Das Papageienschießen
- kulturhistorischer Exkurs von Detlev Franz -

Ein kleiner Teil der heute bestehenden Schützengilden und -gesellschaften haben ihren Ursprung im hohen Mittelalter als zivile Bürgerwehren. Zum Schutz der aufblühenden Städte mußten sie jederzeit bereit sein, räuberischen Angriffen entgegenzutreten. Die Bedeutung dieser Organisationen ist aber wohl weniger in den 'militärischen' Erfolgen als vielmehr in ihrer gesellschaftlichen Funktion zu suchen. Die von ihnen ausgerichteten Schützenfeste waren fester Bestandteil des städtischen und dörflichen Lebens und zumindest im Mittelalter Feste mit Gauklern, Quacksalbern u.ä. Schaustellern.

Papageienschießen (Holzstich aus dem 17. Jh.)
Papageienschießen (Holzstich aus dem 17. Jh.)

In unserm Themengebiet ist nur das "Papageienschießen" interessant. Das Vogelschießen bzw. das Papageienschießen war schon im Hochmittelalter ein relativ verbreiteter Bauch in Europa. Belege liegen aus England, Schottland, Dänemark, Frankreich, den Gebieten des heutigen Deutschland und der Schweiz vor. Die Trennung zwischen Vogelschießen und Papageienschießen ist dabei nur schwer möglich, wie z.B. ein Blick in das Schriftgut der heute noch existenten St. Sebastianus-Schützenbruderschaft Köln-Flittard zeigt. Hier finden sich der Kollektivbegriff 'Vogel' fast gleichwertig neben der spezielleren Bezeichnung 'Papagei'. Auch bei andern Schützenvereinigungen sieht es ähnlich aus: So wurde das heute noch in Hannover als Volksfest und Schützenfest gefeierte "Papageienschießen" 1581 vom letzten Grafen von Hoya gestiftet, von dem auch der älteste Königsschmuck, ein silberner Papagei an einer Kette stammt.

Die Bedeutung von Schützenfesten in dörflichen Gemeinden spiegelt sich auch in der Benennung des Festplatzes wieder. Und auch hier können Papageien auftauchen: in der Neubrandenburger Stadt Burg Stargard, wird der Denkmalsberg im Volksmund aufgrund der dort ehemals stattfindenden Schützenfeste "Papageienberg" genannt.

Es wird vermutet, daß gegen Ende der Kreuzzüge mit der Verbreitung von Bogen und Armbrust und dem Aufkommen der ersten Schützengesellschaften, die sich zum Beispiel auch Papageiengilde, Papageiengesellschaft oder Papacompanie nannten auch die aus dem Orient von Kreuzfahrern mitgebrachten Papageien übernommen wurden. Geschossen wurde natürlich nicht auf einen Papageien aus Fleisch und Blut, sondern auf einen Holzpapagei.

Schützenschmuck von 1594

Schützenschmuck von 1594
St. Sebastianus-Schützenbruderschaft Köln-Flittard

Der Schützenkönig wurde dann als Papageienkönig bezeichnet und trug einen entsprechenden Schmuck, der zusammen mit Königstafel ehemaliger Schützenkönige an einer Kette um den Hals getragen wurde und auch heute noch getragen wird. Nebenstehende Abbildung zeigt einen solchen Königsschmuck, der aufgrund der unter dem Schwanz stehenden Jahreszahl auf das Jahr 1594 datiert wird und damit aus der Zeit nach der Entdeckung Amerikas stammt.

Einige in Urkunden überlieferten Schützenkönige aus der Zeit vor der Entdeckung Amerikas (und damit der Zunahme der in Europa bekannten Papageienarten) z.B.: Erzherzog Maximilian 1479 in Brügge oder Erzherzog Philipp der Schöne 1490 in Namur belegen, das schon vorher zumindest auf 'Vögel' geschossen wurde.

Den ersten Hinweis auf die Papageienart, die dem Schützenvogel als Vorbild diente, liefert der Verweis auf die Kreuzfahrer: Es dürfte sich wie aus anderen schriftlichen und bildlichen Quellen hervorgeht um Halsbandsittiche oder große Alexandersittiche gehandendelt haben. Doch auch der Schmuck selbst kann hier wichtige Hinweise liefern.

Überlegt man sich, wie der Silberschmied, der den Schützenschmuck anfertigte zur Vorlage seiner Palstik gekommen ist, so bieten sich zwei Möglichkeiten an: er hatte entweder einen leibhaftigen Papagei der ihm Modell gesessen hat (was durchaus nicht so unwahrscheinlich ist wie es sich anhöhrt) oder er griff auf eine andere Abbildung zurück und ergänzte sie vielleicht mit Beobachtungen, die er an andern Vögeln z.B. Haustieren gemacht hat. Gehen wir dieser Frage mal am Beispiel des Köln-Flittarder Schützenschmuck nach. Die geringe anatomische Exaktheit und der schlecht getroffene Habitus lassen mir die zweite Hypothese als wahrscheinlicher erscheien. Und dies eröffnet die Möglichkeit nach der bildlichen Vorlage zu suchen.

Conrad Gesner: Alexandersittich 1554
Conrad Gesner: Alexandersittich (1554)

Das Vorbild für diesen Papagei dürfte wohl eine Abbildung aus Conrad Gesners "Geschichte der Tiere, Drittes Buch, Über die Vögel" aus dem Jahr 1554 sein. Gesner verweist im Text darauf, das der Vogel grün sei und aus Indien käme, er könne wie der antike Schriftsteller Plinius (23-79) schrieb mit menschlicher Stimme reden und werde Sitacus genannt.
Die Ähnlichkeit des Holzstiches zum Silberschmuck besteht besonders in der seltsamen Weise, in der der Schwanz an den Vogel 'angeflanscht' ist. Diese Verbindung von Schwanz und Körper ist in beiden Fällen auf die gleiche Art anatomisch nicht korrekt und bei anderen Papageien die Gesner abbildet nicht zu finden. Bei beiden Vögeln ist auch die Körperhaltung durchaus nicht papageienartig aufrecht, sondern erinnert mich eher an eine Ente, was beim Silberschmuck durch den nach oben gebogenen Schwanz noch versträrkt wird. Dieses wäre einem Betrachter eines lebenden Papageis sicher aufgefallen.

Vergleicht man diese Abbildung zum Beispiel mit einem Ausschnitt aus dem Stich "Adam und Eva" von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1504 oder auch mit Fotos dieses Papageis, so wird die Ähnlichkeit der Fehler noch deutlicher.
Wenn man soweit gehen möchte und den Papagei als Abbildung einer Papageienart und nicht als Synthese als phantasiereiche Konstruktion eines Papageis zu betrachten, scheint mit der Halsbandsittich als Vorbild gedient zu haben.
Es gibt, bzw. gab eine Abbildung einer weiteren Königskette mit Papagei im Internet, bei der der Schwanz des Papageien noch weiter abgewandelt ist und es kaum mehr sinnvoll ist an die Darstellung einer realen Papageienart zu denken.

Graupapagei von 1620
Graupapagei von 1620

Als Gegenprobe kann hier vielleicht ein ebenfalls aus Silber bestehender "Grauer afrikanischer Rotschwanzpapagei" aus dem Jahr 1620 dienen, der in Emden gefertigt wurde. Er wirkt insgesamt realistrischer: die Körperhaltung ist stimmiger, die Kopfzeichnung deutlicher, der Schnabel ist ein echter Papageienschnabel. Graupapagein wurden erstmals von Europäern 1402 auf den Kanarischen Inseln bei Einheimischen beobachtet.

Interessanter weise trägt auch er einen Ring durch den Schnabel. Der Fuß der Kleinplastik weist den Vogel aber als zum stehen auf einer waagrechten Fläche gedacht aus. Auch ein nahezu zeitgleiches Gemälde von Jan Brueghel dem Älteren und Pietr van Avont: Die Heilige Familie in einem Blumenkrans zeigt einen äußerst realistisch dargestellten Graupapagei, so daß zu vermuten ist, das es um 1620 in Europa in Gefangenschaft lebende Graupapageien gab.
 
 
 
 

 

Literatur und Quellen:

Schützenvereine (die Bezeichnung der Links entspricht nicht unbedingt den Seitentiteln)
Linksammlung zu Schützenvereinen
Zur Geschichte des Vogelschießens
Geschichte der Schützenbruderschaft Köln-Flittard
Der Silbervogel der Schützenbruderschaft Köln-Flittard
Volksfeste in Niedersachsen (Veranstaltungskalender)
St. Sebastiani Bruderschaft Ratingen (historisches)
Abbildung einer Taube (?) als Schützenvogel aus dem Jahr 1477
Burg Stargard (Papageienberg)

Literatur:
Schubert, E. (1995): Fahrendes Volk im Mittelalter. Bielefeld
Strunden, H. (1984): Papageien einst und jetzt. Walsrode
Strunden, H. (1992): Alexandersittiche.

Abbildungen:
Anmerkung: Alle Papageien wurden auf den Abbildungen wegen der bessern Vergleichbarkeit mit dem Kopf nach links gedreht.
Papageienschießen Holzschnitt , entnommen aus: Strunden, Alexandersittiche
Schützenschmuck , das Foto wurde mir von Florian Seiffert Schützenbruderschaft Köln-Flittard ) überlasssen dem, bzw. der ich an dieser Stelle danken möchte.
Alexandersittich nach Gesner , bearbeiteter Scan vom Orginal (APN)
Graupapagei aus Weltkunst - Zeitschrift für Kunst und Antiquitäten, vom Februar 1980


 Zur Homepage:
D. Franz (Halsbandsittich@gmx.de)
ArbeitsgemeinschaftPapageien-Netzwerk
 © Februar 2001