Der Wellensittich - eine kleine Kulrugeschichte

Obwohl erst im 19. Jahrhundert von europäischen Wissenschaftlern "entdeckt" hat kein papageienartiger Vogel so schnell und in so grosser Zahl die Herzen der Menschen erobert wie der Wellensittich. Von den in Gefangenschaft gehaltenen Papageien ist er mit Abstand der beliebteste. Seine euopäisch/deutsche Geschichte soll hier kurz vorgestellt werden.

Entdeckungsreisen Australiens
Teile Australiens, der Heimat des Wellensittichs wurden bereits 1644 von dem holl. Seefahrer und Entdecker Tasman1) entdeckt, der bereits ein Jahr zuvor die nach ihm benannte Insel Tasmanien umsegelte und die Nordküste von Neuseeland erkundete. Weitere Entdeckungsfahrten u.a. mit so berühmten Expeditionsführern wie James Cook2) sollten im 18. Jahrhundert folgen. Das Landesinnere wurde jedoch erst im 19. Jahrhundert erforscht. Und hier beginnt auch die Geschichte des Wellensittichs, der um 1830 zum ersten Mal nach Europa kommen sollte. 1831 wurde der erste europäische Wellensittich in London im Museum der Linne-Gesellschaft als ausgestopftes Exemplar ausgestellt.


Kupferstich 1866
Wellensittiche lebend nach Europa zu bringen erwies sich aufgrund der langen Seereise als sehr schwierig, auch, weil man nicht wusste, welche Bedürfnisse zur Lebenserhaltung notwendig waren. Der Ornithologe John Gould3) war der erste, der lebende Wellensittiche nach Europa bringen konnte. Seinem Schwager sollten auch die ersten Brutversuche gelingen. Die Geschichte unseres kleinen Papageis oder Grassittichs - seine tatsächliche Verwandschaftsbeziehung zu den anderen Papageien ist immer noch umstritten - beginnt also etwa um 1840, nimmt aber dann einen stürmischen Aufschwung. Ausgangspunkt für die Eroberung Europas durch den Wellensittich war Antwerpen, der Dreh- und Angelpunkt für den Handel mit exotischen Vögeln zur damaligen Zeit. Hier im Zoo wurden lebende Wellensittiche zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt.

Etwa zehn Jahre nach Gould begann der Run auf diese Papageienart. Die bisher wenigen Zuchterfolge, die mehr dem wissenschaftlichen Interesse galten, konnten den Wunsch nach mehr und mehr Wellensittichen nicht erfüllen. Sie wurden zu 100.000enden aus Australien importiert. Rechnet man einen Verlust von im günstigsten Fall 30% während der langen Schiffreise, bekommt man eine Vorstellung davon, welch ein Kahlschlag damals die natürlichen Populationen traf. Und das, obwohl der Wellensittich als Teilzieher der Wüstenrandgebiete Australiens durchaus nicht immer einfach anzutreffen war. Andererseits kam die Grösse seiner Schwärme (bis zu 5.000 Individuuen und mehr) den Fängern natürlich zu Gute.

Im Jahre 1894 sah sich die australische Regierung gezwungen. diesem Massenexport per Gesetz Einhalt zu gebieten, um die wilden Wellensittiche vor der Ausrottung zu schützen. Generell darf seit dieser Zeit kein Wellensittich mehr aus Australien ausgeführt werden. D.h. unter anderem auch, dass alle unsere heutigen Haus- und Zuchtwellensittiche auf den damals in Europa vorhandenen , wenn auch zugegebenermassen vielfältigen - Genpool dieser Vögel zurückgehen. Eine weitere Konsequenz der hohen Nachfrage waren Zuchtfarmen, in denen Wellensittiche regelrecht produziert wurden. Schliesslich winkte Profit: Europa wurde von Südfrankreich aus mit Wellensittichen versorgt. Allein in zwei Zuchtbetrieben arbeiteten zwischen 80.000 und 100.000 Wellensittiche an der Produktion für den Markt4).

Die Massenzucht offenbarte auch das Mutationspotential des Wellensittichs. Nachdem in Deutschland zum ersten Mal 1855 Wellensittiche überhaupt gezüchtet werden konnten, gab es die ersten gelben Wellensittiche schon um 1875. Der erste rein blaue Wellensittich wurde 1878 gezüchtet. Seitdem gibt es viele verschiedene festgeschriebene Farbschläge, die hier schon aus Platzgründen nicht alle aufgezählt werden können. Die feste Etablierung dieser Farbschläge in Zuchtreihen beginnt etwa in den 1920er Jahren mit der Gründung des Deutschen Wellensittichzüchter Vereins (DWV), der sich auch der damals neu geründeten AZ anschloss.

Dies ist wohl auch der Zeitpunkt, zu dem die beiden Wellensittichrassen "Heimvogel" (M. undulatus domesticus) und "Zuchtvogel" (M. undulatus productus) entstanden sind. Die Angabe der wiss. Namen hier ist rein fiktiv: künstliche Rassen werden so nicht bezeichnet. Es soll hier nur deutlich gemacht werden, dass sich mittlerweile die Zucht von Wellensittichen für den Heimtierbedarf von der Zucht spezieller Mutationen getrennt hatte. Auf der einen Seite der billige Massenvogel für den Haustiermarkt, auf der der anderen Seite der genetisch hochspezialisierte Wellensittich, zu dessen speziellem Farbschlag und Habitus der Züchter Generationen von Vögeln verpaart hat.

Von den speziellen Vererbungstechniken und Begriffen soll hier nicht die Rede sein, das kann man in der Fachliteratur ausführlicher nachlesen, z.B. in der unter 6) angegebenen Quelle. Durch die politische Situation und den zweiten Weltkrieg wurden die europäischen Wellensittichzüchter in den einzelnen Ländern bis in die 1950er Jahre hinein isoliert. In Deutschland züchtete man in der Hauptsache die Farbschläge, während sich englische Züchter besonders auf den Habitus, sprich Körpergrösse und Körperhaltung des Vogels spezialisiert hatten. Der englische Wellensittich war gut ein Drittel grösser als der deutsche!

Nach und nach wurden die "Engländer" in die deutschen Zuchtreihen übernommen, auch der deutsche Wellensittich übertraf nun die Naturform an Grösse. Die 50er Jahre brachten auch die ersten Bundesschauen der Wellensittichzüchter, in denen in wachsender Zahl die ausgestellten Wellensittiche nach bestimmten Kriterien bewertet wurden. Die Züchter hatten so die Gelegenheit, ihre Leistungen direkt miteinander zu vergleichen. 1959 ist dann wohl das Geburtsjahr des heutigen Standardwellensittichs (eben des Zuchtsportvogels, nicht des Haustiers). Die "Deutsche Standard-Wellensittich-Züchtervereinigung" (DSV) wurde gegründet.

In der Folge wurden bis heute öfter die Standards und Bewertungskriterien, wie ein guter Wellensittich auszusehen habe, geändert. Die Bundesschauen, die mit 35 Wellensittichen begannen (DWV 1952) umfassen heute mehrere tausend ausgestellte Vögel. Ob sich allerdings die Austellungsbedingungen für die Vögel selbst seit dieser Zeit verbessert haben, scheint zumindest fraglich. Zur Philosophie des Schauwesens möchte ich Georg Radtke (1983) zitieren: "Medaillen, ob aus Blech oder Gold, dto. Wanderpokale, Rosetten etc. sind im Grunde nur Mittel zum Zweck, weil nun einmal viele Menschen diese sportlichen Wettbewerbsandenken lieben. So aber bekommt man sie dazu, ihre Vögel auf breiter Ebene zu zeigen." Und besonders: "Nur so ist es auf Dauer möglich, eine Art oder Rasse in Menschenhand durch möglichst objektive Beurteilung, durch den zwangsläufig damit verbundenen Leistungsdruck auch nach Gesundheit, Gefiederbeschaffenheit etc. zu fördern, im Sinne vieler weiterer Vogelgenerationen, letzten Endes auch für alle, die nach uns kommen, und das sind viele in dieser naturverarmenden Zeit."6)

Man kann über das Schauwesen (darauf ziehlt ja die Sportzucht) geteilter Meinung sein. Aber dadurch dass Grosszüchter, eben die, die den Markt mit Heimtier-Wellensittichen versorgen, oftmals solche Vögel mit in ihre Zucht integrieren, zeigt sich heute der Heimtier-Wellensittich in seiner extrem vielfältigen Form und Grösse. Er hat nichts mehr mit seinen wilden australischen Vorfahren gemeinsam.
Fussnoten:
1) Tasman, Abel Janszoon (1602-1659), holl. Seefahrer, entddeckte Neuseeland, Tasmanien, Fidschii u.a.; besegelte 1640/42 die Nord- u. Westküste Australiens
2) Cook, James (1728-1779), brit. Weltumsegler und Expeditionsleiter
3) Gould, John, (1804-1881), brit, Ornithologe, s: APN Beitrag 10/2000
4) Birmelin, I. u. A. Wolter: Wellensittiche, G & U 1985,
ISBN 3-7742-1226-0
5) Radtke, Georg A.: Handbuch für Wellensittichfreunde, Stuttgart: Franckh 1988,
ISBN 3-440-05842-5
6) Radtke, Georg A.: Zur Geschichte der deutschen Wellensittichzucht ...,
Gefiederte Welt 107.1983 S. 78-79
Zur Homepage: 
H.-J. Pfeffer
Arbeitsgemeinschaft Papageien-Netzwerk
  © Januar 2001