Wenn man die leicht kühlen (17°C) und zugigen Messehallen
betritt, wird man zunächst mit Reihen und Reihen von Ausstellungskäfigen konfrontiert,
in denen nach Pressenotizen insgesamt über 20.000 Vögel präsentiert wurden.
Die Ausstellung selbst war in drei Hallen untergebracht. Eine Halle für die
Papageienartigen, eine Halle für den Zubehörhandel und eine Halle für andere Vögel.
Bei den Papageienartigen dominierte natürlich der Wellensittich, gleich gefolgt vom
Nymphensittich. Man glaubt ja gar nicht, was alles aus den Naturformen, die wir aus
Australien kennen, mittlerweile gezüchtet worden ist! Farbkombinationen,
Körpergrössen, Körperproportionen - die Vielfalt erinnert fast an die der Hunderassen,
die ja eigentlich auch nur auf eine einzige wilde Urform zurückgehen. Die angebotene Vielfalt
besonders bei diesen beiden Vogelarten lässt stark vermuten, dass es nicht einen einzigen
mehr mit natürlichen Genen in Züchterhand gibt. Doppelt so gross muss er sein, und
möglichst abartig (= wörtlich: "anders als die Art") gefärbt sein. Und wenn schon ein grüner
Wellensittich, dann wenigstens gross, und mit soviel Kopfgefieder, dass er kaum die
Augen aufbekommt.
Bei den Vogelarten. die nicht zu den Papageien gehören,
sieht man das gleiche z.B. im Bezug auf den Kanarienvogel. Abgesehen von Färbung und
Grösse, scheinen hier storchenartigen Proportionen - eben mit überlangen Beinen - in
Mode zu kommen. Aber zurück zu den Papageien.
Grosspapageien waren zum Teil in Volieren untergebracht,
die sich mehr durch ihre
Raumhöhe, als durch ihre Bewegungsfläche auszeichneten. Seltsamerweise standen diese
Exoten im zugigsten Bereich der Halle. Bei dreiseitigen Abgrenzungen pro Voliere, war das aber
wohl kein Problem. Auch hatte man bei diesen eine Absperrkette gespannt, um den Besucher
nicht allzunah an die Voliere heranzulassen. Mein Eindruck war eher: um die Kinder der Besucher vor
schmerzhaften Bissen zu schützen, wenn sie ihre Finger durch die Gitter stecken. Trotzdem schien
es für manchen Vogel ein fürchterliches Erlebnis. - Hier ein Psittacula,
der die ganze Zeit mit Panikhaltung verbrachte, sobald sich jemand auch nur auf 3m näherte.
Für die kleineren Arten gelten die Regeln, sog. Ausstellungskäfige zu verwenden. Diese
sind auf den beigefügten Bilder auch gut zu erkennen. Üblich ist es, dem Vogel eine
gewisse Menge Futter als Bodenschüttung hineinzugeben, so dass er vier Tage lang
(Anlieferung bis Ablieferung) aus seiner Kloschüssel essen kann. Die Proportion
Vogel/Käfigfläche ist wichtig. Hätte der Vogel zuviel Bewegungraum, hätte der der
Bewertungrichter eine viel schwierigere Aufgabe, den Vogel zu begutachten.
Evtl. würde dann das Stöckchen zum Anheben der Flügel (sind denn auch alle Federn dran?) nicht
mehr hinreichen. Ich hab mich mal bei mir zuhause umgesehen: Bezogen auf meine
Körpergrösse entspricht unsere Einbauküche mit 2,5m x 3m Grundfläche einem wirklich übergrossen
Ausstellungkäfig.
Nach der vorherrschenden Meinung werden von den Züchtern natürlich nur solche Vögel
zur Ausstellung gebracht, die zwei Bedingungen erfüllen: Erstens, sie sind gesund und besonders
prämierungswürdig, und zweitens, sie sind eh auf den Ausstellungstress trainiert. O-Ton (ich zitiere):
- "ein Vogel der hier war, ist für die nächste Schau unbrauchbar und den
kann man das nächste halbe Jahr für die Zucht vergessen ."
- Züchtergespräch am Bücherstand angesichts des Buches Notfallhilfe von Doris Dühr: "Des brauchmer net, da gibts nur eins ..." (die begleitende Geste kann man sich denken) - Beschilderung eines Käfigs: "Vogel sollte Schwanzfedern haben!".
Von wegen Stress: einige der auf solche Ausstellungen "trainierten Vögel" habe ich fotografiert. Hier nur vier Fälle in Auswahl:
es ist auch ein prämierter darunter - und, wie Brigitte Manges (Gitti) bezeugen
kann, sind das keine Einzelfälle!
- auf der Stange kann man nicht schlafen
- völlig verstört, 15 minütige Krampfhaltung, verklebtes Kloakengefieder
- völlig apathisch, scheinbar tot?
- ein Gross-Sittich: prämierte Panik!
Insgesamt aber war die Schau wohl ein voller Erfolg. Die Besucher klopften
an die Käfige, Essensgerüche zogen von
den zwei Beköstigungsständen (- ist Teflon in der Gastronomie verboten???) durch die Halle, und die Luft wurde mit der Zeit auch
zusehens mit Tabak geschwängert. Geht man davon aus, dass viele der Besucher vielleicht doch Züchter waren,
erstaunt es wirklich, wieviele wider besseres Wissen, das ich hier unterstelle,
in den engen Gängen zwischen den Käfigen geraucht haben. Schlimmer noch, dass es kein generelles Rauchverbot
gab. Nicht, dass Sie jetzt denken, ich sei einer der "militanten Nichtraucher" - im Gegenteil, aber bei
Papageien kann ich mich beherrschen!
Zum Abschluss und zur Beruhigung möchte ich aber noch dieses Plakat vorzeigen:
Danke liebe AZ1).!
Übrigens wurden alle Aufnahmen hier ohne Blitz und möglichst mit Zoom gemacht, evtl. lesbare Ausstellernamen an den Käfigen habe ich unkenntlich gemacht.
Generell stellt sich für mich die Frage: Sollte man das Schauwesen der Vogelzüchter
nicht einmal gründlich überdenken, und zu neueren, artgerechteren Formen und
Veranstaltungen finden? Hier geht es m.E. immer noch so zu, wie auf den Vogelbörsen
der Jahrhundertwende! Und überhaupt, wir reden hier nicht nur von Papageien oder Kanarienvögeln, wir reden von Lebewesen!
Noch ein besonderer Hinweis: dies war mein ganz persönlicher Eindruck, den ich hier
geschildert habe. Er kann einfach nicht objektiv sein ...
H.-J. Pfeffer
1) AZ = Vereinigung für Artenschutz, Vogelhaltung und Vogelzucht (AZ) e.V.;
s. -->http://www.azvogelzucht.de
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