Verhaltensstörungen 
bei  Papageien

eine Zusammenfassung von 
© 2001 Brigitte Manges

Papageien sind äusserst sensible und intelligente Lebewesen, die die Gesellschaft von Artgenossen suchen. In Natur leben sie in grossen Familienverbänden zusammen, nur in der Brutphase trennen sich die einzelnen Paare von dem Schwarm ab. 

In Menschenobhut verliert der Papagei seinen natürlichen Lebensraum, besonders Wildfänge leiden an der Zwangsumstellung ihres Lebensraums und dem Entzug ihrer Lebensbedürfnissen, und diese Entbehrungen führen in vielen Fällen zu psychischen Störungen.

1. Was sind Verhaltensstörungen?

Unter Verhaltensstörungen versteht man ein "abnormales" oder "gestörtes" Verhalten eines Papageis, man spricht auch von "psychischen Erkrankungen". Ein derartiges Verhalten liegt dann vor, wenn das Tier atypische Auffälligkeiten im Verhalten zeigt, die von der "Norm" abweichen. 
Verhaltensstörungen liegen dann vor, wenn man als Ursache für das "Fehlverhalten" eine medizinische Erkrankung ausschliessen kann. Es können jedoch, ausgelöst durch eine unerkannte und daher unbehandelten medizinischen Erkrankung (, z.B. "schleichende" Vergiftungen oder Allergien), ebenso Verhaltensstörungen zusätzlich auftreten.

Als Verhaltensstörungen gelten 

  • Bewegungsstereotypien (z.B. langandauerndes Kopfnicken, "Käfigumwanderungen", Verdrehen des Kopfes, "Weben" am Gitter)
  • erhöhte Lautäusserungen 
  • vermehrte Aggressionen 
  • Federrupfen
  • sonstige atypischen Verhaltensweisen
Das deutlichste Merkmal ist, dass die Verhaltensweisen immer über einen längeren Zeit und ohne ersichtlichen Grund/Zweck (also mehr "zwanghaft") ausgeführt werden.
Strittig ist immer noch unter den Fachleuten, ob "erlerntes, abnormales" Verhalten (z.B. Sprechen, Tanzen)  als psychische Störung zu sehen ist. Wenn dieses Verhalten ohne Zwang erworben wurde und ausgeübt wird, sehe ich es eher als Anpassung an das soziale Miteinander Mensch-Tier. 
 

2. Welche Tiere sind betroffen?

Verhaltensstörungen können bei allen Papageien auftreten. Auffällig häufig jedoch treten diese Störungen bei Grosspapageien auf, z.B. Aras, Kakadus und Graupapageien. 
 

3. Ursachen 

Als Ursachen gelten Stress, Angst und Frust - meist ausgelöst durch unzureichende Haltungsbedingungen:

Unterbringung
- Bewegungungsmangel (zu kleiner Käfig/Voliere und vor allem bei fehlendem längerdauerndem Freiflug)
- Beschäftigungsmangel und dadurch entstehende Langweile
- zu lange oder kurze Helligkeitsphasen (Schlaf- und Ruhestörung)
- schädigende Umwelteinflüsse
- zu laute und "hektische" Umgebung
- unzureichende Temperatur und Luftfeuchtigkeit
- Duftstoffe und Gifte (z.B. Tabakrauch, Raumsprays, Pflanzenduftstoffe)

fehlender oder wechselnder Artgenosse/Bezugsperson ("Wandervögel")
- Einsamkeit und Langeweile, Trauer
- sexuelle Frustration

Handlingsfehler des/der Halter und/oder des/der Züchter
- ungeeignete Erziehungsmassnahmen (z.B. Schlagen, Verdunkeln des Papageis als Strafe)
- ungeeignete Haltungsmassnahmen (z.B. Flügelstutzen, Ketten- oder Papageienleinen-Haltung)
- Verständigungsmangel in der Mensch-Papagei-Beziehung
- Zwangs-Zuchten
- Zwangs-Brutabbrüche
- Zwangs-Verpaarungen 
- Fehlprägung bei handaufgezogenen Papageien (siehe hierzu Bericht R.Sistermann unter Quellennachweis 3.)

unerkannte/unbehandelte Primär-Erkrankungen 

Nicht nur ein länger andauernder Zustand, sondern auch oft ein Einmal-Erlebnis, kann solche dauerhaften Verhaltensstörungen (Trauma) auslösen. Z.B. wird auch das Ausstellungswesen (Vogelausstellungen und -börsen) als mögliche Ursache für (erworbene!) Verhaltensstörungen in Betracht gezogen (Quellennachweis 2.) und auch Bericht Vögel, Vögel, Vögel ). 
 
 

4. Wie oder woran erkennt der Halter/Pfleger eine Verhaltensstörung?

Eine bereits bei der Anschaffung des Papageis domestikationsbedingt vorhandene Verhaltensstörung ist zuerst nur schwer zu erkennen, wenn diese Störung nicht bereits schon in einem fortgeschrittenem Stadium unverkennbare Anzeichen wie Rupfen, Dauerschreien, extreme Aggresivität etc. aufzeigt. Viele Verhaltensstörungen "reifen" langsam und treten erst zu einem späteren Zeitpunkt zu Tage. Diese vorhandenen Störungen treten gehäuft bei den der Natur entnommenen Tiere (Wildfänge) auf. 

Daher ist es bereits vor/bei der Anschaffung eines Papageis wichtig, dessen Vorgeschichte so lückenlos wie möglich, zu kennen, um die als möglichen Ursachen bekannten Haltungs- und Handlingsfehler ausschliessen zu können. Die wenigsten, wenn überhaupt, vorhandenen Verhaltensstörungen zeigen Jungtiere, die von einem verantwortungsvollem Züchter im Eltern- und Geschwisterverbund grossgezogen und nach Erreichen der Futterfestigkeit direkt an die Halter/Pfleger abgegeben werden.

Von erworbener Verhaltensstörung spricht man dann, wenn die Störung, sondern durch Haltungs- oder Handlingsfehler verursacht wurde.

Die Tiere zeigen ein langsam oder auch plötzlich auftretendes, verändertes, meist als "abnormal" bezeichnetes Verhalten auf, welches für den Halter/Pfleger oft nicht als "Verhaltungsstörung" erkannt wird.
Ein Papagei, der ständig und zwanghaft mit dem Kopf nickt, der im Käfig "Purzelbäume" schlägt, der am Käfigboden scharrt, wird leider nur zu oft als "tanzender", "turnender" und "sandkastenspielender" Clown gesehen, nur ein erfahrener Halter erkennt darin schon eine (leichte) Verhaltensstörung.

Leider wird eine Störung im Verhalten eines Papageis erst dann erkannt, wenn sie für den Halter "sichtbar, unüberhörbar oder spürbar" wird, wie z.B. das Federrupfen, Schreien oder Beissen.
 

5. Was kann für verhaltensgestörte Tiere getan werden? 

Zuerst sollten medizische Ursachen mittels eingehender Untersuchung bei einem auf Papageien spezialisierten Tierarzt abgeklärt und ggfls. behandelt werden.

Liegt keine medizinische Erkrankung vor, kann man von einer rein erworbenen oder vorhandenen Verhaltenstörung ausgehen, deren Behandlung dadurch beginnt, grundsätzlich die Haltungsbedingungen zu überprüfen und zu optimieren.

Weitere Therapierichtlinien gibt es nicht, diese richten sich nicht nur nach Art und Ausmass der Störung, sondern auch ganz individuell auf den "Charaker" des erkrankten Vogel und sein "ihm eigenes Empfinden".

Zuerst sollte man versuchen, die mögliche(n) Ursache(n) zu finden. Ursachen also, die dem Tier Angst, Stress oder Frust bereiten. Das können z.B. neu aufgestellte Zimmerpflanzen, ein veränderter Standort des Käfigs/der Voliere, der Verlust des Partners/der Bezugsperson etc. auslösen. Oftmals sind aber auch Missverständnisse in der Ausdrucksform zwichen der Mensch-Papageien-Beziehuung die Auslöser solcher Störungen (z.B. Fehlinterpretation von "Begrüssungsschreien", "Angstbeissen" und anschliessendes Bestrafen mit Schlagen, Duschen oder Anschreien).

Dazu ist es auch ganz besonders wichtig, das Tier genauestens zu kennen und zu beobachten, um so ganz viele Informationen über sein Verhalten und seine Reaktionen zu sammeln. Diese Beobachtungen, auch wenn sie einem zuerst als unwichtig oder gar als nicht relevant erscheinen, können ganz wichtige Hinweise auf die Auslöser geben. Daher ist es ganz wichtig, das Verhalten des Vogel regelrecht zu "studieren"! Wichtige Hinweise liefern auch seine Vorgeschichte und seine körperliche Verfassung. 
Mit allen diesen Daten kann man dann versuchen, einen Plan zu entwickeln, deren Anwendungen oder Versuche dazu führen sollen, die möglichen Ursachen herauszufiltern und im Idealfall eine erfolgreiche Behandlung durchführen zu können. 
Ferner kann der begleitende Einsatz von hämopathischen Mitteln, die Gabe von Bachblüten und auch die Farbtherapie, allerdings wiedrum nur unterstützend, bei der Therapie von Verhaltensstörungen positiv mitwirken.

Oftmals schliesst eine erfolgreiche Therapie bei einem Papagei eine Verhaltensänderung des Halters/Pflegers mit ein! 


6. Was sollte auf keinen Fall getan werden?

In letzter Zeut werden vermehrt Behandlungsmethoden angewendet, die m.E. weder unterstützend noch therapeutische Erfolge auf lange Sicht verzeichnen lassen. Die Verwendung von Psychopharmakas, Elektroschocktherapien oder mechanische Hilfsmittel (Halskrause) mögen das Fehlverhalten für die Dauer der Verabreichung zwar aus Sicht des Halters korrigieren, aber sie beheben die Ursache der Störung nicht, sie können sie aber auch häufig noch verschlimmern. Diese sollten nur im äussersten Notfall angewandt werden, um körperliche Schädigungen kurzfristig zu verhindern. Chirurgische Eingriffe mögen aus Sicht des Halters das eigentliche Fehlverhalten beheben, aber diese Eingriffe in die Persönlichkeit des Papageis ziehen wiederum weitere schwere Verhaltensstörungen nach sich, die jedoch dann irreparabel sind.
 

7. Nachwort

Sicherlich sollte das Augenmerk jedes Halter/Pflegers auf der Prophylaxe liegen, um Verhaltensstörungen zu verhindern. Denn die Therapie, neben der langwierigen Ursachenforschung, kann Jahre dauern. Lt. Literaturangaben sind jedoch 70 % aller Störungen, wenn sie rechtzeitig erkannt werden, erfolgreich zu therapieren. Die Schwierigkeit liegt oftmals am Erkennen selbst:  was dem einen Papagei einen Riesenspass bereitet, kann dem anderen eine furchtbare Angst einjagen. Das können ganz für uns Menschen unbedeutende Dinge sein, z.B. das Aufstellen einer Zimmerpflanze, das Umstellen der Möbel, etc. Man kann manche Lebensumstände nicht ändern (z.B. Störungen nach einem Wohnungswechsel), aber man kann dann versuchen, dem Papagei behutsam seine Angst vor Veränderung  nehmen. Es gibt daher keine allgemein gültigen Rezepte, es gibt auch keine allgemein gültigen Angaben über die Art und die Zeit der Therapie. Will man einem erkranktem Tier helfen, so braucht man ein sehr starkes Einfühlungsvermögen und vor allem GEDULD. 

Nicht immer ist es ratsam, einem bereits auffallend verhaltensgestörtem Einzelpapagei einen Artgenossen als Therapiemassnahme hinzuzugesellen, da diese neue Situation die Störung auch verschlimmern könnte. Es ist auffallend, dass die meisten verhaltensgestörten Tiere aus Einzelhaltung stammen. Aus diesem Grund sollten Papageien immer wenigstens paarweise gehalten werden, und das so früh und schnell wie möglich. Denn auch bei Papageien gilt: geteiltes Leid ist halbes Leid! 

In weiteren Berichten will ich dann näher auf die einzelnen Störungen eingehen und hierzu Wege aufzeigen, wie man die Ursachen herausfiltern und ggfls. beheben kann. 
 

8. Quellen

1.) H.Pinter - Handbuch der Papageienkunde (Franck-Kosmos Verlag, Stuttgart) 
2.) W.Lantermann - Verhaltensstörungen bei Papageien (Enke Verlag, Stuttgart)
3.) R.Sistermann - Studie zur Fehlprägung handaufgezogener Papageien (Zusammenfassung)
4.) M.Bürkle - Handaufzuchten in der Papageienzucht-Übel oder Wohltat? (Papageien 1994, Heft 1)
5.) B.M.Doane & T.Qualkinbush - My Parrot. My Friend (Howell Book House, MacMillan/USA)
6.) B.Dorenkamp - NaturheilPraxis Vögel (GU-Verlag)
7.) Mattie Sue Athan - Guide To A Well-Behaved Parrot (BARRON'S, New York/USA)
 
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© Brigitte Manges
    Mai 2001
Arbeitsgemeinschaft Papageien-Netzwerk 
  APN Beitrag 06/2001