| Papageien sind äusserst sensible und intelligente Lebewesen, die
die Gesellschaft von Artgenossen suchen. In Natur leben sie in grossen
Familienverbänden zusammen, nur in der Brutphase trennen sich die
einzelnen Paare von dem Schwarm ab.
In Menschenobhut verliert der Papagei seinen natürlichen Lebensraum,
besonders Wildfänge leiden an der Zwangsumstellung ihres Lebensraums
und dem Entzug ihrer Lebensbedürfnissen, und diese Entbehrungen führen
in vielen Fällen zu psychischen Störungen.
1. Was sind Verhaltensstörungen?
Unter Verhaltensstörungen
versteht man ein "abnormales" oder "gestörtes" Verhalten
eines Papageis, man spricht auch von "psychischen Erkrankungen".
Ein derartiges Verhalten liegt dann vor, wenn das Tier atypische
Auffälligkeiten im Verhalten zeigt, die von der "Norm" abweichen.
Verhaltensstörungen liegen dann vor, wenn man als Ursache für
das "Fehlverhalten" eine medizinische Erkrankung ausschliessen kann. Es
können jedoch, ausgelöst durch eine unerkannte und daher unbehandelten
medizinischen Erkrankung (, z.B. "schleichende" Vergiftungen oder Allergien),
ebenso Verhaltensstörungen zusätzlich auftreten.
Als Verhaltensstörungen gelten
-
Bewegungsstereotypien (z.B. langandauerndes Kopfnicken, "Käfigumwanderungen",
Verdrehen des Kopfes, "Weben" am Gitter)
-
erhöhte Lautäusserungen
-
vermehrte Aggressionen
-
Federrupfen
-
sonstige atypischen Verhaltensweisen
Das deutlichste Merkmal ist, dass die Verhaltensweisen immer über
einen längeren Zeit und ohne ersichtlichen Grund/Zweck (also mehr
"zwanghaft") ausgeführt werden.
Strittig ist immer noch unter den Fachleuten, ob "erlerntes, abnormales"
Verhalten (z.B. Sprechen, Tanzen) als psychische Störung zu
sehen ist. Wenn dieses Verhalten ohne Zwang erworben wurde und ausgeübt
wird, sehe ich es eher als Anpassung an das soziale Miteinander Mensch-Tier.
2. Welche Tiere sind betroffen?
Verhaltensstörungen können bei allen Papageien auftreten. Auffällig
häufig jedoch treten diese Störungen bei Grosspapageien auf,
z.B. Aras, Kakadus und Graupapageien.
3. Ursachen
Als Ursachen gelten Stress, Angst und Frust - meist ausgelöst durch
unzureichende Haltungsbedingungen:
Unterbringung
- Bewegungungsmangel (zu kleiner Käfig/Voliere und vor allem bei
fehlendem längerdauerndem Freiflug)
- Beschäftigungsmangel und dadurch entstehende Langweile
- zu lange oder kurze Helligkeitsphasen (Schlaf- und Ruhestörung)
- schädigende Umwelteinflüsse
- zu laute und "hektische" Umgebung
- unzureichende Temperatur und Luftfeuchtigkeit
- Duftstoffe und Gifte (z.B. Tabakrauch, Raumsprays, Pflanzenduftstoffe)
fehlender oder wechselnder Artgenosse/Bezugsperson ("Wandervögel")
- Einsamkeit und Langeweile, Trauer
- sexuelle Frustration
Handlingsfehler des/der Halter und/oder des/der Züchter
- ungeeignete Erziehungsmassnahmen (z.B. Schlagen, Verdunkeln des Papageis
als Strafe)
- ungeeignete Haltungsmassnahmen (z.B. Flügelstutzen, Ketten-
oder Papageienleinen-Haltung)
- Verständigungsmangel in der Mensch-Papagei-Beziehung
- Zwangs-Zuchten
- Zwangs-Brutabbrüche
- Zwangs-Verpaarungen
- Fehlprägung bei handaufgezogenen Papageien (siehe hierzu
Bericht R.Sistermann unter Quellennachweis 3.)
)
unerkannte/unbehandelte Primär-Erkrankungen
Nicht nur ein länger andauernder Zustand, sondern auch
oft ein Einmal-Erlebnis, kann solche dauerhaften Verhaltensstörungen
(Trauma) auslösen. Z.B. wird auch das Ausstellungswesen
(Vogelausstellungen und -börsen) als mögliche Ursache
für (erworbene!) Verhaltensstörungen in Betracht gezogen
(Quellennachweis 2.) und auch Bericht
Vögel,
Vögel, Vögel ).
4. Wie oder woran erkennt der Halter/Pfleger eine Verhaltensstörung?
Eine bereits bei der Anschaffung des Papageis domestikationsbedingt vorhandene
Verhaltensstörung ist zuerst nur schwer zu erkennen,
wenn diese Störung nicht bereits schon in einem fortgeschrittenem
Stadium unverkennbare Anzeichen wie Rupfen, Dauerschreien, extreme
Aggresivität etc. aufzeigt. Viele Verhaltensstörungen
"reifen" langsam und treten erst zu einem späteren Zeitpunkt
zu Tage. Diese vorhandenen Störungen treten gehäuft
bei den der Natur entnommenen Tiere (Wildfänge) auf.
Daher ist es bereits vor/bei der Anschaffung eines Papageis
wichtig, dessen Vorgeschichte so lückenlos wie möglich,
zu kennen, um die als möglichen Ursachen bekannten Haltungs-
und Handlingsfehler ausschliessen zu können. Die wenigsten,
wenn überhaupt, vorhandenen Verhaltensstörungen zeigen
Jungtiere, die von einem verantwortungsvollem Züchter im
Eltern- und Geschwisterverbund grossgezogen und nach Erreichen
der Futterfestigkeit direkt an die Halter/Pfleger abgegeben
werden.
Von erworbener Verhaltensstörung spricht man dann, wenn
die Störung, sondern durch Haltungs-
oder Handlingsfehler verursacht wurde.
Die Tiere zeigen ein langsam oder auch plötzlich auftretendes,
verändertes, meist als "abnormal" bezeichnetes Verhalten auf, welches
für den Halter/Pfleger oft nicht als "Verhaltungsstörung" erkannt
wird.
Ein Papagei, der ständig und zwanghaft mit dem Kopf nickt, der
im Käfig "Purzelbäume" schlägt, der am Käfigboden scharrt,
wird leider nur zu oft als "tanzender", "turnender" und "sandkastenspielender"
Clown gesehen, nur ein erfahrener Halter erkennt darin schon eine (leichte)
Verhaltensstörung.
Leider wird eine Störung im Verhalten eines Papageis erst dann
erkannt, wenn sie für den Halter "sichtbar, unüberhörbar
oder spürbar" wird, wie z.B. das Federrupfen, Schreien oder Beissen.
5. Was kann für verhaltensgestörte Tiere getan werden?
Zuerst sollten medizische Ursachen mittels eingehender Untersuchung bei einem
auf Papageien spezialisierten Tierarzt abgeklärt und ggfls.
behandelt werden.
Liegt keine medizinische Erkrankung vor, kann man von einer rein erworbenen
oder vorhandenen Verhaltenstörung ausgehen, deren Behandlung dadurch
beginnt, grundsätzlich die Haltungsbedingungen zu überprüfen
und zu optimieren.
Weitere Therapierichtlinien gibt es nicht, diese richten sich
nicht nur nach Art und Ausmass der Störung, sondern auch
ganz individuell auf den "Charaker" des erkrankten Vogel und
sein "ihm eigenes Empfinden".
Zuerst sollte man versuchen, die mögliche(n) Ursache(n)
zu finden. Ursachen also, die dem Tier Angst, Stress oder Frust
bereiten. Das können z.B. neu aufgestellte Zimmerpflanzen,
ein veränderter Standort des Käfigs/der Voliere, der
Verlust des Partners/der Bezugsperson etc. auslösen. Oftmals
sind aber auch Missverständnisse in der Ausdrucksform zwichen
der Mensch-Papageien-Beziehuung die Auslöser solcher Störungen
(z.B. Fehlinterpretation von "Begrüssungsschreien", "Angstbeissen"
und anschliessendes Bestrafen mit Schlagen, Duschen oder Anschreien).
Dazu ist es auch ganz besonders wichtig, das Tier genauestens
zu kennen und zu beobachten, um so ganz viele Informationen
über sein Verhalten und seine Reaktionen zu sammeln. Diese
Beobachtungen, auch wenn sie einem zuerst als unwichtig oder
gar als nicht relevant erscheinen, können ganz wichtige
Hinweise auf die Auslöser geben. Daher ist es ganz wichtig,
das Verhalten des Vogel regelrecht zu "studieren"! Wichtige
Hinweise liefern auch seine Vorgeschichte und seine körperliche
Verfassung.
Mit allen diesen Daten kann man dann versuchen, einen Plan zu
entwickeln, deren Anwendungen oder Versuche dazu führen
sollen, die möglichen Ursachen herauszufiltern und im Idealfall
eine erfolgreiche Behandlung durchführen zu können.
Ferner kann der begleitende Einsatz von hämopathischen
Mitteln, die Gabe von Bachblüten und auch die Farbtherapie,
allerdings wiedrum nur unterstützend, bei der Therapie
von Verhaltensstörungen positiv mitwirken.
Oftmals schliesst eine erfolgreiche Therapie bei einem Papagei
eine Verhaltensänderung des Halters/Pflegers mit ein!
6. Was sollte auf keinen Fall getan werden?
In letzter Zeut werden vermehrt Behandlungsmethoden angewendet, die m.E. weder
unterstützend noch therapeutische Erfolge auf lange Sicht
verzeichnen lassen. Die Verwendung von Psychopharmakas, Elektroschocktherapien
oder mechanische Hilfsmittel (Halskrause) mögen das Fehlverhalten
für die Dauer der Verabreichung zwar aus Sicht des Halters
korrigieren, aber sie beheben die Ursache der Störung nicht,
sie können sie aber auch häufig noch verschlimmern.
Diese sollten nur im äussersten Notfall angewandt werden,
um körperliche Schädigungen kurzfristig zu verhindern.
Chirurgische Eingriffe mögen aus Sicht des Halters das eigentliche
Fehlverhalten beheben, aber diese Eingriffe in die Persönlichkeit
des Papageis ziehen wiederum weitere schwere Verhaltensstörungen
nach sich, die jedoch dann irreparabel sind.
7. Nachwort
Sicherlich sollte das Augenmerk jedes Halter/Pflegers auf der Prophylaxe
liegen, um Verhaltensstörungen zu verhindern. Denn die Therapie, neben
der langwierigen Ursachenforschung, kann Jahre dauern. Lt. Literaturangaben
sind jedoch 70 % aller Störungen, wenn sie rechtzeitig erkannt werden,
erfolgreich zu therapieren. Die Schwierigkeit liegt oftmals am Erkennen
selbst: was dem einen Papagei einen Riesenspass bereitet, kann dem
anderen eine furchtbare Angst einjagen. Das können ganz für uns
Menschen unbedeutende Dinge sein, z.B. das Aufstellen einer Zimmerpflanze,
das Umstellen der Möbel, etc. Man kann manche Lebensumstände
nicht ändern (z.B. Störungen nach einem Wohnungswechsel), aber
man kann dann versuchen, dem Papagei behutsam seine Angst vor Veränderung
nehmen. Es gibt daher keine allgemein gültigen Rezepte, es gibt auch
keine allgemein gültigen Angaben über die Art und die Zeit der
Therapie. Will man einem erkranktem Tier helfen, so braucht man ein sehr
starkes Einfühlungsvermögen und vor allem GEDULD.
Nicht immer ist es ratsam, einem bereits auffallend verhaltensgestörtem
Einzelpapagei einen Artgenossen als Therapiemassnahme hinzuzugesellen,
da diese neue Situation die Störung auch verschlimmern
könnte. Es ist auffallend, dass die meisten verhaltensgestörten
Tiere aus Einzelhaltung stammen. Aus diesem Grund sollten Papageien
immer wenigstens paarweise gehalten werden, und das so früh
und schnell wie möglich. Denn auch bei Papageien gilt:
geteiltes Leid ist halbes Leid!
In weiteren Berichten will ich dann näher auf die einzelnen Störungen
eingehen und hierzu Wege aufzeigen, wie man die Ursachen herausfiltern
und ggfls. beheben kann.
8. Quellen
1.) H.Pinter - Handbuch der Papageienkunde (Franck-Kosmos Verlag,
Stuttgart)
2.) W.Lantermann - Verhaltensstörungen bei
Papageien (Enke Verlag, Stuttgart)
3.) R.Sistermann - Studie
zur Fehlprägung handaufgezogener Papageien (Zusammenfassung)
4.) M.Bürkle - Handaufzuchten in der Papageienzucht-Übel
oder Wohltat? (Papageien 1994, Heft 1)
5.) B.M.Doane & T.Qualkinbush - My Parrot. My
Friend (Howell Book House, MacMillan/USA)
6.) B.Dorenkamp - NaturheilPraxis Vögel (GU-Verlag)
7.) Mattie Sue Athan - Guide To A Well-Behaved Parrot
(BARRON'S, New York/USA) |