Papageien und der Bedarf nach einer neuen Einstellung zur Vogelhaltung
Psittascene Vol. 13., Feb. 2001

Den folgenden Artikel veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung des World Parrot Trust. Er beschreibt zwar die Zustände in Grossbritannien, aber da ist wohl kaum ein Unterschied zu anderen Ländern in Europa, besonders aber zu Deutschland.
Autor ist Greg Glendell, die Übertragung ins Deutsche stammt von Franziska Vogel und Katja L`utz.

"Im Vereinigten Königreich importieren wir nachwievor Tausende von wild-gefangenen Papageien jedes Jahr, die meisten sterben lange bevor sie überhaupt in der Vogelhalter-Presse inseriert werden.. Doch Gefangenschaftszucht und die Praxis der Handaufzucht als Allheilmittel für die Probleme des Handels mit wildgefangenen Vögeln anzusehen, hat wahrscheinlich den Leidensgrad bei Papageien erhöht.

Grosse Lieferanten / Züchter halten Brutpaare oft unter beengten, erniedrigenden Bedingungen; Bedingungen, die von einigen "Experten" geduldet werden, die sogar die Verwendung von Brutkäfigen befürworten, in denen die Vögel nicht mal fliegen können. Solche Paare werden als Eier-Produktionsmaschinen benutzt, ihre Eier werden nach der Ablage zur künstlichen Brut und Handaufzucht entfernt. Solche Praktiken zwingen das Weibchen natürlich dazu, ihr Gelege zu ersetzen und diese Umstände können ihm für einen Grossteil seines Lebens aufgezwungen werden.

Die Babys, die vom Ei an handaufgezogen sind, sind insofern benachteiligt, als ihnen alle Interaktionen mit den Eltern fehlen, die nötig sind, um ihr mentales Wohlbefinden sicher zu stellen. Viele handaufgezogene Papageien werden Spritzenfütterung, Zwangsentwöhnung und den traumatischen Folgen von heller Beleuchtung (Brutmaschinen) unterworfen, bevor sich ihre Augen geöffnet haben. Solch ignorante Behandlung gipfelt oft in dem Stutzen der Flügel von kurz zuvor flügge gewordenen Vögeln, bevor sie verkauft werden.

Diese finsteren Bedingungen werden locker von vielen Vogelzüchtern als Standard-Praxis akzeptiert, anstatt hinterfragt zu werden. Jedes Jahr werden Tausende von Vögeln in dieser Weise in England produziert. Die Vögel werden dann in Zoogeschäften einer kenntnislosen Kundschaft verkauft, die darauf reinfällt, streichelzahme Babys zu kaufen, die von diesen emotionell Unreifen als "Streichelsäcke" missbraucht werden. - Vielen dieser Vögel, besonders Kakadus und afrikanischen Graupapageien wird es bestimmt sein, das Trauma der Selbstverstümmelung (und Angrabbelei) zu erleiden, das zunächst als Federrupfen auftritt.

Besitzern solcher Vögel misslingt es ständig, guten, wirksamen Rat von jenen zu erhalten, die ihnen den Vogel verkauft haben. Tatsächlich haben Belegschaftsmitglieder von Zoogeschäften und Züchter oft wenig mehr Ahnung von den Bedürfnissen eines Papageis (insbesondere seinen verhaltensbezogenen Bedürfnissen) als der Käufer! Manches Personal hat weder Kenntnisse noch die Neigung, sich um solche Leiden zu kümmern. Also schlagen sich die Heimvögel recht und schlecht irgendwie mit ihren Besitzern durch, wobei manche niemlas die Pflege erhalten, die sie dringend benötigen, da sogar die Basisaufklärung niemals erfolgt. Verstörte Halter von traumatisierten Vögeln suchen möglicherweise bei Vogelzüchter-Organisationen um Hilfe, bei der Vogel-Presse oder der "RSPCA" (Königl. Gesellschaft zur Vermeidung von Tierquälerei) werden aber wahrscheinlich keine qualifizierten Ratschläge von diesen Quellen erhalten. Viele Vogelzüchter-Gesellschaften geben sich als für das Wohlergehen der Vögel besorgte Gruppen aus, sind in Wahrheit meistens nichts anderes als Mitglieder-Interessengruppen. Und es gibt ein Universum an Unterschieden zwischen der Unterstützung der Vogelzucht und der Hilfe für Vögel!

Heimvögel, die beissen, Federn rupfen oder schreien, werden so von einem unerleuchteten Besitzer an den nächsten verkauft, ein Prozess, der einen Vogel auf eine lebenslängliche "Tournee" zu unwissenden Haltern für die meisten seiner 50 oder mehr Lebensjahre bringen kann. Jene, die nicht so akut leiden, leiden möglicherweise an chronischen Krankheiten infolge unzureichender Kost, wie dem sogenannten "Papageien-Futter" als Hauptnahrung.

Nutzen des Gesetzes ??

Jetzt hat Grossbritannien (das gleiche gilt für Deutschland!!) sogar eine Gesetzgebung zur Verfügung, die, wenn sie überhaupt einmal angewendet würde, viel Leid ersparen könnte. Gesetze, wie jene für Tierschutz, Heimtiere, den Verkauf von Gütern, und für Natur & Landschaft könnten helfen. Aber wieder stellt Ignoranz kombiniert mit der institutionellen Trägheit, die innerhalb örtlicher Verwaltungen (und sogar in einigen gemeinützigen Organisationen für Tierschutz) angetroffen wird, sicher, dass nichts Wirksames jemals unternommen wird, um das Massenleiden zahlloser Vögel zu lindern. So bleiben Tierschutzbeamte uninformiert über die Missstände, an denen diese Vögel leiden. Ohne Spezialwissen fehlt den Beamten und Tierschutzleuten das Vertrauen um angesichts grober Grausamkeit zu handeln. So verkaufen Zoogeschäfte überall im Lande weiterhin neurotische, traumatische und kranke Vögel an eine unwissende und leichtgläubige Öffentlickeit. Eine Öffentlichkeit mit hunderten von Pfund (- oder EUR oder DM) in den Taschen, die nach einem schmusigen Baby zum Nach-Hause-Nehmen Ausschau hält, während sie dessen wirkliche und dringliche Bedürfnisse völlig ignoriert.

Mit der wachsenden Reihe an hochqualifizierten, auf Vögel spezialisierten Tierärzte im Vereinigten Königreich (und Deutschland) könne sie nun eine gute Betreuung für ihren Vogel erhalten. Leider werden aber viele Vögel lediglich zu dem Hunde- und Katzendoktor auf der Hauptstrasse gebracht. Hier kann die "tierärztliche" Behandlung weitere Leiden verursachen. Vögeln werden Teile ihrer Flügel, Krallen und Schnäbel entfernt; Nerven werden an unbetäubten Vögeln verletzt, die vor Angsat schreien, während wichtige Teile ihres Körpers in "Routine-Behandlungen" (so nennt man das!) entfernt werden, um dem honorarzahlenden Besitzer einen flugunfähigen Vogel mit stumpfen, nutzlosen Krallen zurückzugeben, die die Hände nicht verkratzen.

Und die Vogelschauen? Wenn deren Hauptfunktion jene der schnellstmöglichen Krankheitübertragung von Vogel zu Vogel sein sollte, dann könnte dies nicht effizienter bewerkstelligt werden! Tausende von Vögeln gleichzeitig während Stunden oder tagelang in dicht bestockten, eng aufeinander gepferchten Käfigen. Bereits von einer langen Anreise geschwächte und gestresste Vögel enden in irgendeiner düsteren Halle, wo rauchende Kunden Karzinogene auf sie atmen. Wieder naive und unwissende Käufer, trennen sich aus Mitleid von hunderten Pfund (Euro oder DM) um die von den Händlern gequälten Kreaturen zu kaufen. - Und oft werden besorgte Käufer teure Tierarztrechnungen oder den Tod des Vogels wenige Tage nach der Neuerwerbung sehen, weil bakteriologische Infektionen die Eingeweide des Vogels zersetzt haben, ehe er überhaupt eine Chance hatte, sich in seinem neuen Zuhause einzuleben.

Beissende Heimvögel Heimvögel bleiben für Jahre - sogar während Jahrzehnten - in Käfige gesperrt, wenn alles, was es bräuchte, um sie von solchen Aktivitäten abzubringen ein paar Stunden grundlegenden Gehorsamtraining für den Vogel wären. Schreiende Vögel werden von einem arglosen Halter an den nächsten verkauft. Viele werden geschlagen, im Dunkeln gehalten oder während Jahren vernachlässigt. Einige traumatisierte Vögel landen in sogenannten Rettungszentren. Während es in England (und auch Deutschland) einige gute gibt, gibt es sehr viele, die auf sehr zweifelhafter Basis geführt werden; sie verkaufen gestiftete Vögel innerhalb weniger Wochen nach der Aquisition. Oder züchten mit solchen Vögeln, um noch mehr Vögel zu produzieren: mehr Leiden, mehr Profit in einem endlosen Kreis einer Papageienhölle.

Das Wohlergehen der Vögel ist das Ziel!

Wie sind wir dazu gekommen, dies solch schönen, intelligenten und sensiblen Lebewesen anzutun? Wieso foltern, misshandeln und sperenn wir routinemässig zahllose dieser völlig unschuldigen Geschöpfe für jedes Jahr ihres Lebens ein? Und niemnd tut etwas, niemand unternimmt überhaupt etwas dagegen. Wenn wir diesbezüglich etwas bewegen wollen ist eine Kampagne nötig, wobei ähnlich gesinnte Gruppen zusammenkommen, und an den folgenden Anliegen arbeiten sollten:
  1. Vogelzüchter-Gesellschaften (und deren Dachverbände) sollten ihre Statuten dahingehend ändern, dass das Wohlergehen der Vögel zum Hauptziel gemacht wird, anstatt sich auf die Interessen der Mitglieder zu konzentrieren.
  2. Ein Ende der kommerziellen Einfuhr aller wildgefangenen Vögel in das Vereinigte Königreich und der EU (Also auch Deutschland).
  3. Ein Ende der Handaufzucht, mit Elternaufzucht oder teilweiser Elternaufzucht als einzigen Alternativen.
  4. Öffentliche Anerkennung von verantwortungsvollen Züchtern; solche, die nur humane Methoden für die Papageienzucht anwenden. z.B. aber auch überhaupt keine Kakaduzucht zuzulassen.
  5. Die Errichtung eines Netzwerkes von Papageien-Zentren im ganzen Land. Deren Funktion: Information und Aufklärung von Beamten der Tierschutzbehörde und Gesetzeshütern sowie der breiten papageien-haltenden Öffentlichkeit üder die Bedürfnisse dieser Vögel. Auch darüber, wie traumatisierte Vögel rehabilitiert werden und sie entweder in sich nicht-fortpflanzenden Kolonien oder als Heimvögel für den Rest ihres Lebens gehalten werden können.
  6. Eine Aufklärungskampagne für jene, die verantwortlich für die Durchführung von Gesetzen gegen Tierquälerei sind, um sicherzustellen, dass solche Leute über die besondere Fürsorge, die Papageien nötig haben, voll im Bilde sind.
  7. Und ein Ende des Mythos, dass kommerzielle Züchter für den Naturschutz züchten. Echte naturschutz-bezogene Zucht bedeutet die Produktion von Vogeltypen, die den freilebenden entsprechen, zur Wiederansiedlung in Lebensräume, die auf sie warten.
Ich vermute, dass die Vogelzucht, so wie wir sie kennen, nicht überleben wird, wenn Vogelzüchter nicht für bedeutende und zügige Verbesserungen in der Vogelpflege sorgen werden. Und wenn sie sich nicht zum Wohle der Vögel ändert, dann verdient sie geächtet und verboten zu werden."

Greg Glendell


Anmerk.:
Ich habe mir erlaubt, einige Sätze dieses Artikels typographisch hervorzuheben. Auch habe ich ein paar kleine Ergänzungen (geklammert) hinzugefügt. Auf die Einbindung von Fotos gequälter Papageien und Rupfer habe ich verzichtet, die Argumentation von Greg Glendell spricht für sich. Greg ist leider nicht auf die "Sammler" eingegangen, die einen bstimmten Papagei "haben müssen", weil er entweder selten oder teuer oder besser noch beides ist, - ein Verhalten, dass nicht nur den Spix-Ara in den Untergang trieb - oder die Sammler, die einfach nicht genug Papageien (egal welche "Sorte") haben können. Auch in diesen Fällen geht Besitz vor Pflege.
Mir persönlich liegt es am Herzen, dass jeder, der sich je mit Papageienhandel, -zucht, -austellungswesen beschäftigt und jeder, der sich mit dem Gedanken befasst, einen Papagei anzuschaffen, diesen Artikel aufmerksam liest, und seine Konsequenzen daraus zieht.

HJP für APN

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Arbeitsgemeinschaft Papageien-Netzwerk
  03/2001