Das Papageienbuch
ein kulturhistorischer Exkurs


Viele von uns kennen "Das Papageienbuch" von Rosemary Low als eines der Standardwerke in der Fachliteratur über Papageien. Bei der Suche in Datenbanken oder beim Buchhändler trifft man aber auch oft auf ein ganz anderes Werk mit dem gleichen Titel. Was es damit auf sich hat, soll kurz dargestellt werden.

H.-J. Pfeffer (Mai 2000)



Dieses Papageienbuch geht zurück auf eine indische Märchensammlung, die wahrscheinlich im 12. Jahrhundert in Sanskrit niedergeschrieben wurde. Den Titel "´Sukasaptati = "die siebzig Erzählungen des Papageis" erhielt sie von der Rahmenhandlung. - Ein Kaufmann, der sich auf eine weite Geschäftsreise begeben muss, vertraut einem Papagei die "Aufsicht" über die lebensfrohe Gattin an. Um die Frau daran zu hindern, die Abwesenheit des Gatten für einige Schäferstündchen zu nutzen, erzählt der Papagei ihr Abend für Abend eine spannende Geschichte, die häufig auch mit Versen oder Rätseln durchsetzt ist. Der Situation entsprechend, handeln die meisten Geschichten vom Ehebruch und den entsprechenden Verwicklungen, die teils auf humorige, teils auf belehrende Art gelöst werden. Abend für Abend ist es nach der Geschichte zu spät für die Gattin des Kaufmanns, um noch ihren Geliebten zu besuchen.

Schon Anfang des 13. Jahrhunderts wird diese Sammlung in gekürzter Form ins Persische übersetzt, und später durch den Dichter Nahasabi redigiert. Anstelle der urprünglich 70 Erzählungen enthält sie nun 52, von denen einige aus dem Sindbad-Zyklus (Tausend und eine Nacht) stammen. Die persiche Version erhält den Namen "Tuti nameh", unter dem diese Märchensammlung noch heute in fast ganz Asien bekannt ist.

Das Papageienbuch gelangte in türkischer und persischer Übersetzung im 15.Jahrhundert nach Europa. Die ersten europäischen Übersetzungen wurden in englischer und später auch in deutscher Sprache veröffentlicht. Es gehört zu den Meilensteinen der Weltliteratur.
Das 15. Jahrhundert ist auch für die Papageienkunde ein wichtiger Zeitraum. Das neue Interesse für die Naturwissenschaften, beflügelt auch durch die Erfindung des Buchdrucks, entwickelte eine neue Blickweise auf die Welt. Erstmals erscheinen wissenschaftliche Abhandlungen über die Papageien, in denen ihre Herkunft und Intelligenz ausführlich beschrieben wird. Sicherlich ist das Papageienbuch dem einen oder anderen damaligen Verfasser bekannt gewesen, denn in einigen Werken wird beschrieben, dass Papageien durchaus dichterische Fähigkeiten haben.

(Abb. aus Conrad Gesners "De Avibus" - Scan vom Original 1559)
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Zusammenstellung: H.-J. Pfeffer
Arbeitsgemeinschaft Papageien-Netzwerk
  © Mai 2000