Kraulen ...
... kann nützlich sein.

Viele Papageien in Menschenhand sind auch fest auf den Menschen als Sozial- und "Schwarmpartner" geprägt. Einige sind so zahm, dass sie alles mit sich machen lassen, z.B. auf den Rücken legen, Flügel auseinanderziehen usw. - Mein Beitrag richtet sich eher an die Papageienhalter, deren Vögel sich zwar gern kraulen lassen, aber alles, was darüber hinausgeht, ablehnen.

H.-J. Pfeffer, Juni 2000

Kraulen ist für den menschgeprägten Papagei eigentlich nichts anderes, als die gegenseitige Gefiederpflege, die zur Bestätigung bzw. Festigung der Partnerbindung getätigt wird. Im allgemeinen läuft dies, wie so vieles bei Papageien nach einem relativ festen Ritual ab. Solch ein Ritual habe ich mir hier zu nutze gemacht, um meine Amazone ("Susepapagei") an bestimmte Untersuchungen zu gewöhnen. Unser Tierarzt kann mir dann bei einem möglichen Hausbesuch über die Schulter gucken.

Erste Szene:
 

 
Zunächst muss natürlich eine entsprechende "Kraul-Laune" vorhanden sein. Also kraulen wir ganz normal, bis der Papagei "schmusig" wird. Jetzt fange ich an, ihm (ahem - ihr natürlich!) immer wieder die gleiche Geschichte zu erzählen. Offensichtlich spielt dabei das häufige Vorkommen bestimmter Wörter eine gewisse Rolle, denn ohne diese Geschichte klappt das Spiel nicht!
Wir spielen also "Onkel Tierarzt".

Zweite Szene:
 

 
Und so geht die Geschichte: "Zuerst guckt der Onkel Tierarzt in das linke Öhrchen ..." - bereitwillig wird der Kopf in die richtige Lage gebracht, und ich kann die Ohrdeckfedern zur Seite schieben und die Ohröffnung bewundern ... Dabei erzähle ich noch ein bischen von dem Pigmentfleck den Susepapagei da hat, damit man das linke vom rechten Ohr unterscheiden kann, und so weiter ...

Dritte Szene:
 

 
Richtig: "Dann guckt der Onkel Tierarzt in das rechte Öhrchen ..."

Vierte Szene:
 

 
Ein beliebter Platz für mögliche Parasiten ist die Höhlung unter dem Unterschnabel, also guckt der "Onkel Tierarzt" auch immer unter den Schnabel. Susepapagei legt dabei den Kopf manchmal so weit nach hinten, dass man befürchtet, er fällt gleich ab.

Fünfte Szene:
 

 
Besonders wichtig ist natürlich die Kontrolle der Zunge und des Rachens, entdeckt man hier irgendwelche Ablagerungen etc. ist evtl. Gefahr im Verzuge. Wie beim Menschen auch, heisst es hier "... und dann sagt der Papagei AAAA". - Zu Anfang habe ich den Gähnreflex, der bei leichtem Druck auf den unteren Rand der Ohröffnung entsteht, genutzt, um Susepapagei dazu zu bringen, den Schnabel aufzureissen. Mittlerweile (weil ich dann auch immer den Mund aufreisse) klappt es fast ganz von allein. - "AAAA!" - Man erhält wirklich tiefe Einblicke.


Sexte Szene:

Diesmal ohne Foto: Während der Brutzeit hat meine Amazonendame eine stark erogene Zone zwischen den Flügeln an der Schwanzwurzel. Berühre ich sie dort beim "Onkel Tierarzt"-Spiel, hebt sie sofort den Schwanz und beugt sich begattungswillig nach vorn. - Das ist die Gelegenheit für eine gynäkologische Begutachtung. - Manchmal klappt das sogar ausserhalb der Brutzeit, aber eben nur manchmal ...


Siebte Szene:

Dies lies sich leider auch nicht fotografisch festhalten: Den Abschluss des Spielchens bildet immer ein sanftes Rubbeln der Wachshaut, Susepapagei kneift langsam aber sicher die Augen zu bis sich ein heftiger Niesser löst, der Staub und Schmutz aus den Nasenlöchern befördert. Anschliessend gibt es natürlich ein grossens Lob, und ein Abkraulen wie in der ersten Szene.
N.B.: Krault man am Hals entlang Richtung Schulter, stellt man fest, dass zumindest die Blaustirnamazonen dort seitlich einen federlosen Streifen haben, der sich vom Halsansatz am Kopf bis tief zwischen die Flügel fortsetzt. Ein "Freikraulen" der blossen Haut wird von Susepapagei gern gesehen, und ich freue mich, wenn die Haut schön rosig und glatt erscheint.

Dieses Spielchen apielen wir ca. zwei- bis dreimal pro Woche. Es ist insofern nützlich, dass es a) dem Sozialtrieb des Papageis entgegenkommt, und b) Veränderungen an Haut und div. Körperöffnungeni, die evtl. auf eine Erkrankung hinweisen, frühzeitig bemerkt werden können. Für Susepapagei scheint das Ritualhafte an diesem Spiel wichtig zu sein. Falsche Reihenfolge, oder falsche "Geschichte", und schon klappt es nicht mehr.
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H.-J. Pfeffer
Arbeitsgemeinschaft Papageien-Netzwerk
  © Juni 2000