen sich hervorragend mit den zwar vollständigen, aber mehr oder minder stark zerdrückten Skeletten aus Messel.

Gerald Mayr


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28. November 1997
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