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Der Systematiker Blues
Abstimmung der Instrumente:
nach neueren Listen soll es ca. 85 Genera, 365 Arten und
571 Unterarten von Papageien geben (Die Zahlen ändern sich fast monatlich).
Das sind eine Menge verschiedener
Typen, die
irgendwie zusammengehören und die sich von anderen Vögeln durch
bestimmte
Merkmale unterscheiden. Soweit, so gut, aber wie gehören sie nun als
grosse Gruppe (Ordnung Psittaciformes) zusammen?
Die Taxonomen sind die Ordnungsfanatiker im Chaos der Natur. Ihr
Problem ist
immer der Ansatz oder die Frage, womit fange ich an? Prinzipiell geht
es ja
darum, was in welchen Schrank und welche Schublade einzusortieren ist.
Nur, nach
welchen Gesichtspunkten soll diese Sortierung geschehen? Der
Einfachheit halber
könnte man alle langschwänzigen Papageienvögel zusammenfassen und
getrennt dazu
alle kurzschwänzigen. Teilt man diese Gruppen noch nach Grösse oder
vorherrschender Gefiederfarbe auf, hätte man schon ein
Ordnungsprinzip, das
irgendwie funktioniert, und sogar häufig bei den umgangssprachlichen
Bezeichnungen angewendet wird (Langschwänzig = Sittich, kurzschwänzig
=
Papagei). Doch so einfach ist das nicht, denn man müsste in dem Haufen
der
Papageien schon ziemlich lange nach dem Rostkappenpapagei suchen. Tja,
und dann
gibt es ja auch Papageien mit langen Schwänzen ...
Auftakt:
Der Taxonom oder Systematiker braucht also fein gestaffelte Kriterien
für seine
Arbeit, die er mit bestimmten Gewichtungen auf den einzelnen
Papageientyp
anwenden kann. Natürlich findet er diese wiederum im Chaos der Natur:
Anatomie,
Aussehen, Habitat, Verbreitung, Ernährungsweise sind nur ein paar
Aspekte.
Mit den Möglichkeiten der modernen Forschung kann man wiederum einige
Kriterien
immer feiner staffeln, was die ganze Sache noch mehr verkompliziert.
Hat er sich
aber einmal festgelegt, kann die Sortierei beginnen, und der
Karteischrank mit
Familien, Unterfamilien, Genera, Arten und Rassen gefüllt werden.
1. Strophe:
Nach diesem Auftakt beginnt der eigentliche Blues: Denn es ist
ein
Systematiker (oder eine Gruppe) mit seinem (resp. ihrem)
Ordnungssystem.
Auf den einzelnen Vogel bezogen ist das System zwar neutral, aber nach
aussen
hin eben individuell, was bedeutet, dass im Karteischrank
"Papageienvögel" von
Systematiker A anders sortiert wird, als im Karteischrank von
Systematiker B.
Suchen wir also eine Blaustirnamazone bei A, müssen wir unter
"Neuweltpapageien"
nachsehen, bei B finden wir sie bei den "eigentlichen Papageien". Für
den
einzelnen Systematiker spielt das keine Rolle, er kennt seinen
Karteischrank und
findet alles wieder. In der internationalen Forschungsliteratur kann
dies aber
schon zu einem Problem werden: Nehmen wir an, jemand sucht Literatur
zum
Rotschwanz-Rabenkakadu und befragt die Datenbanken nach
Calyptorhynchus
magnificus. Er bekommt eine Auflistung, in der aber Beiträge fehlen -
nämlich
die vom Calyptorhynchus banksii, womit eben derselbe Vogel gemeint
ist.
Zum Glück gibt es mittlerweile ein paar internationale Regelungen, wie wir
unseren
Karteischrank einrichten sollten, aber "international und zentral"
heisst
gleichzeitig auch "langsam", damit meine ich langsamer als das
Erarbeiten von
Forschungsergebnissen. Und: auf nationaler Ebene, bzw. sogar von
Wissenschaftszentrum zu Wissenschaftszentrum werden verschiedene
Ansätze
gepflegt, ohne Rücksicht auf eine normierte Vorgabe.
Refrain
Bei Papageien ist das noch überschaubar,
aber was ist mit dem Rest der Welt? Denn eigentlich sind Krokodile
Vögel ...
2. Strophe
Bis jetzt haben wir uns den einzelnen Papagei angesehen, und entschieden,
in welche Schublade er passt. Man könnte aber auch einen Schritt weitergehen.
Fragen wir mal nicht nach Aussehen, Anatomie, Lebenweise etc. sondern
fragen wir mal nach den gemeinsamen Vorfahren von verschiedenen
Papageien. Also: alle, die von Urtyp A abstammen in eine Schublade,
alle, die von Urtyp B abstammen in die andere und so weiter. Im Idealfall
bräuchten wir die bisherige Ordnung nicht zu verändern, denn wir
haben ja nach Gemeinsamkeiten sortiert, und schliesslich haben ja
die Nachfahren eines Urtyps bestimmte Gemeinsamkeiten. Nur: je länger
die Entwicklung dauert, desto geringer die Gemeinsamkeiten, und
irgendwie wäre es ja auch hilfreich, den längst verstorbenen Stammvater
zu kennen.
Vorteil wäre, dass nun alle mit demselben Ordnungprinzip arbeiten würden,
den schliesslich kann es nur einen "Stammvater" geben.
Die Gefahr besteht aber, dass die bisherigen Ordnungssystem völlig
neu überarbeitet werden müssen, oder in den Papierkorb wandern.
Refrain
Bei Papageien ist das noch überschaubar,
aber was ist mit dem Rest der Welt? Denn eigentlich sind Krokodile
Vögel ...
Solo für DNA
Nun gibt es ja das Zauberwort DNA, mit deren Hilfe die
Verwandtschaftsbeziehungen leicht zu lösen sind, und die so ein
hervorragendes
Ordnungsprinzip liefern könnte ... Aber der Blues geht weiter: Es gibt
verschiedene Analyse-Methoden, die eben nicht notwendigerweise zum
selben
Ergebnis führen. Und: Da eine Feinstaffelung bis zum Grad der
Geschwister
möglich ist auch die Frage, wo setze ich die für unseren Karteischrank
sinnvollen Levels an? Ein Beispiel: Der Hyazinthara ist bisher als
deutlich
abgrenzbare Art ohne weitere Unterarten bekannt. Nun kann man aber mit
Hilfe der
DNA genau feststellen, aus welchem Landesteil Brasiliens so ein
geschmuggelter Hyazinthara
stammt. Damit wäre die geographische Bedingung für eine Unterart
erfüllt...
Eine andere "Anekdote" ist die Systematisierung der
Gelbkopf-Amazonen:
Diese wurden bis in die 1990er Jahre hinein als Rassen der Amazona
ochrocephala
katalogisiert. Dann entschied man sich, diese Gruppe in drei
verschiedene Arten aufzuteilen: A. ochrocephala; A. oratrix; A.
auropalliata, -
grob gesehen danach, ob die gelbe Kopfzeichnung an der Stirn, am
ganzen Kopf
oder im Nacken zu finden war. Eigentlich eine recht praktikable
Feinstaffelung.
Nun gibt es eine neuere Untersuchung - natürlich DNA - die belegen
soll, dass
diese Neueinteilung nicht haltbar ist, sondern die alte Form die
richtige war.
Damit könnte man ja leben, wenn nicht bei dieser Untersuchung
herausgekommen
wäre, dass die Kontrollart (sozusagen die Gegenprobe) Blaustirnamazone
ebenfalls eine ochrocephalas ist. - Immerhin ist damit
wissenschaftlich sicher bewiesen, das Blaustirn und Gelbkopf zu den
Amazonen gehören, oder (um das Thema der 2. Strophe aufzunehmen)
zumindest einen gemeinsamen Vorfahren haben ...
Refrain
Bei Papageien ist das noch überschaubar,
aber was ist mit dem Rest der Welt? Denn eigentlich sind Krokodile
Vögel ...
3.Strophe:
Mit der globalen Vernetzung stehen
wieder viele Karteischränke sozusagen direkt nebeneinander, die
das Gleiche enthalten, aber anders sortiert und beschriftet sind.
Bei zoonomen.net gibt es nur eine Papageienfamilie (Psittacidae),
bei Biology Base gibt es drei (Loriidae, Cacatuidae, Psittacidae)
Wem soll man glauben?
Hinzukommt, dass nun die Karteischränke immer schneller "umsortiert"
werden. Jede Änderung ist sofort publiziert und in den einschlägigen
Datenbanken erfasst. Oftmals einfach geändert, ohne die Änderung
selbst zu dokumentieren. Innerhalb weniger Wochen ist die Gattung der
Aras sozusagen zerfetzt in Primoleus, Propyrrhura, Ara, ... - Oder
aus dem Echo-Sittich (Psittacula echo) wird ein Pferde-Sittich
(Psittacula eques) Steht man unvorbereitet vor solch einer Liste,
bleibt einem eine Suche nach Synonymen, Quellenstudium etc. kaum erspart,
um festzustellen, ob es tatsächlich derselbe oder ein anderer Vogel ist.
Schlimmer noch: Selbst grosse Institutionen, die ihre Datenbestände
gegenseitig referenzieren, arbeiten mit unterschiedlichen Systematiken.
Also immer noch der Beat der ersten Strophe...
Refrain
Bei Papageien ist das noch überschaubar,
aber was ist mit dem Rest der Welt? Denn eigentlich sind Krokodile
Vögel ...
Schlussakkord
Es ist also alles in Bewegung. So lange, wie es keine normierte,
einheitlich
vorgeschriebene Methode für die Sortierung der Papageienvögel gibt und
so lange
wie jeder Systematiker sein "eigenes Süppchen" kocht, ist jede
Systematik mit
Vorsicht zu geniessen. Sie erfüllt ihren Zweck zu 100% nur dem
gegenüber, der
sie aufgestellt hat.
Ach ja, der Erfindung neuer Methoden zur
Systematisierung steht ja auch nichts im Wege (s. den Link zu Phylocode).
Natürlich benutze auch ich für meine Schränke ein bestimmtes,
selbstentwickeltes (Un)Ordnungsprinzip, und habe deshalb den Artikel
von Heinz Schnitker in Papageien 7/2005 mit Vergnügen gelesen - aber
meine Schränke sind schliesslich nicht
von öffentlichem Interesse, wie z.B. Vogelordnungen oder schlicht
Bibliothekskataloge (die auch nicht immer nach gleichen Regeln
funktionieren).
Bei den Papageien ist das noch überschaubar ...
Lesestoff:
- Benton, M.J. (2000): Stems, nodes, crown clades, and rank-free lists: is
Linnaeus dead? in: Biological Reviews, vol. 75, pp. 633-648; November, 2000
- Eberhard, J.R. u. Birmingham, E. (2004): Phylogeny and biogeography
of the Amazona ochrocephala (Aves: Psittacidae) complex. The Auk
121(2);318-332, 2004
- Forshaw, J.M. (1981): Parrots of the World, (2. ed.) Newton Abbot:
David & Charles, 1981 ISBN 0-7153-7698-5
- Hennig, W. (1950): Grundzüge einer Theorie der phylogenetischen Systematik.
Berlin : Deutscher Zentralverl., 1950
- Rowley, I., Collar, N.J. (1997): Order Psittaciformes, in: del Hoyo et al.
(eds.): Handbook of the Birds of the World, Vol. 4. Sandgrouse to Cuckoos,
Barcelona: Lynx Editions, 1997, Pp. 245-477, ISBN 84-87334-22-9
- Schnitker, H. (2005): Papageien mit System? in: Papageien 2005, Heft 7
- Smith, G.A. (1975): Systematik of Parrots, Ibis 117.1975, S.18-68
- Willmann, R. (1985): Die Art in Raum und Zeit - Das Artkonzept in der Biologie
und Paläontologie. Berlin; Hamburg: Parey, 1985 (ISBN 3-489-62134-4)
- Wolters, H.E. (1982): Vogelarten der Erde, München: Parey, 1982
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