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Im Frühjahr 1998 erhielt die Redaktion der APN per email das nebenstehende Bild.
Es wurde von einem Skifahrer während eines Schneesturmes in der Nähe des
Brockengipfels gemacht. Der Fotograf gab an, dass er eine solch komische
"Krähe" im Harz noch nie gesehen hätte. - Wirklich ungewöhnlich! Habitus und Schnabelform
liessen eher auf einen Papagei, speziell Kea schliessen. Also begannen wir mit
Nachforschungen.
Was dabei erstaunliches herauskam, haben wir hier für Sie zusammengefasst.
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Recherche Teil 1 - Archive, Indizien: |
Wir fragten einige Papageienzüchter in der Region, ob irgendjemand Keas hätte, bzw.
züchtet. - Fehlanzeige. Dann fragten wir die Tiergehege (Nordhausen, Greifvogelstation
Bad Sachsa u.a.). - Fehlanzeige. Aber es gab einen Tip: In Schierke nahe dem Brocken
soll es vor der Wiedervereinigung einen Zoo gegeben haben.
Dies brachte uns darauf, einige ältere Einwohner Schierkes zu befragen und das
Stadtarchiv Wernigerode, (Schierke liegt im Landkreis
Wernigerode) zu durchstöbern. Heraus kam folgendes:
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1978 gelang es dem damaligen Leiter des Zoos in Schierke durch Vermittlungen des
damaligen MfS vier Keas über das befreundete
Nordkorea in die DDR zu holen, und sie in einem grossen Fluggehege auszustellen.
Diese Vögel waren damals eine Sensation, allerdings nur für die Parteibosse,
und höchsten Staatsdiener, da nur diese Zugang zur grenznahen Sperrzone hatten,
und die schöne Landschaft als Urlaubsziel nutzten.
Das Projekt als solches war geheim, deshalb wurde im Westen davon
nichts bekannt. Aufgrund der Öffnung der Staatsarchive durch die Gauck-Behörde
müsste der Vorgang in den Akten des MfS zusätzlich nachzuweisen sein.
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Blick auf Schierke, im Vordergrund das ehemalige
Zoogelände |
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Im Stadtarchiv Wernigerode konnte in den wenigen Unterlagen auch eine Inventarliste
des Schierker Zoos
vor seiner Auflösung 1987 ausfindig gemacht werden, auf der 6 Keas gelistet
sind. Offensichtlich gab es also auch einen Bruterfolg. Mit der Auflösung
des Zoos verliert sich aber die Spur. Ein Augenzeuge der damaligen Zeit (Karl
Kronjäger, geb. 1908) glaubt sich daran erinnern zu können, dass diese
Keas in den Zoo nach Leipzig verlegt worden seien. Das Inventarverzeichnis
des Leipziger Zoos weisst aber für den dortigen Kea-Bestand eine völlig andere
Herkunft nach. Soviel ist aber sicher: Der Tierbestand des Schierker Zoos wurde
mit der Harzquerbahn abtransportiert und in Nordhausen auf die Deutsche
Reichsbahn umgeladen. Ob die Keas dabei waren, weiss niemand mehr. Der Zoo und
die Keas gerieten in Vergessenheit, bis wir das eingangs gezeigte Bild
erhielten.
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Ein weiteres Foto tauchte auf, das in einem Ausschnitt angeblich ein
Greifvogel zeigt, der in der
Nähe von Ilsenburg, einem bekannten Ausflugsziel nur ein paar Kilometer
entfernt vom Aufnahmepunkt des ersten auf Zelluloid gebannt wurde.
Eine Falschfarbenanalyse der Ausschnittvergrösserung ergab folgendes:

links Original, rechts gefiltert
Nun war kein Zweifel mehr möglich, die Flügelzeichnung ist zu typisch:
Da waren sie, die Keas aus Schierke!
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Recherche Teil 2 - Auf Kea-Pirsch im Harz: |
Fotos und Dokumente sind eine Sache, aber sicherer ist es, die Tiere auch
in freier Wildbahn aufzuspüren. Zusammen mit unserem Fachmann für wildlebende
Papageien in Deutschland machten wir uns mehrfach auf die Suche. Schwerpunkte
dabei waren das Brockenmassiv, die Umgebung von Schierke sowie einige Gebiete
südl. Ilsenburg und die
Punkte an denen die Keas angeblich schon gesichtet/fotografiert worden waren.
Sommer 2001:

Aufstieg ins Untersuchungsgebiet
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ein mögliches Habitat, "Quitschenhai" bei Schierke
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Dauer der Suche: 5 Tage
Untersuchtes Gebiet: ca. 10 qkm
Sichtungen: keine
Winter 2001/2002:

Gipfelbahnhof Brocken der Harzquerbahn
- typisches Keawetter
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Brocken, an der Baumgrenze
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Dauer der Suche: 3 Tage
Untersuchtes Gebiet: ca. 3 qkm
Sichtungen: keine
Sommer 2002:

Forst Öhrenfeld: Nagespuren von Keas?
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Ein paar Km weiter: Gefunden! Ein scheuer, noch junger Vogel,
der Rest der Bande blieb unsichtbar
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Dauer der Suche: 5 Tage
Untersuchtes Gebiet: ca. 3 qkm
Sichtungen: ein Jungvogel, akustisch wurden weitere
Vögel (Anzahl nicht bestimmbar) identifiziert.
Jetzt hatten wir a) den Beweis, und b) wissen wir, wo wir suchen
müssen. Es gilt, zumindest die Grösse der Population und möglicherwiese
ein paar Verhaltenweisen herauszubekommen.
Winter 2002/2003:

Auf Nahrungssuche im Schnee
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Dieser Vogel (beringt!) hat uns entdeckt,
kurz darauf waren alle verschwunden.
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Dauer der Beobachtung: 5 Tage
Untersuchtes Gebiet: ca. 3 qkm
Sichtungen: 12 Vögel (1 beringt); akustisch 2 -3 weitere
Sommer 2003:

Dämmerungsfoto (infrarot)
3 Vögel im Gras (rote Punkte) - auch am Tag
sind sie kaum zu entdecken,
die Tarnung durch das Gefieder ist optimal.
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typische Wühlspuren der Keas unter einem Baumstumpf
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Dauer der Beobachtung: 3 Tage
Untersuchtes Gebiet: ca. 4 qkm
Sichtungen: gesamt 10 Vögel in zwei Gruppen (2 beringte Vögel); akustisch mehrere zusätzlich
Leider war es aus klimatischen und anderen Gründen nicht möglich
im Winter 2003/2004 die Keas zu besuchen.
Natürlich werden wir so oft es möglich ist die Keapopulation im Harz weiter
beobachten.
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Recherche Teil 3 - Schlussfolgerungen: |
Offensichtlich ist es den Keas aus dem ehemaligen Zoo in Schierke
gelungen, der Deportation nach Leipzig wie auch immer zu entkommen.
Die beiden beringten Vögel sind ein deutlicher Hinweis darauf.
Ihnen gelang nordöstlich vom Brocken die erfolgreiche Ansiedlung im Harz.
Die wiederholte Beobachtung in dem bekannten relativ eng umgrenzten Gebiet
ergab eine Bestandsgrösse von etwa 15 Vögeln, die in zwei Gruppen leben.
Offensichtlich sind diese Keas sehr standortgebunden, da sie jahreszeitlich
unabhängig immer wieder an denselben Stellen entdeckt werden konnten.
Die Habitat-Bedingungen entsprechen in etwa denen der natürlichen
Heimat der Keas. Der Brocken ist eines der niederschlagsreichsten Gebiete
Europas, und er erreicht mit ca. 1.140 Höhenmetern die subalpine
Vegetationszone. Auch die langen Winterzeiten, meist mit viel Schnee verbunden,
entsprechen der Situation in der Heimat der Keas.
Das Nahrungsangebot ist vielfältig. Von Beerensträuchern bis hin zu
Borkenkäfern und deren Larven scheint alles vorhanden, was der Kea braucht.
Ob er als Eierdieb (wie in Neuseeland) bei der heimischen Vogelwelt seinen
Eisweissbedarf zusätzlich deckt, ist nicht bekannt.
Gewisse Einschränkungen in der Adaption des Habitats scheint es aber
doch zu geben: Die Populationsgrösse ist sehr niedrig. Geht man von
6 Keas aus, die in Freiheit gelangten, sowie dem augenblicklichen Stand
von etwa 15 Vögeln, kann das zwei Ursachen haben: Entweder ist die
Reproduktionsrate sehr gering, evtl. bedingt durch Mangel an Nahrung oder
Nistmöglichkeiten, oder Reproduktionsrate ist hoch, bei gleichzeitig
verringerter Lebenserwartung, die ebenfalls Habitat-bedingt sein muss.
Aussergewöhnlich ist die Scheu, die die Keapopulation vor den
Menschen zeigt. Über Ursachen kann man nur spekulieren. NVA und hightech
Sperranlagen mit Schussfallen, Spürhunden etc. haben ja zumindest die
Eltern der jetzigen Generation noch erlebt. Vielleicht ist aber diese Scheu
noch von Vorteil. Sollten die Keas am Brocken ihre Scheu ablegen, und
eventuell so neugierig werden, wie ihre Verwandten in Neuseeland, dürfte
mit grösseren Schäden an der Brockenbahn und anderen infrastrukturellen
Einrichtungen des Nationalpark Harz zu rechnen sein.

Dies wäre ein lohnendes Objekt ...
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| Danksagung/Quellenangaben: |
Bedanken möchten wir uns besonders bei Detlev Franz, unserem Spezialisten
für wildlebende Papageien in Deutschland, dessen Website
Papageien vor der Haustür
als grosse Vorlage für diesen kleinen Beitrag diente, und bei der Harzquerbahn
für immer höhere Fahrpreise (doch Kea-bedingt??).
Quellen
- Eigene Fotos, Reiseprospekte, www.wernigerode.de, www.papageien.org,
www.google.de, www.alltheweb.com, www.altavista.com
- Filme: Arendt/Schweiger: "Keas, Spassvögel in Neuseeland"
und Morris/Paine: "Kea der Bergpapagei, Neuseelands Clown der Berge"
- Mandrake9.0, Mandrake9.2, SuSE7.0 vi, kwrite, gftp, gimp, photopaint9(Linux), xine
sowie die Rechner "Pionus", "Macao" und "Ararauna"
- Lucky Strike, Radeberger Pils und 0,25l Schierker Feuerstein
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Zur Homepage: |
Zusammenstellung
H.-J. Pfeffer
Arbeitsgemeinschaft
Papageien-Netzwerk
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© 1.April 2004
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